Bei Igor Levit kann man sich ja immer auf etwas gefasst machen. Aber so etwas! Da kommt er aus der Garderobe des Rossini-Saals aufs Podium und drischt das bisher doch immer so schöne Thema der Diabelli-Variatinen in die Tasten. Aber plötzlich ist da eine Idee: Er spielt nicht Beethoven, sondern den Beethoven.
Der hat gerade von Anton Diabelli ein Thema bekommen, über das er eine Variation schreiben soll, wie alle anderen Wiener Komponisten auch. Er! Und dann ist das Thema auch nicht gut. Es hat einen Schusterfleck. Das sind Rückungen der Melodie nach oben oder unten, ohne die Tonart zu verlassen. Höchst verpönt! Aber er lässt sich darauf ein, spielt eine Variation, und vergisst die Welt um sich herum und bleibt dran, wird versöhnlicher, braust wieder ärgerlich auf, aber allmählich findet er gefallen. Eine Variation? 33!
Und so entwickelt Igor Levit ein köstliches und weit gefächertes Spektrum an Emotionen, an Figuren und Veränderungen, denen er allen einen inneren Zusammenhalt und ganz plastische Strukturen gibt, die die Konstruktionen klären. Und immer wieder lässt er den Unwillen Beethovens aufblitzen, sich auf die Sache überhaupt eingelassen zu haben. Die eine oder andere Variation hat darunter zu "leiden". Das macht Levits Interpretation so spannend, dass man nie weiß, in welche Stimmung er die nächste Variation taucht. Da sind durchaus Überraschungen dabei, aber sie rechtfertigen sich aus der Musik. Geradezu köstlich ist die Variation XXII. in der Beethoven den Leporello aus Mozarts "Don Giovanni" zitiert: Notte e giorno faticar". Sie wird gerne mozartisch charmant gespielt - aber nicht von Igor Levit. Schließlich ist das eine Jammerarie eines Dienstboten, und außerdem hört man auch ein bisschen Neid auf den erfolgreicheren Opernkomponisten Mozart heraus.