Die Bewohner der Bad Kissinger Kantstraße machen sich Sorgen, weil in ihrer Straße der Bau von vier Mehrfamilienhäusern mit 27 Wohneinheiten und einer Tiefgarage ansteht. Anfang März reichten 68 Bürgerinnen und Bürger eine Petition gegen das Großprojekt bei der Stadt ein.

Hermann Merkle, dessen Anwesen zur Goethestraße zählt, aber bis zum Wendehammer der Kantstraße reicht, hat nun in einem Offenen Brief an Oberbürgermeister Dirk Vogel seine persönlichen Bedenken gegen das Bauvorhaben zum Ausdruck gebracht.

Der Bauantrag der Firma Wogebau Objekt GmbH Bad Kissingen liegt seit 18. Dezember 2020 bei der Stadt zur Genehmigung vor. Noch werden die Stellungnahmen der Träger öffentlicher Belange geprüft, hieß es am 23. April vonseiten der Pressestelle im Rathaus. Die Baugenehmigung sei noch nicht erfolgt.

Hermann Merkle hat sein Haus samt Grundstück vor vier Jahren gekauft. Er richtete das Gebäude her und zog mit der Familie vor eineinhalb Jahren aus einem Nachbarlandkreis hierher. Über die in Aussicht stehende Großbaustelle in der Nachbarschaft ist er "alles andere als begeistert", sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion.

Bezug auf die Petition

In seinem Brief an OB Vogel nahm er Bezug auf die Petition der Anwohner und auf deren "starke Vorbehalte" gegen das geplante Bauvorhaben, das sich "nicht harmonisch in die Umgebung einfügt", sondern sich durch Größe und Bauart als "unpassender Fremdkörper" darstelle.

Nach Merkles Ansicht stellen die baulichen Veränderungen einen "gravierenden Eingriff ins Nachbarrecht" dar. Die Anwohner hätten darum gebeten, dass sich der Bauausschuss mit dieser Angelegenheit befassen soll, heißt es unter anderem in seinem Offenen Brief. Diese Bitte sei von der Stadt abgelehnt worden.

Emissionen könnten sich stauen

Nach Merkles Ansicht ist dieses Projekt aber sehr wohl ein Thema für die Stadträte, weil es um das Wohlbefinden eines ganzen Viertels geht, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Seiner Meinung nach würden sich in der schmalen Sackgasse Kantstraße Emissionen wie Lärm und Abgase stauen und die dort wohnenden Bürger beeinträchtigen.

Was die beiden geplanten Tiefgaragen angeht, gebe es laut Plan nur 32 Stellplätze für 32 Wohneinheiten, bereits bestehende Wohnungen eingerechnet. Merkle: "Wenn man davon ausgeht, dass knapp die Hälfte der Familien noch einen Zweitwagen besitzt, müssen also noch mindestens 13 Autos in den umliegenden Straßen geparkt werden."

Er habe den OB in dem Offenen Brief gebeten, dass sich der Bauausschuss über das Großprojekt ein Urteil bilden soll. Laut Geschäftsordnung des Stadtrats (§ 8, Absatz 2) muss der Bauausschuss aber vom Oberbürgermeister nur über Bauvorhaben ab Gebäudeklasse 4 (Gebäude mittlerer Höhe) informiert werden.

Im Fall des geplanten Projekts handelt es sich jedoch um Gebäudeklasse 3 (Gebäude niedriger Höhe), so die städtische Bauverwaltung jüngst auf Anfrage dieser Redaktion. Das Thema stand zwar auf der Tagesordnung für die Stadtratssitzung am 28. April. Die wird wegen Covid-19-Fällen in der Stadtverwaltung verschoben. Allerdings ist aus der Pressemitteilung zu entnehmen, dass über das Bauprojekt in der Kantstraße lediglich informiert worden wäre - es hätte keine Entscheidung angestanden. Isolde Krapf

Gebäudeklassen

Mit der Neufassung der Musterbauordnung von 2002 wurde in Deutschland die Einteilung von Häusern in insgesamt fünf Gebäudeklassen eingeführt. In der MBO sind die Gebäudeklassen in Abhängigkeit von der Gebäudehöhe sowie der vorhandenen Nutzungseinheiten definiert. Dabei wird die Höhe von der Geländeoberfläche bis zur Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses gemessen. Die Gebäudeklassen 1 bis 3 umfassen demnach Gebäude mit einer Höhe bis zu sieben Metern. Wichtig ist die Gebäudeklasse auch in Bezug auf den Brandschutz. Quelle: Bay. Bauordnung