Die Älteren unter den Schwestern in Maria Bildhausen erzählten noch davon, als die "grauen Busse" der Nazis vor dem Klostergut hielten, um ein paar ihrer Pfleglinge abzuholen. Am 6. Dezember 1940 wurden 14 Männer nach Günzburg, am 25. März 1941 weitere acht Männer nach Eglfing-Haar "verlegt". Dass nicht mehr Bewohner "angefordert" wurden, wie das damals hieß, ist wohl den Schwestern zu verdanken, die sich sehr für ihre Schützlinge eingesetzt haben sollen.
Möglicherweise sahen die Nazis das Klostergut auch einfach als florierenden landwirtschaftlichen Betrieb an, in dem die Heimbewohner "von Nutzen" waren, sagt Heimleiter Thomas Hahn. Er arbeitet seit 1986 in Maria Bildhausen und kannte noch einen jener Bewohner, die 1942 aus Günzburg zurückkamen: Leopold B.

Geboren wurde Leopold B. 1904 in Ettringen bei Mindelheim. Seine Mutter Maria B. war nicht verheiratet und wird in den Akten jener Zeit als "Armenhäuslerin" bezeichnet. Der katholische Knabe Leopold B. sei für die Volksschule in Ottobeuren "ungenügend begabt" gewesen, schrieb man in einer Beurteilung. Am 23. September 1912, im Alter von acht Jahren, trat er in die Dominikus-Ringeisen-Einrichtung in Ursberg ein und besuchte dort die Sonderschule.
Geschildert wird Leopold B. als "schüchternes, verstecktes Kind", das "in der Kirche ruhig" ist. 1921 hieß es in der schulischen Beurteilung: "Er ist für sein Alter körperlich zurück, aber gesund."

Im September 1926 siedelte Schwester M. Ferdinanda mit 18 "schwachen Buben" aus Ursberg nach Maria Bildhausen über, wird in alten Dokumenten berichtet. Einer davon war Leopold B. Erst im Jahr 1928 stellte die Kongregation an die Bezirksregierung einen "Antrag zur Errichtung einer Anstalt für männliche Geistesschwache", schreibt Thomas Hahn in seinem Buch über Maria Bildhausen.
Hahn erlebte Leopold B. als einen "Menschen mit Stärken und Schwächen". Seiner Ansicht nach sei er "höchstens mittelgradig behindert" gewesen. Der gebürtige Ettringer habe sich in Maria Bildhausen aufgehoben gefühlt. Er feierte hier sein 75-jähriges Bestehen in der Ursberger Gemeinschaft. Geschildert wird er in frühen Dokumenten als "harmloser, immer hilfsbereiter Kranker", der durch "fleißiges Arbeiten in den Klosteranlagen" hervorsticht. Dass er im Dezember 1940 von den Nazis ins Bezirksnervenkrankenhaus nach Günzburg verbracht und später sogar zwangssterilisiert wurde, habe ihn schwer traumatisiert, weiß Hahn von den Schwestern, die Leopold B. damals besser kannten.

Nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 wurde die Rassenlehre der Nationalsozialisten in Paragrafen gegossen, unter anderem 1933 mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (Sterilisierungsgesetz) und 1935 mit dem "Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes". Für die Behinderten in den Ursberger Einrichtungen bedeutete dies, dass ihnen unter Umständen die Zwangssterilisation drohte, heißt es im Buch von Herbert Immenkötter ("Menschen mit Behinderung"). Es sei denn, man hielte sie in "geschlossenen Anstalten" fest. So errichteten die Schwestern auch in Maria Bildhausen um ihre Häuser Zäune, in der Hoffnung, ihre Schützlinge zu behalten.

Doch der Kelch ging nicht an dem Klostergut vorbei: 1940 wurden 14 Heimbewohner abgeholt und nach Günzburg verbracht, heißt es bei Immenkötter. In den ersten Tagen dort schrieb einer der Bildhäuser Zöglinge in einem Brief: "Wir alle viel Heimweh. Viel Weinen. Bildhausen gut. Nicht gut angewöhnen. Kommen, bald fahren." Offenbar wussten die Schwestern des Klosters nicht, was ihren "Buben" bevorstand, wie aus einem Brief von Schwester Plautilla an die Ursberger Oberin hervorgeht. Der Abschied war offenbar hart, denn den Buben sei schwer ums Herz gewesen, als sie gehen sollten.

Auch Leopold B. sei arg getroffen gewesen. "Dieser sah aus wie eine Leiche. Am Morgen hatte er noch seine ersparten Pfennige gebracht, man solle dafür noch ein Heidenkind kaufen und es solle Georg heißen, damit sein hiesiger Freund, der auf Abwege geraten war, doch noch gerettet wird."
Am 13. Dezember 1940 erzählte Schwester Alma (Ursberg) in einem Brief an Schwester Plautilla, dass sie die Bildhäuser Buben in Günzburg besucht habe. Dabei erwähnte sie auch Leopold B. "Er sieht ganz abgehärmt aus. Ich glaube, der hat am meisten Heimweh. Das Essen ist so schlecht und wenig, gar kein Gewürz dran, sagte Leopold."

Es gibt ein weiteres Dokument, in dem die Leitung Maria Bildhausens den Landesfürsorgeverband Schwaben um die Rückführung der Zöglinge bittet. Einer der aus Maria Bildhausen nach Günzburg verbrachten Männer habe ein paar Monate später nach Hause gedurft, heißt es weiter. Fünf wurden im Juli 1941 in Hartheim getötet, zwei starben in Günzburg, sechs kamen 1942 nach Maria Bildhausen zurück, darunter Leopold B.

In Günzburg hatte man Leopold B. "Schwachsinn" attestiert und seine "Unfruchtbarmachung" beschlossen. Er sei zwangssterilisiert worden, als er wieder zurück in Maria Bildhausen war, weiß Heimleiter Hahn aus Erzählungen der Schwestern. Denn in den Unterlagen gibt es lediglich den Hinweis darauf, dass diese Operation erfolgte.

Erst 1988 beschloss der Deutsche Bundestag, für die Opfer der Zwangssterilisation unter Hitler eine Entschädigung anzusetzen. "Das waren 5000 Mark, die nicht auf die Vermögensgrenze angerechnet wurden", erinnert sich Hahn und weiß noch, wie die Schwestern in Maria Bildhausen überlegten, was man Leopold B. mit dem Geld Gutes tun könnte. Schließlich entschied man sich für eine Hangrutsche, weil er die ganz toll fand.

Leopold B. starb im Jahr 1991 im Alter von 97 Jahren.

Zur Info:
In Ursberg und Maria Bildhausen gedenkt man der Opfer des Nationalsozialismus: Die Erinnerung an die systematische Vernichtung behinderter Menschen während der Nazi-Diktatur ist wichtig. Davon sind die Verantwortlichen von Dominikus-Ringeisen-Werk und St. Josefskongregation (beide Ursberg) überzeugt. An die Opfer aus dieser Zeit erinnern die Mahnmale in Ursberg und Maria Bildhausen. Der Bayerische Landtag und die Stiftung bayerischer Gedenkstätten untermauern die Bedeutung solchen Erinnerns am 26. Januar mit einer Gedenkveranstaltung in Ursberg.
Auch in Maria Bildhausen will man sich diesem Gedenken anschließen. Am 28. Januar um 14 Uhr referiert Peter Kapfer (Ursberg) im Obergeschoss des Abteigebäudes über die "Aktion T 4", hinter der sich die gezielte Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen verbarg. "T 4" steht dabei für die Berliner Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4, in der die grausamen Maßnahmen beschlossen wurden.

In den Jahren 1940 bis 1945 wurden bei der Aktion T 4 allein 379 Menschen aus den Heimen Dominikus Ringeisens ermordet, wie einer Gedenktafel in Ursberg zu entnehmen ist. Die Opferzahlen in den sechs T 4-Anstalten sind insgesamt unglaublich hoch. Nach Kapfers Recherchen wurden dort allein in den Jahren 1940 und 1941 insgesamt 70 273 Menschen umgebracht.

Es gab auch noch andere Tötungsanstalten, zum Beispiel in Kaufbeuren, Irsee, Günzburg und Eglfing-Haar, haben Historiker recherchiert. Aus den Einrichtungen der St.-Josefskongregation (Franziskanerschwestern) und des Dominikus-Ringeisen-Werks in Ursberg/Schwaben und den Filialen, zu denen auch das fränkische Kloster Maria Bildhausen zählt, wurden 519 Menschen mit Behinderung in solche Anstalten verlegt. Davon kamen 199 Personen allein auf Schloss Hartheim bei Linz durch Gas ums Leben.

Den Hartheimer Opfern ist auch das neue Euthanasie-Mahnmal auf dem Bildhäuser Friedhof gewidmet. Darüber hinaus wurden weitere 180 Menschen mit Behinderungen in anderen Anstalten durch Verhungern und Spritzen von Überdosen an Schlafmitteln getötet. Von den 22 Menschen, die in den Jahren 1940 und 1941 aus Maria Bildhausen nach Günzburg und Eglfing-Haar "verlegt" worden waren, kamen später nur 15 wieder zurück ins Kloster.