Von außen ist das Gebäude des Industrie- und Handwerksdepots der städtischen Sammlungen unscheinbar. Ein grauer Zweckbau, 765 Quadratmeter, vor zehn Jahren eingeweiht. Doch öffnet man die Tür, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Mehrere tausend Objekte, darunter tonnenschwere, große Maschinen aus der Kugellagerindustrie, gibt es. An jeder Ecke lugt etwas hervor, das die Neugier weckt.

Johanna Körner, die wissenschaftliche Volontärin des Kulturforums, das für das Depot zuständig ist, hat einen Vergleich, der sehr gut passt: "Das Depot ist wie der Raum der Wünsche. Hier gibt es immer so viel zu gucken." Im Raum der Wünsche aus der Harry-Potter-Saga kann jeder Zauberer seine wichtigsten Objekte lagern. Leider ist der Platz nahe der Ständigen Wache der Feuerwehr dann doch deutlich begrenzter als in der Fantasiewelt der britischen Zauberer. Insgesamt gibt es nämlich rund 22 000 Objekte der städtischen Sammlungen, die über mehrere Depots in der Stadt verteilt sind. Das Industriedepot ist das größte, und selbst Depotverwalter André Zielenkewitz hat immer wieder etwas Neues zu entdecken, wenn er da ist.

Professionelle Lagerung ist ebenso Pflicht wie die Erfassung der Sammlungsstücke in der zentralen Datei. Wenn etwas zum ersten Mal angeliefert wird, muss es in Quarantäne. Das hat nichts mit dem Corona-Virus zu tun, mit Bakterien und Schädlingen aber schon. Denn im Quarantäne-Raum stehen zum Beispiel alte Holzmöbel oder auch Kleidungsstücke. Es wird beobachtet, ob es Fraßlöcher von Schädlingen oder Holzwurm gibt. Wenn ja, wird entsprechend dagegen behandelt.

Die Vielfalt der Sammlungsstücke ist frappierend, man kommt aus dem Staunen kaum heraus. In einem der Hochregale liegen zwei metallene Polizeisprechstellen, davor in einem großen Holzkasten ein Einbaum, gut 2000 Jahre alt, gefunden am Main bei Schonungen. Daneben eine Farbenmaschine, tonnenschwer, um die Ecke die Ratskasse aus dem Jahr 1595. Heute würde die Holztruhe mit dem filigranen Schloss im Deckel nicht reichen, um die Millionen Euro zu beherbergen, die die Stadt auf dem Sparbuch hat.

Natürlich haben die Kulturforum-Mitarbeiter ihre Lieblingsstücke, die unterschiedlicher kaum sein können. Johanna Körner hat bei ihren Streifzügen durch das Depot auf der Suche nach geeigneten Objekten für das neue Stadtmuseum - es entsteht in der Alten Reichsvogtei und soll im Frühjahr 2023 eröffnet werden - ein Auge auf einen Fisch gelegt, der aussieht wie ein Drache. Im Regal liegt der Fisch mit grauen Schuppen, markanten roten Flossen und blinkend weißen Zähnen neben dem Modell der Boeing 737 der Lufthansa mit dem Namen "Schweinfurt" - das Symbol eines jahrhundertealten Handwerks gegenüber dem Symbol für weltweites Reisen. Was die beiden sich zu erzählen haben?

Körner gefällt der Fisch, er ist skurril, aber er erzählt auch eine Geschichte, was für Museumsmacher und Historiker besonders wichtig ist, um Früheres in der Jetzt-Zeit erlebbar zu machen. Wenn die Fischer tagten und Zunft-Angelegenheiten besprachen, lag der Fisch auf dem Tisch, die Truhe mit den Insignien wie dem Siegel oder der Meisterrolle war offen. So lange das so war, durfte nicht getrunken werden, es wurde also erst getagt, und dann kam das Vergnügen.

Von Vergnügen kann bei Andrea Mayers Lieblingsstück keine Rede sein, zumindest für einen der Betroffenen. Für sie hat das Richtschwert des Henkers aus dem 18. Jahrhundert besondere Bedeutung. Es ist ein zweihändig geführtes Schwert mit einer abgerundeten Spitze, hergestellt in Solingen. Das Schwert repräsentiert die Zeit der Blutgerichtsbarkeit der Stadt, erst 1748 wurde die Todesstrafe in Schweinfurt abgeschafft.

Natürlich geht es Andrea Mayer nicht um den Grusel, sondern um das, was das Schwert repräsentiert. "Wir wollen Objekte nicht einfach nur hinstellen, sondern die Geschichte dazu erzählen und den Bezug zur Gegenwart vermitteln", erklärt sie den Ansatz für das neue Stadtmuseum, in dem natürlich Schweinfurts Geschichte als freie Reichsstadt einen besonderen Schwerpunkt bekommt.

Einen Bezug zumindest zu den alteingesessenen Schweinfurtern, die vor Jahrzehnten gerne auf dem Marktplatz weilten, hat sicher der "Lügenbeutel", das Lieblingsstück von André Zielenkewitz. Der Nachbau, den der Stammtisch des Bürgervereins Altstadt finanzierte und OB Kurt Petzold 1990 aufstellen ließ, ist im Depot. Das Original wurde wohl im Zweiten Weltkrieg für den Waffenbau eingeschmolzen. "Ich finde das skurril und witzig", erklärt Zielenkewitz, denn die Wetterstation war nicht der verlässlichste Partner, wenn es darum ging, vorherzusagen, ob es nun Sonne oder Regen gibt, daher der Name "Lügenbeutel."

Das Depot ist für "chaotische Lagerhaltung" gebaut, da die Objekte auch nach Größe und Gewicht an den Platz gestellt werden, der am besten passt. Wiedergefunden wird alles dank der einheitlichen Inventarisierung. Der Streifzug in die Tiefen der Halle führt weiter vorbei an alten Holz-Reliefs der Stadt, Bühnen-Kulissen von Theaterstücken für die Belegschaft bei FAG bis zu einem ganz besonderen Stück: der Ratsherrensänfte.

Mutmaßlich, aber die Sänfte aus dem 18. Jahrhundert ist zumindest für einen sehr wohlhabenden Schweinfurter gewesen, der sich damit von vier Bediensteten durch die Stadt tragen ließ. Der Blick nach vorne golden umrahmt, fast wie ein Bilderrahmen. Welcher Stadtrat diese Hybris heute hätte? Kaum vorstellbar.

Wie viele Teile aus dem Depot am Ende im neuen Stadtmuseum landen, ist noch offen. Die Räume in der Alten Reichsvogtei, nicht mehr im Alten Gymnasium, sind teils recht klein und eine Herausforderung für die Museumsgestaltung, die nun mit ersten Workshops mit dem beauftragten Museumsplaner BOK und Gärtner, einer Agentur für Kommunikationsdesign und Szenografie aus Münster begonnen hat.

Andrea Mayer erklärt, wo es hingehen soll: "Wir wollen ein Museum zum Erleben, wir wollen die Menschen für ihr Stadtmuseum und ihre Stadt begeistern." Wer Richtschwerter, Drachenfische und "Lügenbeutel" in seinem Bestand hat, muss sich da wohl keine Sorgen machen.Oliver Schikora

Museen in Schweinfurt

Seit ihrer Gründung 1980 pflegen die Städtischen Sammlungen das zur Stadtgeschichte zusammengetragene Kulturgut. Gesammelt wird aktiv, unterstützt von Privatpersonen und Vereinen wie dem Arbeitskreis Industriekultur, dem Kunstverein oder etwa dem Historischen Verein. Es gibt sechs Museen - Kunsthalle, Museum Georg Schäfer, Museum Otto Schäfer, Naturkundliches Museum, Gunnar-Wester-Haus sowie den Künstlerhof Oberndorf. Das Stadtmuseum entsteht mit neuem Konzept im Rahmen des Neubaus des Kulturforums in der Alten Reichsvogtei bis 2023.

Rund 22 000 Objekte lagern in den Depots der städtischen Sammlungen. Es gibt das Industriedepot nahe der Ständigen Wache der Feuerwehr, ein Textildepot sowie ein Silber- und Waffendepot im Gunnar-Wester-Haus sowie natürlich die Depots für Kunstwerke.

Die Freunde der Städtischen Sammlungen wurden als Verein am 25. November 1986 gegründet, seit 1992 ist das der heutige Kunstverein Schweinfurt, der mit mittlerweile rund 600 Mitgliedern einer der größten in Nordbayern ist.

Quelle: Stadt Schweinfurt/SWT