Was unter Kanzler Helmut Kohl 1990 gelang, war schon Jahrzehnte zuvor Jakob Kaisers Ziel: die deutsche Wiedervereinigung. Allerdings standen sich die Machtblöcke im Jahrzehnt nach Kriegsende dafür zu unversöhnlich gegenüber. Auch wenn Kaiser mit seinem Ziel scheiterte, war sein Einfluss in der Bundesregierung groß. Von 1949 bis 1957 war er Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Es heißt sogar, der 1888 in Hammelburg geborene Gewerkschaftler wäre fast Kanzler geworden. In Hammelburg bleibt er unvergessen.

Unter Lebensgefahr hatte sich Kaiser schon in der Nazi-Diktatur für ein besseres Deutschland eingesetzt. Er war einer der wenigen Widerständler, die dem Henkerstod entkamen. Mutig hatten sich die Arbeitervertreter von Kaiser über Wilhelm Leuschner bis Max Habermann gegen die Diktatur gestellt. In ihnen war die Überzeugung gereift, dass eine waffenstarrende Diktatur nur durch eine bewaffnete Macht angreifbar sei, und so suchten Jakob Kaiser und seine Freunde den Zugang zu führenden Männern der Wehrmacht. Bald war auch der Kontakt zu Carl Friedrich Goerdeler hergestellt, dem die tragende politische Rolle im Falle eines Erfolgs des Attentats vom 20. Juli 1944 zufallen sollte. Kaiser avancierte im Widerstand zum führenden Sprecher der deutschen Gewerkschaften.

Unglaubliche Angst

Nach dem gescheiterten Putsch am 20. Juli 1944 überschlugen sich die Ereignisse. Kaiser flüchtete in Berlin vor seinen Henkern in einen Keller von Freunden in Babelsberg, wo er bis zum 10. Mai 1945 hauste. Im Radio hörte er von der Hinrichtung seiner Weggefährten. Jakob Kaisers Frau Therese und seine Tochter kamen in das Konzentrationslager Buchenwald, wo sie später befreit wurden.

Unglaubliche Angst herrschte bis zur Befreiung auch in Hammelburg. Kaiser hatte neun Geschwister. Um der Familie Repressalien zu ersparen, rang Jakob Kaiser in seinem Versteck in Babelsberg mit sich selbst, ob er sich stellen sollte. Davon rieten ihm seine Freunde ab.

Russische Soldaten befreiten ihn im April 1945 aus seiner Kellerzuflucht in Babelsberg, worauf Kaiser schnell wieder eine politische Tätigkeit aufnahm. Sein Ziel war die Gründung einer überparteilichen Einheitsgewerkschaft und einer überkonfessionellen, christlichen Partei. Er hatte 1936 in der Widerstandsbewegung schon Kontakt zu Konrad Adenauer aufgenommen und versucht, ihn für die Sache zu gewinnen. Der spätere Bundeskanzler wies ihn ab. Er hielt nichts von einer Tätigkeit im Osten, sondern wollte die westliche Politik begründen.

Unterschiedlicher Meinung

Nach Kriegsende engagierte sich Kaiser zunächst in Berlin für die CDU-Deutschland (CDUD). Hier bekannte er sich zur sozialistischen Ordnung demokratischer Prägung und christlicher Verantwortung. Er wollte ein starkes Gesamtdeutschland mit begrenztem Föderalismus der Länder und der Hauptstadt Groß-Berlin. Adenauer lehnte das ab und wollte ein starkes, westliches System als Abwehr gegen den Bolschewismus. Darauf ist Kaisers Antwort überliefert: "Wir haben eine Brücke zu sein zwischen Ost und West, aber wollen unseren eigenen Weg gehen."

Ausführlich hat der heutige Hammelburger Stadtrat Reinhard Schaupp im Rahmen seines Geschichtsstudiums die Rolle Jakob Kaisers analysiert. In Vorträgen erinnert er daran. Im März 1947 versuchte Kaiser demnach, eine "Nationale Präsentation deutscher Parteienvertreter" zu installieren. "Adenauer sagte wegen einer Grippe ab", weiß Schaupp aus historischen Quellen. Mit dem damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, der auch aus dem Widerstand kam und zehn Jahre im KZ saß, war Kaiser laut Beobachtern mit seinen Vorstellungen zwar auf Augenhöhe. "Doch die Persönlichkeiten fanden offenbar nie zueinander", folgert Schaupp. Von 1949 bis 1957 war Kaiser Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Als seinen Verdienst feierte er die "kleine Wiedervereinigung", den Anschluss des Saarlands an die Bundesrepublik. Im Gegensatz zu Adenauer unterstützte Kaiser finanziell wie politisch die Parteien, die das sogenannte Saarstatut ablehnten. Im Oktober 1955 stimmten 67 Prozent für die Rückkehr des Saarlands in die Bundesrepublik. Kaisers ursprüngliches Konzept des Brückengedankens in der Synthese von Sozialismus, Christentum und Freiheit verschwand "am Horizont der Illusionen", zitiert Schaupp Schumacher.

Heimatstadt treu geblieben

Seiner Heimatstadt blieb Jakob Kaiser mit den jährlichen Besuchen bei seinen Klassentreffen treu. Hier sprechen Familienangehörige und Zeitzeugen bis heute von einem "Kaiserreich", weil die Brüder Adam und Karl Kaiser zum Landrat beziehungsweise Bürgermeister gewählt worden waren. Der frühere Bundesminister starb 1961 noch vor dem Bau der Mauer in Berlin. Hammelburg würdigt seinen bekannten Sohn mit der Namensgebung der Jakob-Kaiser-Realschule und der Jakob-Kaiser-Brücke im Zuge der Bundesstraße B 287. Außerdem erinnerte der jährliche Jakob-Kaiser-Lauf der TV/DJK-Hammelburg daran, dass es für Erfolg einen langen Atem braucht. Die späte Wiedervereinigung zeigt, dass diese Erkenntnis auf die Politik übertragbar ist.

Wolfgang Dünnebier