Seit der Eröffnung des neuen Berufsbildungszentrums vor einem Jahr sind BBZ und Schönborn-Gymnasium unmittelbare Nachbarn und wachsen allmählich zusammen. Jetzt nahmen Schulleitungen und Lehrer ein Angebot des evangelischen Kirchenvorstandes im Rahmen der "1. Interkulturellen Woche Münnerstadt" begeistert auf und luden den Referenten Said Rezek zu Vorträgen und Workshops in die beiden Schulen ein. Mit "Bloggen gegen Rassismus" bildet er die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler aus und sensibilisiert sie für verantwortungsvolles Verhalten in der Zivilgesellschaft.

Der Politikwissenschaftler, Trainer und freie Journalist Said Rezek teilt sein "Bloggen gegen Rassismus" in zwei Teile, einen Vortrag am Nachmittag und einen Workshop am Nachmittag. "Wir wollen, dass sich die Schüler gegenseitig kennenlernen", sagt Lehrerin Margot Dörr, die die Aktion zusammen mit Renée Liening-Ewert federführend am Gymnasium begleitet hat, während die Lehrerinnen Laura Schmidt und Anastasia Mun sich um die Veranstaltungen im BBZ gekümmert haben. "Bloggen gegen Rassismus" fand am Dienstag am Gymnasium und am Mittwoch am BBZ statt, wobei die Schüler jeweils zur Hälfte von der anderen Bildungseinrichtungen kamen. Deshalb eröffneten die Schulleiter Peter Rottmann und Georg Gißler den ersten Vortrag auch gemeinsam.

Das Netz zurückholen

Said Rezek weiß, wovon er spricht. Er ist viel im Netz unterwegs und selbst schon Ziel von rassistischen Angriffen gewesen. Doch dem hat er etwas entgegenzusetzen, wie bei seinem Vortrag an Beispielen zeigt. "Bloggen gegen Rassismus: holen wir uns das Netz zurück" - unter diesem Titel hat er ein Buch geschrieben, unter diesem Titel steht auch sein Vortrag. "Das große Problem ist, dass Hitler als absolut böse dargestellt wird. Aber wir alle wissen natürlich, dass es in der Geschichte kein Schwarz und kein Weiß gibt", zitiert er den AfD-Politiker Björn Höcke. Zu behaupten, Hitler habe auch gute Seiten gehabt, sei in rechtsextremen Kreisen weit verbreitet.

Immer wieder kommt er auf die AfD zu sprechen. Wenn es um Rassismus gehe, führe kein Weg an der AfD vorbei, sagt er. Auf Facebook habe die AfD mehr Follower als die CDU und SPD zusammen. "Im Netz ist die AfD eine Volkspartei", sagt Said Rezek. Und er ermutigt die Schüler, dem etwas entgegen zu setzen, zeigt die verschiedenen Stilformen wie offene Briefe, Listicles (Aufzählungsform), Tweets und Memes (lustige Fotos oder Videos) und eigene Beiträge auf, die teils vielfach geteilt wurden.

In seinen Workshops können die Teilnehmer die Theorie in der Praxis umsetzen. Rund 25 junge Leute aus beiden Schulen sind im BBZ zusammengekommen. Die einen sind bereits angegriffen worden, andere wollen lernen, wie sie gegen Rassismus vorgehen können. Eine Schülerin aus Thüringen, wo die AfD große Erfolge feiert, wollte im Netz darstellen, dass nicht alle Thüringer so sind. Sie hat sehr negative Erfahrungen gemacht. Eine Reaktion auf ihren Post war so heftig, dass sie ihn gelöscht hat. Hinterher hat sie sich darüber geärgert. Im Workshop will sie lernen, wie sie damit umgehen soll.

So schnell wie möglich auf den Punkt kommen sollen die jungen Leute, wenn sie einen Beitrag schreiben, rät Said Rezek. Das tut er auch. Die Aufgabe: Fünf fremdenfeindliche Beiträge finden. 20 Minuten später wird ausgewertet. "Ich würde niemanden verurteilen, der ein bewohntes Asylantenheim anzündet!", hat eine Schülerin gefunden. Ist die Quelle seriös? Das ist sie, stellt sich heraus. Solche Beispiele gibt es viele im Netz. Beim Workshop lernen die Teilnehmer, wie sie Blog-Beiträge gegen Rassismus und eine vielfältige Gesellschaft produzieren können und die Reichweite in sozialen Netzwerken erhöhen. Es ist bestimmt schon sein 100 Lehrgang, sagt Said Rezek gegenüber unserer Zeitung. In ganz Deutschland ist er unterwegs. "Sie sind sehr aktiv, stellen interessante Fragen", beurteilt er die Teilnehmer der Workshops in Münnerstadt. "Sie sind motiviert und interessiert - mehr kann man sich nicht wünschen." Und so ganz nebenbei sind sich einige Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums und des BBZ bei diesen Vorträgen und Workshops näher gekommen.

Die Interkulturelle Woche ist eine Aktion, die alljährlich von den Gremien der evangelischen, katholischen, griechisch-orthodoxen Kirchen und der Vereinigung evangelischer Freikirchen getragen wird. Sie steht dieses Jahr unter dem Motto "#offen geht" und wirbt mit vielfältigen Veranstaltungen für ein friedliches Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft, für Integration und gegen Ausgrenzung und Rassismus. Im evangelischen Kirchenvorstand wurde dieses Angebot erstmals aufgegriffen. In den nächsten Jahren sollen weiteren Interkulturelle Wochen folgen.

Preisgekrönter Film zum Schluss

Das Organisationsteam zeigt zum Abschluss der "1. Interkulturellen Woche" am heutigen Freitag, 22. Oktober, um 19 Uhr, bei einem Filmabend in die Mehrzweckhalle am Sportplatz ein den oscarnominierten Dokumentarfilm "Für Sama". Einlass ist ab 18.30 Uhr. In bewegenden Bildern wird dabei vom Schicksal einer jungen syrischen Familie im Krieg in Aleppo erzählt. Der Film ist ab 16 Jahren freigegeben und dauert rund 90 Minuten. Am Anschluss daran findet die kurze Podiumsdiskussion statt. Der Eintritt ist frei - dank großzügiger Sponsoren, teilt das Organisationsteam mit. Zur besseren Planung wird Anmeldung erbeten unter www.muennerstadt.de. Auf Einhaltung der Hygienebestimmungen wird hingewiesen: Es gilt die 3G-Regel.