Wenn der junge Turmfalke jetzt seine Runden dreht, dann weiß er gar nicht, dass er das um Haaresbreite hätte nie wieder tun können. Normalerweise steht das Münnerstädter Jörgentor leer, nur sehr selten kommen Menschen hinauf. Kurz nachdem sich der Turmfalke selbst in eine äußerst missliche Lage gebracht hatte, wurde er von Bauhofmitarbeitern entdeckt und schließlich gerettet. "Zwei Tage später wäre er verdurstet gewesen", sagt Naturschützer Hellmut Petsch.

Im oberen Teil des Jörgentores , der aus Fachwerk besteht, sind wieder einmal größere Schäden festgestellt worden. Nachdem Teile herausgebrochen waren, hat die Stadt Netze anbringen lassen. Derzeit bietet das Jörgentor einen wenig attraktiven Anblick. Eigentlich sollte das Tor zu den Hauptfeierlichkeiten anlässlich des Jubiläums 1250 Jahre der ersten urkundlichen Erwähnung hergerichtet sein, weil das Fest aber komplett ins nächste Jahr verschoben wurde, war keine Eile geboten.

Nun aber rückten Mitarbeiter des Bautrupps an, um die oberen Stockwerke leer zu räumen. Dort standen noch immer die Betten, denn dort konnten Gäste früher übernachten. Der Rhönklub-Zweigverein Münnerstadt hat vor Jahrzehnten den Turm hergerichtet und seither als Vereinsdomizil genutzt, das auch für Feiern gemietet werden konnte. Seit geraumer Zeit gibt es keinen Turmwart mehr, das Tor wird kaum noch genutzt.

"Es hat ein wenig muffig gerochen", sagt Bauhofleiter Stefan Sluzar, der seine Mitarbeiter im Turm eingewiesen hat. Warum, das erfuhr eine halbe Stunde später. Da bekam er nämlich einen Anruf von den Bauhofmitarbeitern, die in einer früheren Schießscharte einen Turmfalken entdeckt hatten. Um zu verhindern, dass sich dort Tauben niederlassen, war ein Gitter angebracht worden, dass sich aber leicht gelöst hatte, weshalb es offensichtlich verschiedenen Vögeln doch gelungen war, dort einzudringen und ihren Dreck zu hinterlassen.

Auch dem Turmfalken war es gelungen, hinter das Gitter zu kommen, aber er schaffte es nicht mehr hinaus. "Er war eingesperrt zwischen Fenster und Gitter", sagt Stefan Sluzar. "Da haben wir Hellmut Petsch angerufen, er kam auch gleich und hat ein paar Handschuhe mitgebracht."

Hellmut Petsch ist bekannter Naturfreund und offizieller Insektenberater. Früher war er als Naturschutzwart tätig. "Einmal Naturschutzwart - immer Naturschutzwart", sagt er. Deswegen war er gleich zur Stelle. Das Gitter funktionierte wie eine Klappe, der Turmfalke hatte keine Chance seinem Gefängnis zu entkommen. Hellmut Petsch zog sich die mitgebrachten Handschuhe an. "Es kann schon vorkommen, dass sie einem in den Finger beißen", sagt er. Er öffnete das Fenster und griff zu. "Man muss ihn von hinten packen gleich mit den Flügeln, dann kann er nicht herumflattern", sagt er. Kurze Zeit später drehte der junge Falke wieder seine Runden.

Weil er sowieso schon vor Ort war, hat Hellmut Petsch gleich die Schießscharten vom Vogeldreck und Nistmaterial entfernt und alles so hergerichtet, dass sich kein Turmfalke mehr einsperren kann. Im Jörgentor brüten regelmäßig Turmfalken, sagt er. Auch das Obere Tor wird von Turmfalken bewohnt, ebenso von Schleiereulen, Dohlen und Fledermäusen.