Er gilt als Luft-Wahrzeichen der Rhön: der Rotmilan. Normalerweise verbringt der in Rostfarben gefiederte Greifvogel mit den markant tief gegabelten Schwanzfedern den Winter vorzugsweise in Spanien oder in Südfrankreich. In den letzten Jahren blieb der streng geschützte Raubvogel immer länger in der Rhön. Vielleicht denkt das Tier sich, in der Rhön ist es schön, genau wissen kann der Mensch das nicht.

Sicher ist, dass der Rotmilan (lat.: Milvus milvus) sein Zuhause offenbar liebt, selbst wenn mal kalte Winde wehen, verlässt er das Biosphärenreservat nicht so schnell. Natürlich liegt das nicht nur an der wunderbaren Gegend und den Menschen, die dem Greifvogel vieles bieten, was er braucht, den Schutz, die Landschaft, die Ruhe. Mit zu den Gründen des längeren Aufenthaltes gehört der Klimawandel. Die Rhön ist im Jahresmittel wärmer geworden und das Gesamtpaket aus Landschaft, Wärme und ein bisschen Mensch verführt den Vogel zum Bleiben.

Normalerweise düst der rund 70 Zentimeter große, geflügelte Gefährte spätestens im September in wärmere Gefilde, um dann im Februar zurückzukehren. Wichtiger jedoch als angenehme Temperaturen im Winter ist für den Rotmilan ausreichend Futter. "Am liebsten frisst er kleine Säugetiere", erklärt Wegekoordinatorin Larissa Renninger. Dazu gehören Wühlmäuse, kleine Vögel oder Aas, er verschmäht aber auch Nahrungsmittel, die Menschen als Abfall liegen lassen, nicht. Findet er genug zu fressen, dann kann er dank seines dicken Federkleides auch tiefe Temperaturen bis zu 20 Grad Minus aushalten.

"Vereinzelt können Tiere im November oder Dezember gesehen werden", hat Renninger, die als Biodiversitätsberaterin im Landratsamt Bad Neustadt tätig ist, beobachtet. Durchschnittlich beheimatet die Rhön in allen drei Bundesländern, Bayern, Hessen und Thüringen, 358 Revierpaare des Rotmilans. Davon brüten rund 200 Paare jährlich und damit hält die Rhön ein Prozent des weltweiten Bestandes. "In den Landkreisen Rhön-Grabfeld und Bad Kissingen lebten im vergangenen Jahr 56 Brutpaare, von denen 37 Paare erfolgreich brüteten", nennt Renninger Zahlen.

Zu Beginn des Artenhilfsprojektes "Rotmilan in der Rhön" wurden 2015 von ehrenamtlich Kartierenden 44 Brutpaare gezählt, davon hatte lediglich die Hälfte eine erfolgreiche Brut. Das heißt, von den zwei bis drei Eiern, die normalerweise im Nest liegen, muss mindestens ein Jungvogel ausfliegen. Bevor die Jungen schlüpfen, nimmt die Natur natürlich ihren Lauf, dabei spielen die Flugkünste des Rotmilans eine Rolle.

Ein eleganter Charmeur

Pure Freude und großes Staunen erfährt der Beobachter beim Betrachten des Akrobaten: Ist er glücklich oder auf der Jagd oder beides, verzaubert der Rotmilan mit atemberaubenden, akrobatischen Kapriolen oder besticht durch scheinbar schwereloses Gleiten. Richtig interessant verhält er sich beim Balzen. Hier kommt ein echter Charmeur zum Vorschein. Elegant zeigt er sich, wenn er seiner Angebeteten den Hof macht. Findet Frau Rotmilan Gefallen, wird es richtig spektakulär: Die beiden können mehrere Minuten synchron fliegen, sich an den Fängen fassen und trudelnd nach unten sausen. Kurz vor dem Aufprall lassen sie einander los und steigen getrennt wieder in die Höhe und das Ganze beginnt von vorne.

Während der Balzzeit kreisen die beiden häufig über ihren ausgespähten Brutplatz, das zeigt den Konkurrenten, wer hier in Kürze sein Nest bauen wird, das bis zu 30 Meter hoch liegen kann. Die Rotmilaneltern suchen einen Standort mit besten Bedingungen, das ist eine freie Sicht in die Landschaft und ein freier An- und Abflug zum Nest. Ist dann noch ein Wald in direkter Nähe, steht dem Vogelhausbau nichts mehr im Weg. Der Horst sitzt in starken Astgabeln von Rotbuchen oder Eichen, Kiefern oder Pappeln. Beim Nest selbst achtet das Gabelweihe-Elternpaar auf gute Ausstattung, es kleidet sie mit Fellresten, Lumpen, Zeitungs- oder anderem Papier und auch mal mit Kunststoffresten aus. Nicht alle Jungvögel überleben, schuld daran sind Fressfeinde wie Habicht oder Marder, schlechte Witterungsbedingungen, darunter Starkregen, Spätfrost, Hitze oder der Mensch.

Vielfalt ist wichtig

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft kommt es für den Rotmilan zu einer Verschlechterung der Nahrungsbedingungen. Wichtig, nicht nur für den Rotmilan, ist die Vielfalt aus einem Wechsel von Wald, Feld und Flur mit Hecken und Blühstreifen. Monokultur aus Mais- und Rapsanbau erschwert die Jagd nach Beute und mindert so den Bruterfolg.

Die Rhön mit einem hohen Grünlandanteil führt zu einem höheren Bruterfolg, das geht aus vergleichbaren Gebieten in Thüringen und Sachsen-Anhalt hervor. Fünf Jahre, von 2015 bis 2020 wurde die Bestandssituation des Rotmilans in der Rhön von insgesamt 200 Ehrenamtlichen erfasst.

Das Projekt enthielt eine Förderung aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Im Juli 2020 endete die Projektlaufzeit, seitdem übernehmen die drei Verwaltungsstellen vom Unesco-Biosphärenreservat Rhön die Koordination der Kartierungen in den drei Bundesländern der Rhön.

Besonders die Bruterfolgskontrolle ist aufwendig, sie wird auf der bayerischen Seite der Rhön von Rangern vom Naturpark und Biosphärenreservat Rhön e. V. durchgeführt. Als besonders störungsempfindliche Zeit für die Rotmilane nennt Renninger die Monate ab März bis Ende August. In diesem Zeitraum sollten Störungen in Horstnähe vermieden werden und bekannte Horststandorte nicht besucht werden. Ende August haben die meisten Milane ihr Brutgeschäft, wie es in der Fachsprache heißt, abgeschlossen.