Kulturkalender: Malerei, Lyrik, Schauspielerei - Sie machen nun seit Jahrzehnten Kunst. Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen?

Schon als junger Bursche habe ich zum Beispiel Aquarelle gemalt, wozu mein Patenonkel sagte: "Du wirst doch mal Künstler!". Diese Bilder gibt es heute noch, sie thematisieren das Verhältnis zwischen Arm und Reich. Dann passierte lange Zeit gar nichts. Irgendwann war ich bei Bekannten in München, landete in einer Ausstellung und dachte mir: "Das kann ich auch!". Also habe ich angefangen, Schichtenaquarelle zu malen. Danach, Ende der 60er, Jahre besuchte ich Malschulen in Paris und in Venedig. Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem Menschen Geld für meine Bilder ausgegeben haben.

Das heißt, Sie haben zeitlebens als Künstler gearbeitet? Oder haben Sie auch eine klassische Berufsausbildung absolviert?

Für ein Kunststudium oder eine klassische Künstlerausbildung hatte ich nicht die Möglichkeiten. Ich bin auf dem Dorf groß geworden und musste Außenhandelskaufmann lernen, das ging von meinen Eltern aus. Natürlich wusste ich auch selbst, dass ich mir meinen Lebensunterhalt irgendwie verdienen muss. Glücklich war ich mit einem "normalen" Job aber nicht. Für meine Ausstellungen habe ich immer wieder unbezahlten Urlaub genommen.

Schließlich hatte ich das Glück, zwei Jahre Pause machen zu können und meinen Weg zu finden. Währenddessen habe ich, um mir etwas dazuzuverdienen, auch Zeitungen ausgetragen oder Kneipen geputzt. In Sachen Malerei hatte ich das Glück, dass viele Unternehmen meine Werke ausstellten. Mitte 40 konnte ich mich schließlich aus allen Tätigkeiten, denen ich zum Broterwerb nachging, zurückziehen und komplett der Kunst widmen. Das war dann ein richtiges Durchstarten.

Neben dem Malen habe ich über die Jahre auch Komparsenrollen beim Fernsehen und fürs Kino angenommen, habe kleine Drehbücher geschrieben. Ich habe z.B. auch ein Theaterstück über Zarah Leander verfasst und mich selbst mit der Hauptrolle besetzt. Und ich habe Gedichtbände veröffentlicht, eine CD und und und.

Im Rückblick kann ich sagen: Ich habe von allem genascht, war unglaublich neugierig und wissbegierig. Wirklich ernst habe ich nur die Malerei genommen, sodass ich das zu meinem Beruf gemacht habe.

Sie haben also Ihren Traum, Künstler zu werden, in die Tat umgesetzt.

Ja, ich wollte Künstler werden. Aber ich habe inzwischen Schwierigkeiten mit dem Begriff "Künstler". Damit geht man meiner Meinung nach zu inflationär um. Ich bin Maler.

Sie klingen ziemlich bescheiden.

Nun ja, ich bin Selbstdarsteller, aber ich bin bodenständig und geerdet. Ich wurde auch schon als "Paradiesvogel" bezeichnet. Das bin ich gerne. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Die Arroganz und das schein-intellektuelle Geschwafel vieler Künstler sind für mich schier unerträglich. Der Künstler ist nicht schlauer als der Betrachter. Er kennt sein Werk nur länger. Ich sagte einmal: "Ich bin Lothar Gärtner und das muss reichen" - ob das arrogant klingt oder nicht, muss jeder selbst entscheiden.

Wie ist es nun für Sie, auf Ihr Leben und Ihr Werk zurückzublicken?

Ich hatte ein wunderbares, total sattes, ein bewegtes Leben. Ich bin inzwischen 47 Jahre mit meinem Mann zusammen. Als wir 1998 nach Bad Kissingen gekommen sind, weil mein Mann hier zur Kur war, fragte er mich: "Wollen wir hier unseren Lebensabend verbringen?" und ich sagte: "Ich bin doch erst am späten Nachmittag!" - ich war gerade 50. Trotzdem sind wir geblieben. Noch im selben Jahr sind wir umgezogen.

Wie hat man Sie hier in Bad Kissingen aufgenommen?

Ja, ich war zuerst der "schwule Maler", der mit seinem Partner nach Bad Kissingen gezogen ist, und ich habe auch ab und an polarisiert. Rückblickend kann ich sagen, dass man mich hier hat "machen lassen". Ich habe immer wieder Vernissagen und dergleichen veranstaltet und Leute zusammen getrommelt. Außerdem habe ich mit anderen Künstlern wie Carlo Catoni, Eva Feichtinger, Heidi Lauter, Alexander Ruppert zusammengearbeitet, aber habe auch mit Behinderten gemalt und kreativ gearbeitet. Ich habe von allen Seiten Unterstützung erfahren. Ich liebe, es zu sehen wie die Leute zu meinen Ausstellungen kommen und inzwischen auch, wenn man mich auf der Straße erkennt und ich angesprochen werde. Diese positiven Reaktionen haben es mir schon am Anfang unheimlich leicht gemacht, mich hier einzuleben und zu arbeiten.

Sie sagten, Sie haben polarisiert. Wie genau?

Das geschah vor allem durch die Gruppenausstellung "Eros und die Gottesfrage" im Jahr 2008. Ich war beauftragter künstlerischer Leiter. Meine Kollegen und ich sollten den Begriff "Erotik" mit der Ausstellung aus der Schmuddelecke holen. Die Arbeiten waren provokant, aber keineswegs obszön.

Geplant war, die Bilder in einer Kirche auszustellen. Doch schon bevor die Bilder der Öffentlichkeit wirklich bekannt waren, regte sich großer Widerstand in der Bevölkerung. Am Ende haben wir im Tattersall ausgestellt, es gab sehr offene Diskussionen und Vorträge. In 18 Tagen kamen über 3000 Besucher, wobei die Ausstellung noch viel länger Gesprächsthema war. Im Nachhinein war"s gut, ich bin stolz darauf.

Abgesehen von dieser Ausstellung: Was ist Ihnen an der Malerei wichtig?

Das ist schwierig. Leicht ist, zu sagen, warum ich überhaupt male: Mein Schaffen dient in erster Linie meiner eigenen Befriedigung. Meinen Schülerinnen und Schülern beschreibe ich den Mal-Akt immer als eine Art Liebesakt: Die erste zaghafte Berührung mit der Leinwand, dann etwas mutiger, etwas heftiger, dann lassen Sie sich treiben bis zum Höhepunkt. Das fertige Bild ist dann ein gutes Gefühl.

Ist ein fertiges Bild für Sie stets perfekt, also abgeschlossen, oder überlegen Sie im Nachhinein, was sie hätten anders und besser machen können?

Es ist meistens abgeschlossen, und wenn ich bis nachts um vier daran sitze. Ich bin ein ungeduldiger Maler. Ein Bild muss in einem Rutsch fertig sein, weil man nie dort weitermachen kann wo man aufgehört hat, da die Arbeit eine gewisse Stimmung erfordert. In der letzten Zeit schaffe ich besonders gerne Bilder, die gut tun, bei denen der kontemplative Aspekt im Vordergrund steht. Meine Arbeiten dürfen durchaus dekorativ sein. Ich muss nicht ständig die Probleme der Welt thematisieren, anklagen und aufzeigen, oder überlegen, ob sich das Bild am Ende verkaufen lässt oder nicht.

Blicken Sie dann überhaupt auf ein Arbeitsleben im klassischen Sinne zurück?

Nein, Arbeitsleben nenne ich das nicht. Ich habe und hatte ein reiches Leben, denn ich habe immer getan, was mir gut getan hat. Zum Beispiel, als ich mit Menschen mit Behinderung zusammen gearbeitet habe. Das Ganze kam durch einen Zufall zustande. Nach einer Ausstellung wollte ich den Erlös spenden. Mir wurde vorgeschlagen, das Geld der Lebenshilfe zukommen zu lassen. Bis dahin hatte ich damit keine Berührungspunkte, traf mich aber mit den Verantwortlichen. Zur gleichen Zeit hatte mein Mann einen Schlaganfall und mit dessen Folgen zu kämpfen. Ich erlebte, wie schnell eine Behinderung passiert - wenn auch nur vorübergehend. Ganz spontan habe ich vorgeschlagen, zusammen mit den Behinderten zu malen - erst mal nur ein Jahr. Daraus wurden am Ende sieben Jahre und viele Ausstellungen. Das war keine Leistung von mir, das hat mir Freude gemacht .

So richtig still halten können Sie immer noch nicht. Was ist Ihnen für die Zukunft wichtig?

Ich bin 70, wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt. Ich will einfach weiter tun, was ich liebe. Wenn ich gefragt werde, ob ich ausstellen will - gerne! Ich habe noch Kraft. Es ist, wie ich einmal geschrieben habe: "Ich habe viele Jahre mein Schiff allein gesegelt und immer wieder jemand mit ins Boot genommen. Ich werde weiter segeln. Und wenn der Mast bricht und das Segel reißt, werde ich rudern. Und fehlt mir dazu die Kraft, lasse ich mich treiben."

Das heißt, ihre Ziele sind losgelöst von der Kunst?

Ich bin glücklich, wenn ich jeden Tag drei, vier Stunden im Atelier verbringen kann, das tut mir unheimlich gut. Doch mein Ziel ist vollkommen weg von der Kunst. Wissen Sie, ich bin mir selbst sehr wichtig. Wichtig insofern, dass ich für meinen Mann da sein will. Als ich mit Ende 50 an Krebs erkrankte, war meine einzige Sorge, vor ihm sterben zu müssen. Ich bin jetzt wieder gesund und will mich auch nicht schonen, aber ich muss mich soweit "erhalten", dass ich mich um ihn kümmern kann und er nicht ins Heim muss. Wir waren an meinem 70. Geburtstag auf dem Standesamt und sind nun, nach 13 Jahren begründeter Lebenspartnerschaft, ein Ehepaar. Wir sind diesen Schritt gegangen, um denen zu danken, die sich jahrelang für die Ehe für alle eingesetzt haben.

Wichtig ist, mich noch ein paar Jahre dem widmen zu können, was meine Leidenschaft ist. Ja, "Leidenschaft", das ist das Wort, das mein Schaffen beschreibt.

Das Gespräch führte Lena Pfister