Wer im aktuellen Roman "Das Original" des amerikanischen Bestseller-Autors John Grisham (62), im August beim Heyne-Verlag erschienen, einen seiner üblichen Justizthriller wie den Erstling "Die Jury" (1989) oder zuletzt "Bestechung" (2017) erwartet, wird zumindest überrascht, wenn nicht sogar enttäuscht sein.

Zwar geht es auch diesmal um einen spektakulären Kriminalfall: Fünf im Wert unschätzbare handschriftliche Originalmanuskripte des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald (1896-1940), darunter auch "Der große Gatsby", werden aus der Bibliothek der Universität Princeton gestohlen. Doch ist "Das Original" kein Justizthriller, sondern der sechste seiner "normalen" Romane, die der Autor seit 20 Jahren in loser Folge zwischen seine Justiz-Bestseller schiebt.

Dieses Buch ist eine Hommage des seit bald drei Jahrzehnten weltweit erfolgreichen Schriftstellers an die eigene Zunft, seine Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Autoren - stellenweise auch durchaus kritisch. Hauptpersonen sind die junge Schriftstellerin Mercer Mann und der Buchhändler und -sammler Bruce Cable, der des Besitzes dieser gestohlenen Manuskripte verdächtigt wird.
Der Leser erfährt im Laufe der etwas zähen Handlung so einiges über das Verlagswesen, die Eigenarten und Charaktere der Schriftsteller vom introvertierten intellektuellen Zweifler bis zum exzessiv lebenden, dem Suff verfallenen Künstler sowie über die Tücken schriftstellerischer Arbeit.

Während die junge Mercer nach ihrem literarischen Erstlingserfolg schon jahrelang um den Plot ihres nächsten Romans ringt und, inzwischen hoch verschuldet, dem profanen Beruf als Dozentin nachgehen muss, leben zwei berufserfahrene Kolleginnen seit Jahren sehr gut von den noch immer kommenden Tantiemen dreier schlüpfriger Schundromane, die sie in nur einem Monat "rausgehauen" haben. Darin zeigt sich der Widerstreit zwischen Kunst und Kommerz in der Literatur.


Zehn wichtige Erfolgsregeln

Grisham verrät durch seine Hauptperson Bruce Cable zehn wichtige Erfolgsregeln zum Schreiben eines Romans, empfiehlt uns Lesern durch ihn aber auch: "Ich gebe jedem Buch hundert Seiten, und wenn der Schriftsteller bis dahin nichts Interessantes zustande gebracht hat, kommt es weg. Es gibt zu viele gute Bücher, die ich lesen will, um meine Zeit mit einem schlechten zu verschwenden." Mancher Leser des "Originals" dürfte danach gehandelt haben.
Denn erst nach schleppendem Handlungsaufbau kommt Grisham endlich weit hinter der hundertsten Seite ab Mitte seines Romans zum eigentlichen Thema. Zusammengefasst: Grisham hätte seine Liebeserklärung an die Welt der Literatur straffen müssen. Als Erzählung auf nur 200 Seiten hätte es eine für Grisham-Fans noch spannende und für Freunde der Literatur sicher lesenswerte Geschichte sein können. Ausgedehnt zum 370-Seiten-Roman ist "Das Original" eher enttäuschend, was auch die Kurve auf der Bestsellerliste deutlich macht: Gleich nach dem Erscheinen auf Platz 4, stürzte das Buch seitdem unaufhaltsam ab. Allein der Name John Grisham garantiert eben noch keinen Erfolg.
Informationen zum Buch: John Grisham: "Das Original", Heyne-Verlag, gebunden, 368 Seiten, Preis: 19,99 Euro, ISBN 978-3453271531