Die Haltestelle für den Stadtbus hat Max Kirchner nur ein paar Meter vor der Haustüre. Der 29-Jährige wohnt in der Max-Reger-Straße, ganz oben am Sinnberg, am Rand Bad Kissingens. Auf den Bus ist er dringend angewiesen. Einen Führerschein besitzt er nicht, er lebt unter anderem mit einer schweren Gehbehinderung, einer rechtsseitigen Spastik. Eineinhalb Stunden würde er brauchen, bis er mal eben zum Einkaufen, zum Arzt oder um seine Verlobte zu besuchen in die Stadt gelaufen wäre. "Drei Mal in der Woche bin ich auf jeden Fall mit dem Bus unterwegs", sagt er.

Barrierefreie Bushaltestellen gibt es im Landkreis und in der Stadt Bad Kissingen aber nur wenige. Laut einer Erhebung des Landratsamtes (Stand 2019) sind es landkreisweit 470 Bushaltestellen, davon sind rund 35 barrierefrei ausgebaut. Diese wenigen Haltestellen haben ein Hochboard, das einen ebenen Zugang in den Bus ermöglicht sowie taktile Streifen im Gehsteig, an denen sich Menschen mit Sehbehinderungen orientieren können, um den Einstieg in den Bus finden.

Dass die Haltestelle Max-Reger-Straße kein Hochboard hat, ist für Max Kirchner gar nicht das große Problem. Die Stadtbusse sind absenkbar. "Die Fahrer kennen mich und sind sehr freundlich", erzählt er. Wenn er Hilfe beim Ein- und Aussteigen braucht, bekommt er sie. Wenn er etwas zu spät dran ist, wird auch kurz auf ihn gewartet. Eine Bank würde er sich aber an der Haltestelle wünschen. "Wenn man etwas Schweres zu tragen hat, kann man es einmal kurz abzustellen. Oder um sich hinzusetzen und kurz zu verschnaufen", sagt Kirchner.

Berliner Platz wenig behindertengerecht

Eine echte Problemstelle für Fahrgäste mit Behinderung ist Bad Kissingens zentraler Busbahnhof an der Münchner Straße und dem Berliner Platz. Wer etwa mit einem Stadtbus an der Münchnerstraße ankommt und dann in einen Überlandbus umsteigen will, muss sich schnell orientieren: An welcher Bucht fährt der Bus los? Münchner Straße? Am Berliner Platz? Auf der anderen Straßenseite am Telekomgebäude? Wo komme ich überhaupt auf die andere Straßenseite?

"Unsere Leute haben Probleme, dicht gedrängte Infos auf engem Raum zu erfassen. Der Berliner Platz ist sehr unübersichtlich. Die Orientierung ist sehr schwierig", erklärt Silke Bönigk-Vay vom ambulanten unterstützenden Wohnen der Lebenshilfe Bad Kissingen. Als Betreuerin greift sie Menschen wie Max Kirchner unter die Arme. Neben der Unübersichtlichkeit nennen sie und Max Kirchner weitere Stolperfallen, die den Berliner Platz in Sachen Barrierefreiheit nicht gut dastehen lassen. Es gibt keine direkte Querungsmöglichkeit von den Bushaltestellen auf der einen zu der anderen Straßenseite. Der bestehende Zebrastreifen ist zu weit weg. Für ortsfremde Sehbehinderte ist es fast unmöglich, ihn zu finden. "Wer schlecht sieht, sieht ihn nicht", sagt sie. Und wer eine Gehbehinderung hat, für den ist der Weg unter Umständen so weit, dass er durch den Umweg den Bus verpasst. Ebenfalls problematisch ist der nicht niveaugleichen Einstieg in Überlandbusse.

Nahverkehrsplan regelt Barrierefreiheit

Bus und Bahn sollen Mobilität für alle Menschen bieten, also müssen sie eigentlich barrierefrei sein. Barrierefrei heißt: Ein Mensch mit Behinderung muss genauso ohne Schwierigkeiten einsteigen, damit fahren und wieder aussteigen können, wie jeder andere Fahrgast auch. Auf dem Papier verpflichtet das Personenbeförderungsgesetz die Aufgabenträger, bis zum 1. Januar 2022 eine vollständige Barrierefreiheit im ÖPNV zu erreichen.

Das heißt jedoch nicht, dass in nur acht Monaten 435 Bushaltestellen umzubauen sind. Für die Barrierefreiheit sind verschiedene Stellen zuständig, und zwar immer der Baulastträger der Straße, an der die Haltestelle liegt. Das kann der Bund oder der Freistaat sein, der Landkreis Bad Kissingen oder eine der 26 Kommunen. "An Kreisstraßen bauen wir seit Jahren bei Straßenbaumaßnahmen die Haltestellen barrierefrei mit aus", berichtet Michael Schäder, Nahverkehrsbeauftragter am Landratsamt. Ausbaustandard sind Hochboard und taktile Streifen. Mit acht Prozent barrierefreien Haltestellen bewege sich der Kreis Bad Kissingen auf dem Niveau anderer ländlicher Regionen. Aus Kostengründen werden die Haltestellen nicht einfach so barrierefrei umgebaut. Die Kommunen gehen sie immer dann an, wenn auch größere Bauarbeiten an der Straße anstehen, erklärt Schäder.

Das Personenbeförderungsgesetz lässt den Baulastträgern eine Hintertür bei der Frist offen. Die Frist gilt nicht, wenn der Nahverkehrsplan Ausnahmen konkret nennt und begründet. Aktuell erarbeitet das Landratsamt den neuen Nahverkehrsplan für den Landkreis Bad Kissingen. Laut Schäder soll der Kreistag ihn gegen Jahresende beraten und beschließen.

Vier Ausbaustandards für Haltestellen

Der Nahverkehrsplan wird vier Ausbaustandards für barrierefreie Haltestellen definieren. Ist eine Baumaßnahme geplant, werden die Haltestellen dann entsprechend der Vorgaben ertüchtigt. "Damit kommen wir einen guten Schritt voran", meint Schäder. Die Fahrplan- und Tarifinformationen müssten so angebracht werden, dass sie beispielsweise auch für Rollstuhlfahrer in niedrigerer Position zu lesen sind. Außerdem sollen sie so gestaltet sein, dass Sehbehinderte sie sich mittels QR-Code und einer App vorlesen lassen können. Für Haltestellen mit sehr geringen Fahrgastzahlen (Kategorie D), etwa an Aussiedlerhöfen, sieht der neue Nahverkehrsplan keinen barrierefrei Ausbau vor. Das betrifft die Hälfte der 470 Haltestellen.

Haltestestellen mit geringen Fahrgastzahlen (Kategorie C) sollen nach dem Basisstandard mit Hochboard und taktilen Streifen versehen werden. Insgesamt sind davon 211 Haltestellen betroffen. Bei Haltestellen mit hoherer Bedeutung und Fahrgastzahlen (Kategorie B, 20 Haltestellen etwa der Marktplatz in Münnerstadt) soll der Standard gehoben werden. Zum Basisausbau sind laut Schäder überdachte Wartebereiche sowie beleuchtete Vitrinen für Fahr- und Tarifplan angedacht. Die höchste Ausbaukategorie soll für zentrale Haltestellen wie den Berliner Platz gelten. (Dimension: fünf Stück). An solchen Haltestellen sind dann auch dynamische Fahrgastinfos wie an Bahnhöfen vorgesehen, die in Echtzeit zeigen, wann der nächste Bus fährt. "Das macht die Orientierung leichter", sagt Schäder.