Als das Corona-Virus im März das Leben in Deutschland stillgelegt hat, war Ivonne Floeder gerade dabei, sich selbstständig zu machen. Die Germanistin hatte sich schon vor Jahren während ihres Studiums in einem Antiquariat etwas dazuverdient, danach hatte sie mit ihrem damaligen Mann ein Antiquariat in Bamberg geführt. Inzwischen lebt die 44-Jährige in Aschach. Im Mai - in der Hochphase der Corona-Krise - hat sie dann einen Online-Antiquitätenhandel aufgemacht: "good old books and stuff", zu deutsch: gute, alte Bücher und andere Sachen. "Ich wollte hier neu Fuß fassen und habe mir gedacht, ich riskiere es und mache mich selbstständig", sagt sie.

Floeder bietet auf verschiedenen Online-Plattformen für Antiquitäten ihre Waren an. Derzeit ist sie vor allem noch dabei, ihren Bestand aufzubauen. "Ich war mitten in der Vorbereitung, als Corona kam", erzählt sie. Eigentlich hatte sie vor, Messen, Flohmärkte und andere Händler zu besuchen, was dann aber nicht möglich war. Floeder hatte Angst, dass es ihr wegen der Pandemie nicht gelingen würde, einen ausreichend großen Warenbestand aufzubauen. Letztlich war diese Angst unbegründet. Der Ankauf dauerte zwar etwas länger, war aber möglich . Grundsätzlich sieht die Antiquarin Corona sogar als Chance für sich. "Der Onlinehandel floriert und die Leute haben jetzt eher einmal die Muße, ein Buch zu lesen", sagt sie.

Gründerzahlen im Kreis stabil

Die Antiquarin ist eine von 346 Unternehmern, die im ersten Halbjahr 2020 im Landkreis Bad Kissingen ein neues Gewerbe angemeldet haben. Die Zahl der Neugründungen bewegt sich damit auf dem Niveau der Vorjahre. Das hat auch Sonja Schmitt vom Rhön-Saale Gründer- und Innovationszentrum (RSG) Bad Kissingen beobachtet. "Es gibt immer Leute, die gründen wollen", sagt sie. Während des Lockdowns von Mitte März bis Pfingsten habe das RSG so viele Gründer beraten, wie sonst auch. Danach sei die Nachfrage zurückgegangen, inzwischen habe sich das wieder normalisiert. Sollten durch die Krise mehr Leute ihren Job verlieren, dann erwartet Schmitt, dass mehr gegründet wird. "Mit steigender Arbeitslosigkeit steigt die Zahl der Leute, die die Selbstständigkeit als ernsthafte Alternative für ihre berufliche Entwicklung sehen", erklärt sie.

Risiko richtig kalkulieren

"Viele Gründer haben den Lockdown genutzt, um sich intensiv vorzubereiten", berichtet Schmitt. Zum Beispiel, um die Geschäftsidee noch einmal zu schärfen und auf die neuen Umstände anzupassen. "Die Frage, wie kann ich meine Idee noch digitaler umsetzen, hat da eine Rolle gespielt", sagt die Beraterin für Existenzgründungen. Viele der Gründer, mit denen Schmitt zu tun hat, gehen gut vorbereitet in die Selbstständigkeit. Die Situation mit Corona sei zwar außergewöhnlich, das Risiko lasse sich aber zu einem gewissen Maß einkalkulieren.

Beim nächsten Gründerseminar des RSG im November will Schmitt auf diesen Aspekt eingehen. Gründer müssten sich aktuell zum Beispiel fragen, ob sie ihre Kunden noch genauso erreichen wie vor der Krise und ob die Kunden noch dieselben Bedürfnisse haben. Sie rät den Gründern, auch ihre Umsatz- und Rentabilitätsplanung zu prüfen. Schmitt: "Passt das so, oder braucht es eine Zwischenfinanzierung? Die Gründer müssen versuchen, das Risiko in der Planung abzubilden."

Floeder hält die Unsicherheit für sich für vertretbar. "Ich weiß, dass es ein Risiko gibt, aber das ist immer so, unabhängig von Corona", meint sie. Sie ist zuversichtlich, die Krise zu überstehen. Ihr Online-Antiquariat soll später aus drei Geschäftsfeldern bestehen: Ihr Hauptstandbein, den Buchhandel, baut sie aktuell auf. Ergänzend dazu will sie mit Vintage- und Dekor-Artikeln handeln sowie zu Büchern passende Accessoires anbieten, die sie selbst herstellt. An Büchern bietet sie aktuell Werke aus allen Literaturbereichen an, vom naturwissenschaftlichen Sachbuch bis zum Wild-West-Roman. "Mein Schwerpunkt ist die Belletristik. Das soll auch so bleiben", erklärt Floeder. Besonders haben ihr es alte Kinderbücher angetan. Die hat sie selbst auch schon gesammelt, darauf möchte sie ihr Geschäft spezialisieren. "Da weiß ich, dass es Sammler gibt. Über das Internet habe ich die Chance, diese Zielgruppe zu erreichen", sagt sie.

Gewerbeentwicklung im Landkreis Bad Kissingen

2020 Von Januar bis Juni wurden im Landkreis laut IHK Mainfranken 346 Gewerbe neu angemeldet und 218 abgemeldet. Das Gründungssaldo liegt bei 128 mehr An- als Abmeldungen.

Vorjahre Für das Jahr 2019 verzeichnet das Landesamt für Statistik im Landkreis Bad Kissingen 683 An- und 663 Abmeldungen (Gründungssaldo: 20), 2018 waren es 718 An- gegenüber 625 Abmeldungen (Saldo: 93), im Jahr davor standen dagegen 691 Anmeldungen 702 Abmeldungen gegenüber (Saldo: -11).