Das hat selbst das altehrwürdige Bad Kissinger Kurtheater so noch nie gesehen: In einer einzigartigen Melange aus Jazz und Klassik begeisterten die "Frankfurt Swing All Stars" und das Bad Kissinger Kurorchester. Zunächst getrennt und im letzten Drittel vereint auf der Bühne rissen sie die Grenzen zwischen den Musik-Welten ein, treibende Kraft war dabei Banjo-Spieler und Bandleader Bernd Otto. Aber auch der Kurorchester-Leiter Burghard Toelke trug dazu bei, dass das Klang-Experiment gelang.



Bernd Otto führte nicht nur charmant und humorvoll durch das Programm, sondern war auch Ideengeber. "Ich bin öfters in Bad Kissingen, weil wir unseren zweiten Wohnsitz in Zeitlofs haben", erzählt der Jazz-Musiker, und: "Mein Leben ist gespalten." Der frühere Biologie- und Kunst-Lehrer setzt sich vor allem beim Bund Naturschutz ein, hat an einem Buch über die Sinn mitgeschrieben und am Farn-Garten an der Zeitlofser Kirche mitgearbeitet.
Auf der anderen Seite steht die Musik: 1960 brachte sich Bernd Otto selbst das Banjo-Spiel bei, fünf Jahre später ging er bei "Jazzpapst" Carlo Bohländer und Saxophonist Emil Mangelsdorff in die Lehre. 1975 holte ihn die berühmte "Barrelhouse Jazzband" in ihre Reihen. "Ich habe schon über 2000 Konzerte in mehr als 30 Ländern gespielt", erzählt der 71-Jährige.
Ursprünglich habe er mit Bill Ramsey beim Kissinger Sommer auftreten wollen, berichtete Bernd Otto. Dann sei er über Umwege zu "Prof. Dr. Dr. Dr." Kurt Rieder gekommen. Eher aus einer Laune heraus habe er dem Vorsitzenden des Kurorchester-Fördervereins das Projekt "Klassik meets Jazz" vorgeschlagen. "Das dürfte einzigartig sein, ich kenne kein ähnliches Projekt", sagt Otto.
Die Unterschiede könnten größer nicht sein: "Die von der Klassik-Seite haben da so Punkte auf den Blättern, wir haben die nicht", kokettierte der Banjo-Spieler mit den angeblichen Unzulänglichkeiten der Jazz-Musiker. Tatsächlich standen aber sechs echte Könner ihres Faches auf der Bühne: Martin Auer spielt im Hauptberuf Trompete bei der HR-Bigband, Posaunist Joe Gallardo aus Texas ist international bekannt. Jörg Kuhfuß sorgte mit seinem riesigen Sousaphon für den Rhythmus und Dirk Raufeisen wirbelte mit den Fingern über die Tasten des Flügels. Klarinettist und Saxophonist Danyel Nicholas hatte mehrere Arrangements zu Papier gebracht, um den zwölf Musikern des Kurorchesters das Zusammenspiel zu erleichtern.
Dass bei dem Konzert zwei Welten aufeinander trafen, war bereits an der Etikette zu sehen: Das Kurorchester kam im bekannten Outfit, aufgestanden wurde nur auf Anweisung Toelkes, diszipliniert ging es um Phrasierung und Genauigkeit, das Publikum wartete mit Applaus bis zum Ende der Stücke.
Ganz anders bei den Frankfurt Swing All Stars: Die kamen einfach musizierend durch die Tür in den Zuschauerraum, marschierten auf die Bühne und rockten den Saal. Wer dachte, dass im Schnitt eher ältere Publikum würde dadurch verschreckt, der irrte: Kaum jemanden hielt es auf den Sitzen, jedes Solo wurde beklatscht und am Ende gab es spontan den Applaus im Stehen.



Inhaltlich war das Konzert dreigeteilt: Das Kurorchester hatte viel leichte Muse vorbereitet. "Musik ist die Abwesenheit von Angst", sagte Trompeter Reinhold Roth zur Einleitung. Musik stehe für Schönheit und Frieden, Wahrheit und Liebe. Gleich zu Beginn entfalteten die zwölf Musiker bei der Ouvertüre aus der Johann-Strauss-Operette "Die Fledermaus" die ganze Klangfülle das Salon-Orchesters. Burghard Toelke leitete das Ensemble nicht nur souverän, sondern übernahm auch viele Streicher-Solo-Parts. Die Ouvertüre aus dem Zigeuner-Baron oszilliert zwischen Polka und Walzer. Und schließlich gab es mit "Éljen a magyar" ein drittes, besonders schwungvolles Stück des Komponisten. Dazwischen fügte das Kurorchester den Schlager "Wien, Wien, nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein" von Rudolf Sieczyski und den Champagnergalopp ein. Immer wieder war zu spüren, dass Burghard Toelke im Orchester angekommen ist, eigene Akzente setzt und Musiker wie Oboist Joachim Bannasch zu Höchstleistungen motiviert.
"Keiner weiß, wie es ausgeht", kündigte Bernd Otto den zweiten Teil an und wickelte das "weltbeste Publikum" in der "Welthauptstadt der Musik" wortgewandt um den kleinen Finger. Durch die Stücke der Frankfurt Swing All Stars zog sich der Reiz an gewagten Symbiosen: Swing- und Dixieland-Land Stücke kombinierten die Ausnahme-Musiker mühelos mit dem schnelleren Bebop. Traumwandlerisch hauchten sie den kunstvollen Stücken der 1940er und 1950er Jahre den Unterhaltungswert der goldenen Jazz-Jahrzehnte davor ein. Zu hören waren Klassiker wie "Honeysuckle Rose" von Fats Waller, "That's a plenty" von Benny Goodman, "Scrabble from the Apple", die Duke Ellington-Klassiker "Creole Love Call" und "Mood Indigo" sowie ein Mix aus "Back home again in Indiana" und "Donna Lee".
Danach zeigten beide Ensembles, was sie in vier Proben einstudiert hatten: Bei "Margie" ließ sich Bernd Otto mit dem Banjo gekonnt auf die Streicher des Kurorchesters ein. "Lass mich dein Badewasser schlürfen" hatte Danyel Nicholas so geschickt arrangiert, dass beide Seiten ihre Stärken ausspielen konnten. Nach "Midnight in Moscow" erfüllte sich Posaunist Roman Riedel den Traum, mit seinem Idol Joe Gallardo den "Fogo da Mulata" zu spielen. Endgültig aufgetaut waren beide Seiten bei "Bei mir biste scheen" und dem "Byebye Blues".
"Ich hatte schon etwas Bedenken", gestand Fördervereins-Vorsitzender Kurt Rieder nach dem Konzert, aber: "Unser Kurorchester hat gezeigt, was sie unter der Leitung von Herrn Toelke leisten können", zog er zufrieden Bilanz. An dieses Zusammenspiel könne das Ensemble anknüpfen: "Wir werden noch viel Freude an unserem Kurorchester haben", ist sich Rieder sicher.