Seit mittlerweile fast sechs Jahren bewirtschaftet Christian Hänsch die Kultkneipe "Zoom Eulenspiegel" in der Bachstraße. Der gelernte Krankenpfleger kam zu der Gaststätte wie "die Jungfrau zum Kind". Im Interview spricht er über die Schwierigkeiten des Kneipenbetriebs und seine Bemühungen einen Flecken alternativer Kultur in Bad Kissingen aufrecht zu erhalten.

Herr Hänsch, wie kamen Sie vor rund fünfeinhalb Jahren dazu, die "Eule" zu übernehmen?
Christian Hänsch: Ich komme aus dem Bereich der Pflege - ich habe 20 Jahre als Krankenpfleger gearbeitet, da wurde mir der Papierkrieg irgendwann zu viel. Man war mehr am Papier als am Patienten. Der alte Pächter der Eule wollte aufhören, und es wurde intern nach einem Nachfolger gesucht. Da bin ich dann angesprochen worden und habe zugesagt.

Wie hat Ihre Frau darauf reagiert?
Die stand hinter mir. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich das nicht gemacht. Das war ja schon ein hohes Risiko. Immerhin hatte ich bis dahin noch nicht eine Erfahrung in der Gastronomie sammeln können. Entscheidend war für mich auch, dass es immer einen Weg zurück in die Pflege gibt.

Wenn Sie zurückblicken - war das die richtige Entscheidung?
Definitiv, man ist sein eigener Chef. Klar hat man noch immer Stress, aber das ist ein anderer als in der Pflege. Anfangs dachte ich, dass ich vielleicht noch nebenbei in der Pflege arbeiten kann. Dann habe ich gemerkt, dass das mehr als ein Fulltime-Job ist. Ich lege früh um 10 Uhr mit den Einkäufen los, um 17 Uhr öffne ich - also muss ich schon vorher da sein. Also bin ich eigentlich immer von 16 Uhr bis Ende da. Das heißt unter der Woche bis 1 Uhr nachts und an Wochenenden bis 4 Uhr früh. Allerdings: Ich wollte es ja nicht anders. Und mal ganz abgesehen davon - ich bin ja in der Eule eigentlich immer noch pflegerisch tätig, mittlerweile eben im psychischen Sinn. Man muss zuhören können.

Wie bringen Sie Familienleben und Job unter einen Hut?
Das ist das, was mir momentan am meisten fehlt. Ich sehe meine beiden Kinder häufiger in der Eule als Zuhause. Das liegt daran, weil mein Sohn studiert und mich - wenn er denn da ist - am Tresen unterstützt. Meine Tochter hilft in der Küche mit. Das ist ein bisschen wie ein Familienunternehmen geworden. Die Zeit daheim fehlt mir etwas. Ich arbeite gern im Garten, der aktuell allerdings eher ein Dschungel ist. Ich komme ja nicht dazu, mich darum zu kümmern. Demnächst stelle ich die erste Vollzeitkraft ein, mal schauen ob es dann besser wird.

Das Rakozy-Fest steht vor der Türe, wie präsentiert sich "die Eule" zu dem Anlass?
Seit drei Jahren mache ich nur noch den Kneipenbetrieb. Da brauche ich weniger Personal, habe keinen Zoff mit den Bands und dem Bühnenauf- und Abbau mehr. Das ist wesentlich weniger Stress. Mittlerweile kümmern sich andere um die Bands die vor der Eule spielen. Das sind Profis, wenn da noch Musiker gesucht werden, helfe ich auch mal beim Vermitteln. Mit Band, Bühne und so weiter landet man fast im fünfstelligen Bereich. Dazu kommen noch die Löhne und Genehmigungen. Hol das mal mit Bier und Schnaps rein.

Sie sind selbst sehr musikbegeistert, spielen Sie ein Instrument?
Nein, leider nicht. Aber ich denke, meine Liebe zur Musik ist in der "Eule" gut zu sehen. Die erste Aktion, nachdem ich Pächter geworden bin, war das Aufhängen der Band-Poster. Aktuell haben wir oft Live-Musik in der Bar. Neulich hatten wir auch mal eine Lesung: vom Flüchtling zum Herzchirurgen. Im Sommer wird das immer etwas weniger als im Herbst oder Frühjahr. Drinnen wird es sonst zu heiß. Bis September haben wir deshalb jetzt erst mal "Live-Pause".

Was wäre Ihr Lieblings-Act, den Sie in der Eule spielen lassen würden?
Das ist schwer zu sagen, weil ich musikalisch echt breit aufgestellt bin. Außer Schlagern und Rechtsrock geht eigentlich alles klar. Aktuell hätte ich gerne "Feine Sahne Fischfilet" da (Anm.: Punk-Rock Band aus Mecklenburg-Vorpommern). Das hängt alles ein bisschen mit meiner persönlichen politischen Einstellung zusammen. Ich bin der Kissinger Direktkandidat für die Landtagswahl bei den Linken. Das ist auch etwas, das auf die Eule passt. Die war schon immer alternativer geprägt.

Woran zeigt sich die alternative Prägung?
Einerseits an der Musik und andererseits an den Gästen. Da ist wirklich fast jede Richtung vertreten. Die Eule ist schon sehr politisch. Klar wird da dann auch heftig diskutiert. Allerdings arten die Diskussionen nie aus, am Ende stößt man gemeinsam an und trinkt einen zusammen. Wenn ich Fakten nennen sollte, die die Eule am ehesten charakterisieren sind das die Ungezwungenheit und die Verbindung von Musik und Kultur. Ich durchstöbere regelmäßig die unterschiedlichen Neuerscheinungen der Musik.

Eine letzte Frage Herr Hänsch: Welchen Newcomer können sie für den Sommer empfehlen?
Ist zwar kein Newcomer - aber das neue Album von den Fantastischen Vier ist gut. Allerdings wurde der Song "Zusammen" schon von der ARD zum WM-Song gekürt. Ich glaube, der wird jetzt im Radio totgespielt. Also empfehle ich mal Frank Turner. Ich glaube, mit seinem neuem Album kann er auch in Deutschland endlich Fuß fassen.

Das Gespräch führte Johannes Schlereth.