Sie hat ihre lange dicke Wurzel wie einen Pfahl tief in den Boden gerammt, um alles, was sie zum Überleben braucht, aus der Tiefe zu pumpen. Wie kaum eine andere Pflanze kann sie mit ihren natürlichen Superkräften ein Lebenselixier fördern, ohne das niemand auskommt: Stickstoff. Gerade diese Superkräfte werden ihr in der Rhön zum Verhängnis - sie soll weichen. Hier, wo sich alle anderen darauf eingestellt haben, sparsam zu wirtschaften. Damit die genügsamen Rhöner Eigengewächse von der Lupine nicht in die Flucht geschlagen werden, sind jetzt die Superkräfte von fleißigen Helfern gefragt.

Hans Kober setzt den Ampferstecher an. Mit dem Fuß versenkt er die beiden Zinken der spitzen Gärtnergabel in der Erde. Ein Ruck, noch einer, schließlich hilft ein Instrument Marke Eigenbau beim Hebeln. Die Sonne steht noch nicht sehr hoch an diesem Vormittag und doch sticht sie der "grünen Gruppe", wie sich die Mannschaft der Hammelburger Lebenshilfe nennt, in den Nacken.

Insektenspray, Sonnencreme, Sonnenhut und viel trinken - so lautet die Devise von Rüdiger de Haan. "Mir macht´s Spaß hier oben", sagt er. Die Bergwiese, auf der er mit den anderen ackert: eine offene Fläche mitten im Naturschutzgebiet Schwarze Berge, Teil des Biosphärenreservats Rhön. Irgendwo weiter oben: das Würzburger Karl-Straub-Haus. In der anderen Richtung klebt der Blick an der unverkennbaren Silhouette in der Ferne. Von der Aussicht haben die Landschaftspfleger nicht viel. Ihr Blick haftet nicht an den Kuppen, sondern an den Wurzeln. Und die sollen weg.


Konkurrenz-Kraut

Es ist der erste offizielle Versuch des Landkreises Bad Kissingen, die Lupine organisiert und im größeren Maßstab zu bekämpfen. In einem sogenannten Managementplan der Regierung von Unterfranken sind Gebiete in einer Karte vermerkt, in denen die Wiesen besonders lila leuchten. Wo die Lupine einmal gelandet ist, haben es die Heimischen schwer: Orchideen-Arten, die Trollblume. Bevor die starke Konkurrenz zu mächtig wird, sollen es jetzt fleißige Hände richten. Die Hobby-Gärtner kämpfen gegen die Zeit.


Verbreitung eindämmen

Seit Anfang Mai kraxelt die grüne Gruppe die Bergwiesen rauf und runter. Ihre Mission: verhindern, dass die Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchte ihre Samen für die nächste Generation loswird. Wo die Lupine heuer zum ersten Mal auftaucht - in den sogenannten Entstehungsherden - versuchen die Frauen und Männer, sie an der Wurzel zu packen. "Es ist wichtig, dass wir an diesen Flächen dran bleiben", sagt Aglaia Abel, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbands. Im nächsten Jahr will sie die Aktion noch früher einläuten. Die Zeit ist knapp.

Irgendwann bleibt der Truppe nur noch, das Werkzeug zu wechseln, um von ihrer Mission nicht abzukommen. Die Samen sind beinahe ausgebildet: Mit der Gartenschere zwickt Rüdiger de Haan den langen lilafarbenen Blütenschweif ab und versenkt in zwischen den anderen im Grüngut-Sack.


Gefahr fürs Vieh

Im Naturschutzgebiet fördert der Freistaat den Arbeitseinsatz der grünen Gruppe der Hammelburger Lebenshilfe mit 90 Prozent, die restlichen Kosten trägt der Landkreis Kissingen. Rechtlich sind die Kommunen zu diesem Naturschutz verpflichtet, erklärt Aglaia Abel. "Ansonsten drohen Strafzahlungen an die EU." Nicht die einzigen Folgen, die dem Einsatz der Gärtner auf den Rhöner Bergwiesen Bedeutung verleihen.

Für das Vieh der Bauern aus der Umgebung könnte die Blütenpracht tödlich enden. Die Lupine ist giftig: sowohl für Pferde als auch für Kühe. Wer hier oben Futter einholt, kann keine Lupine in der Mischung gebrauchen. Doch wer hat sie überhaupt eingeladen - hier hoch in die Rhön?
Vielleicht während der 50er-Jahre, als fleißig aufgeforstet wurde? Oder aus dem Straßenbau, wo Lupinensamen in den Blüh-Mischungen stecken? Sicher kann es niemand sagen. Franz-Peter Ullmann von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt weiß, warum das Gewächs so viele Flächen vereinnahmt: "Es verselbstständigt sich durch Maschinen und Fahrzeuge."

"Was wir schaffen, schaffen wir", sagt Hans Kober, der die grüne Gruppe anleitet. Das Motto hält die Motivation hoch ob der Fülle und der fortgeschrittenen Verbreitung des lila Leuchtens auf den Rhöner Wiesen. "Wir haben die Verantwortung für die Arten, die hier leben", sagt Aglaia Abel. Jeder müsse sich schließlich fragen, wie er leben will. Sie jedenfalls weiß es: "Was geblieben ist, von dem was mal war, will ich bewahren."