Wohl nie war das "Intime Theater" im alten Jagdschloss hoch über Maßbach seinem Ursprung so nah wie jetzt: Wo sonst 87 Menschen im kleinen Saal sitzen und Schauspielern applaudieren, steht Anne Maar alleine zwischen den Zuschauerreihen. Wo sonst im Kaminzimmer Gläser klingen und Gäste mit Akteuren plaudern, sind die tiefen Polstersessel leer. Der Lockdown ist eine bittere Zeit für die Leiterin des Theaters Schloss Maßbach und ihre 40 MitarbeiterInnen. Und das im Jahr des 75. Geburtstags. Was macht das mit den Menschen, die ihr Herz der Kultur verschrieben haben?

Sie machen vor allem eines: Weiter. Auch wenn Maar ein gutes Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie konstatiert, dass "die Wirkungslosigkeit des Tuns ermüdet und lähmt." Habe sie im März 2020 noch Plan B erarbeitet, sei sie mittlerweile bei Plan M angelangt.

Gerade kommt sie aus einem virtuellen Treffen mit den bayerischen Intendanten, wo diesmal auch Ministerpräsident Söder und Kulturminister Siebler teilnahmen. Verkündet wurde: Nichts Neues. Es heißt weiter warten und die geplanten Premieren verschieben. Elf stünden heuer auf dem Spielplan, sechs wurden und werden geprobt.

Letztere könnten sofort in den drei Spielstätten - dem Intimen Theater, dem umgebauten Pferdestall und auf der Freilichtbühne im Garten - aufgeführt werden. Für größere Produktionen steht die nur wenige Schritte entfernte Lauertalhalle zur Verfügung. Wie es für "Landesbühnen", in diesem Fall die unterfränkische, üblich ist, geht das Theater Schloss Maßbach mit einigen Stücken auch auf Tournee. Im Landkreis Haßberge schätzt ein großes Publikum seit Jahrzehnten die Gastspiele in Ebern und Haßfurt. Die "Maßbacher" gehören einfach zu dem öffentlichen Leben.

Auch wenn es am Programm nicht scheitern würde: Zurzeit geht einfach gar nichts. Da muss man schon einen eisernen Charakter haben. Maar bleibt notgedrungen realistisch. "Ich denke bereits über Plan N nach", sagt sie und zeigt auf den großen, mit Namen von Stücken sowie Zeitplänen gespickten Regieplan in ihrem Büro. Einen wunderbaren Ausblick hat sie von hier, hinunter nach Maßbach und auf sanfte Hügel der Umgebung. Die geografische Lage ist eine Besonderheit, grenzt der Ort doch an vier Landkreise. Das Theater wird daher vielfach unterstützt: Vom Bezirk Unterfranken, den Landkreisen Bad Kissingen, Haßberge, Rhön-Grabfeld und Schweinfurt, dem Markt Maßbach, der Stadt Schweinfurt und dem Kunstministerium.

Mit 1,1 Millionen Euro ist der Etat klein. Vor allem die SchauspielerInnen verdienen in Maßbach weniger, als im ohnehin mäßig bezahlten und von befristeten Verträgen dominierten Theaterbetrieb. Warum dennoch viele jahrelang bleiben oder wiederkommen, liegt wohl an der Idee des "Theaters aus dem Geist der Gemeinschaft": SchauspielerInnen und Regieleute können im Schloss wohnen. Zwölf historische Zimmer auf zwei verwinkelten Etagen stehen zur Verfügung, es gibt Gemeinschaftsbäder und auch -küchen. Mittags tafeln alle gemeinsam, wenn die Hauswirtschafterinnen im Esszimmer auftischen.

"Es ist ein bisschen wie auf einer Insel", sagt Maar. "Wir verstehen uns gut. Dieses Konzept ist in Deutschland einmalig." Weil die SchauspielerInnen zusammenwohnen, entsteht Vertrauen. "Das wirkt sich auf der Bühne positiv aus. Der Konkurrenzdruck ist nicht so groß wie sonst am Theater." Die Maxime der Gemeinschaft hatten Lena Hutter und Oskar Ballhaus schon bei der Gründung ausgegeben. Wer bei letzterem Namen an Michael Ballhaus denkt, der bis zu seinem Tod vor vier Jahren zu den besten und international bekannten Kameraleuten zählte, liegt richtig: Er war der Sohn. Seine Schwester Nele ist mit dem weltweit erfolgreichen Kinderbuchautor Paul Maar verheiratet. In dieses künstlerische Umfeld wurde Anne Maar 1965 hineingeboren. Ihre Großeltern, beide Schauspieler, waren da bereits seit 19 Jahren Leiter (Prinzipale) des Theaters, das sie 1946 als "Coburger Kulturkreis" aus der Taufe gehoben hatten. Nach Stationen in Wetzhausen und Stöckach ist es seit 1960 im Schloss Maßbach zu Hause und hat seit der Spielzeit 2015/16 seinen heutigen Namen.

In Maars Büro stehen in einem Holzregal alte Fotos. "Da war meine Großmutter 90", sagt die Enkelin und zeigt auf das Bild einer zierlichen Dame. Obwohl sich das Gründerpaar früh getrennt hatte, führte es das Theater gemeinsam weiter. Nach Ballhaus' Tod stand Hutter ihr zweiter Ehemann Herbert Heinz zur Seite. Als er 2002 starb, ging es der Witwe gesundheitlich zusehends schlechter. Anne half da bereits im Theater aus. "Großmutter mischte trotzdem munter mit", erzählt die Enkelin. "Wenn ich etwas ändern wollte, sagte sie oft: ,Nur über meine Leiche‘". Auch die Frage der Nachfolge wies Hutter weit von sich. Maar konnte sich das lange auch nicht vorstellen: "Ich bin Kinderbuchautorin. Das ist ein völlig anderer Beruf."

Dennoch füllte sie das Vakuum, das nach dem Tod der Großmutter entstand und wurde 2003 Leiterin des Theaters. "Damals habe ich erst einmal die Abläufe neu organisiert, den Spielplan erweitert und zusätzliche Spielorte aufgetan", erzählt Maar. Auch begann sie damit, die Requisiten aufzuräumen. Zehntausende, von Bierkrügen über Koffer bis hin zu Schuhen, alles in allen Größen, Farben, Formen und aus allen Epochen, sind heute fein säuberlich in Schränken und Regalen aufgereiht - ein wahrer Warenrausch im Keller und Dachboden. Aber es darf halt an nichts fehlen, jedes noch so kleine Stück kann jederzeit bei einem Stück benötigt werden. "Wir können nichts wegwerfen", bekräftigt Maar. Das gilt auch für den Fundus, der samt Schneiderei 2020 in ein eigenes Gebäude umgezogen ist. 10 000 Kleidungsstücke hängen schon auf den Bügeln: Sie müssen ständig angepasst und zusätzliche angefertigt werden. Zum Glück werden oft Stoffballen gespendet, und Kostümbildnerin Jutta Reinhardt greift zu, wenn es auf Nachlässen und Flohmärkten Nähzubehör gibt. "Neu kaufen wäre zu teuer", sagt sie.

Geld spielt in einem kleinen Theater nun mal eine große Rolle. "Manche Abteilungen können wir uns nicht leisten", erklärt Maar. Schminken etwa müssen sich die SchauspielerInnen im Hinterbühnenzimmer selbst. Ohne eigene Schreinerei geht es hingegen nicht. Sie arbeitet effektiv: "Die Bühnenbilder werden gleich so gebaut, dass sie erweiterbar sind", sagt die Chefin. Für die Gastspiele bedarf es anderer Maße als für die Aufführungen im Haus. Dort spielen sie von Oktober bis Mai, von Juni bis September geht es auf die Freilichtbühne - mit Heizungsrohren zum Füßewärmen und einem ausfahrbaren Regendach.

Draußen heiter, drinnen ernst

Sieben Abendstücke pro Saison plus vier Kinder- und Jugendstücke, knapp 300 Vorstellungen, das ist das Jahrespensum. "Unter der Woche sind wir als Landestheater unterwegs. Das bedeutet Montag Bühnenbild verladen, Freitag wieder abladen. Währenddessen wird im Schloss das nächste Stück geprobt", beschreibt Maar den Betrieb. Die Stücke werden nach den Premieren jeweils sieben Wochen am Stück gespielt. Das Programm ist zweigeteilt: "Draußen bieten wir passend zum Sommer eher leichte Stoffe, drinnen kommen zeitgenössische und ernste Themen auf die Bühne."

Zurzeit ist das übliche Gefüge im Theater ausgehebelt. "Vor einem Jahr waren wir noch zuversichtlich und haben die Zeit für Workshops genutzt", sagt Maar. Auch Stücke wurden geprobt und hatten intern Premiere. Aber jetzt? Die Prinzipalin rechnet mit einem Spielbeginn vielleicht Ende Mai, vielleicht Freilicht. Draußen durften sie im Sommer 2020 nur ein Drittel der Zuschauer einlassen.

Maar fürchtet den erneuten Aufwand, auch mit Coronatests. Und trotzdem: "Wir wollen spielen", das ist ihr sehnlichster Wunsch. Die Realität: Warten, Kurzarbeit, umplanen. "Es ist schon mühsam, das Feuer zu bewahren", sagt Anne Maar. Sie fängt jetzt mit Plan N an.

Ein Buch zum Geburtstag

Jubiläum Zum 75. Geburtstag des Theaters Schloss Maßbach erscheint Anfang Mai ein Lese-Buch mit Interviews, Anekdoten und Erinnerungen. "Einladung ins Schloss" gibt's für 25 Euro im Buchhandel und im Theater .

Programm In normalen Zeiten stehen elf Stücke, Lesungen, Führungen, Dinner auf dem Programm und kann das Theater für Feiern gebucht werden. Viele der 710 Abonnenten sind Mitglieder im Freundeskreis.

Infos Auskünfte zum Spielbetrieb gibt es unter Telefonnummer 09735/235 und unter theater-massbach.de.