37 Hausärzte praktizieren aktuell in der Großen Kreisstadt und im östlichen Landkreis. Sie sind für die Versorgung von nahezu 50 000 Menschen verantwortlich. Damit ist der Bereich zumindest statistisch gut versorgt - noch. Das Problem: Mehr als jeder zweite niedergelassene Hausarzt ist 60 Jahre oder älter und geht damit bald in den Ruhestand. Laut dem aktuellen Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) beträgt der Altersdurchschnitt damit 60,1 Jahre und liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Die KVB schlägt angesichts dieser Zahlen Alarm: "Es ist eine große Versorgungslücke in den nächsten Jahren zu erwarten, wenn viele unserer Mitglieder in Ruhestand gehen", kommentiert Pressesprecherin Birgit Grain. Ähnliche Töne schlägt auch Christian Pfeiffer an, ein Mediziner, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes und Vorstandsbeauftragter der KVB in Unterfranken. Die Altersstruktur sei "eine Katastrophe".

Die Lage bei den Hausärzten im Altlandkreis Hammelburg ist ähnlich. Dort sind sie im Mittel zwar etwas jünger als in Bad Kissingen, gleichzeitig haben aber zwei von drei Doktoren schon ihren 60. Geburtstag gefeiert. Im landkreisweiten Altersvergleich schneidet die Rhön noch am besten ab - trotzdem sind auch im Altlandkreis Bad Brückenau die Hausärzte überdurchschnittlich alt.


Ärzte-Nachwuchs nicht gesichert

Nicht als besorgniserregend, aber dennoch als sehr problematisch bezeichnet Herbert Schulze die Überalterung. Die Entwicklung sei lange absehbar gewesen, so der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Bad Kissingen. "Die Tendenz bei den Kollegen ist, dass sie über ihr Rentenalter hinaus die Praxis betreiben", berichtet er. Das tun sie oft aus der Not heraus, weil sie keine Nachfolger finden. Das hat viele Gründe: Im ganzen Land fehlen Nachwuchsärzte, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Zu wenig Medizinstudenten wollen außerdem Hausärzte werden.

Die klassische Landarztpraxis, in der ein Arzt von früh bis spät im Behandlungszimmer arbeitet und auch nach Feierabend für die Patienten da ist, sei für junge Kollegen eher abschreckend. Schulze: "Die wenigsten wollen heute den Alleinunterhalter geben." Das gelte insbesondere für junge Ärztinnen, die sich neben dem Beruf auch eine Familienplanung wünschen und deshalb auf geregelte Arbeitszeiten angewiesen sind. Die Erfahrung zeige, dass sich heute oft zwei Kollegen zusammenschließen, um eine Praxis zu führen, um die sich ein älterer Kollege alleine gekümmert hat.

Laut Schulze geht die Ärzteschaft davon aus, dass es künftig weniger Hausarztpraxen in Unterfranken geben wird. Für Städte macht er sich weniger Gedanken um Versorgungslücken. In Bad Kissingen beispielsweise sei das Umfeld attraktiv genug, dass Ärzte sich dort weiterhin niederlassen. "Das Problem ist das flache Land", sagt er.

Das zeigen die Daten der Kassenärztlichen Vereinigung schon jetzt. Bad Kissingen ist die einzige Kommune im Landkreis, in der neben den Hausärzten auch alle anderen allgemeinen Facharztgruppen vertreten sind. Bad Brückenau und Hammelburg sind noch relativ gut aufgestellt, wenn gleich es erste Löcher gibt: So fehlen in Bad Brückenau beispielsweise Kinder-, Haut- sowie Hals-Nasen-Ohrenärzte, in Hammelburg gibt es keine niedergelassenen Chirurgen und Hautärzte.

Doch schon Münnerstadt ist ein weißer Fleck auf der Ärztelandkarte: Die einzigen Fachärzte, die mit eigenen Praxen vertreten sind, sind die Psychotherapeuten. Schulze ist der Ansicht, dass sich die Versorgung auf regionale Zentren konzentrieren wird. "Die Zeiten einer flächendeckenden Versorgung sind vorbei", meint der Orthopäde. Für Patienten wird es unbequemer: Sie müssen mobil sein und weitere Wege in Kauf nehmen. Das beißt sich nicht nur mit den hohen Ansprüchen, die über Jahre vom Gesundheitssystem genährt wurden, sondern auch mit dem schwachen ÖPNV auf dem Land. Schulze: "Die Umstellung ist natürlich bitter." Und für Patienten ohne Auto ein Problem.

Rein statistisch ist der Landkreis bei allen Ärzten derzeit bis auf eine Ausnahme gut versorgt. Nur bei den HNO-Ärzten droht eine akute Unterversorgung. Grundsätzlich kann die KVB finanzielle Anreize setzen, um Ärzte aufs flache Land zu bringen, wenn ein Gebiet unterversorgt ist. "Wenn ein junger Arzt sich niederlässt, erhält er einmalig bis zu 60 000 Euro", erklärt KVB-Fachmann Christian Pfeiffer. Auch wenn jemand eine Zweigpraxis eröffnet oder weitere Ärzte einstellt, erhält er Zuschüsse. Die Zuschüsse seien effektiv. "Da zeichnet sich eine positive Entwicklung ab", sagt er zuversichtlich.


Statistische Überversorgung

Den drohenden Versorgungslücken bei den Hausärzten ist so aber nicht beizukommen. Der Altlandkreis Bad Kissingen gilt bei Hausärzten als überversorgt. "Der Planungsbereich ist gesperrt, das heißt es dürfen sich keine Hausärzte neu niederlassen", erklärt Pfeiffer. Nachwuchsärzte können nur bestehende Praxen übernehmen. Gleichzeitig bedeutet die Überversorgung, dass die KVB keine Zuschüsse gewähren darf. Obwohl sich die Situation absehbar verschlechtern wird, könne die KVB nicht handeln. "Rein rechtlich müssten zwei Praxen schließen, damit die KVB etwas unternehmen kann", bedauert Pfeiffer.


Ärztliche Versorgung

Bedarf Bundesweit einheitliche Kennzahlen legen fest, auf wie viele Einwohner ein Allgemein- oder Facharzt benötigt wird. Anhand dieser Zahlen plant die KVB den Ärztebedarf und berechnet, ob eine Region gut oder schlecht versorgt ist.

Zahnärzte Der Versorgungsatlas der KVB enthält keine Daten über die Situation bei Zahnärzten. Diese organisieren sich in einer eigenen, der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB).