Eigentlich eint die beiden wenig - zumindest biologisch betrachtet. Der eine ist ein Singvogel - auch wenn seine Lautäußerungen nicht unbedingt danach klingen - der andere findet sich bei der Unterordnung der Hundeartigen: Die Rede ist vom Raben und dem Wolf. Die beiden Tiere eint mehr als nur ihr Intellekt und die List.

Essen und Energiesparen

Letztlich ist aber die Verschlagenheit der beiden doch der Ausgangspunkt zu einem erstaunlichem Teamwork. Und so funktioniert es:

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Ernährungsverhalten. Der Wolf - man kann ihn gerne als Buffettfräse betiteln - ist wahrlich kein Kostverächter. In der Biologie führt man ihn deshalb als Generalisten. Das heißt: Vor ihm ist nichts sicher - egal ob pflanzlich oder tierisch. Sein Motto ist: Je weniger Energie verbraucht werden muss, desto besser. Ähnlich opportunistisch sind Isegrims gefiederte Freunde unterwegs. Man frisst, was da ist. Darauf hat die Evolution den Raben eingestellt. Gut zu sehen ist das am Allesfresserschnabel. Eine Vorliebe haben die schwarzgefiederten Zeitgenossen dennoch: Fleisch - respektive Aas.

Auf den ersten Blick ähnelt sich das sehr und schreit nach Futterneid, oder? Falsch gedacht. Denn Isegrim hat verglichen mit Pflückebeutel einen Nachteil. Dafür werfen wir einen Blick auf die Wolfsaugen. Als Raubtier hat er ein nach vorn gerichtetes Augenpaar, das ihm durch das Überschneiden des Blickfelds räumliches Sehen mit einem großen Blickwinkel ermöglicht. Das evolutionäre Konzept dahinter ist simpel: Augen auf die Beute.

Zudem ist seine Optik auf das Wahrnehmen von Bewegungen ausgerichtet - das funktioniert sogar auf große Entfernungen. Für stillstehende Objekte bräuchte der pelzige Kamerad dagegen einen Optiker. Seine Sehleistung hat sich im Lauf der Jahre zudem auf die Hauptaktivitätszeit ausgerichtet - die Dämmerung. Aber: Ihm fehlt der Überblick aufs große Ganze. Was ja klar ist - er hat keine Flügel.

Hightech der Natur

Was aber trotz fehlender Flügel nach einem praxistauglichem Konzept klingt, ändert sich beim Vergleich mit dem Raben. Vogelaugen gelten als das am höchsten entwickelte Sehorgan im gesamten Tierreich. Kein Wunder - ständig ändern sich die Lichtverhältnisse beim Flug, außerdem heißt es wachsam sein vor Fressfeinden und irgendwie muss man als Vogel ja auch sehen, wo es etwas zu fressen gibt. Damit ist das Feld abgesteckt, auf dem sich im Lauf der Jahrtausende eine erstaunliche Kooperation gebildet hat.

Ein faules Wolfsleben

Isegrim, der Bewegungsseher, hält Ausschau nach fliegenden Raben. Was ja aus Wolfssicht nur logisch ist. Warum sollte man ein Reh durch den Wald hetzen, wenn man faul herumliegen kann, die ziehenden Wolken betrachten kann und mit etwas Glück einen Schwarm Raben auf dem Weg zu einem Aas-Buffet vorbeizieht? Für Isegrim das Signal: Es ist angerichtet. Wo der Rabe kreist, gibt's Futter. Energiesparmodus leicht gemacht.

Braucht es eine Eheberatung?

Allerdings scheint die Beziehung noch etwas einseitig zu sein. Einen Termin beim Paar-Therapeuten brauchen Pflückebeutel und Isegrim aber nicht. Am Kadaver angekommen schlägt nämlich die Stunde für den Wolf. Anders als der Rabe hat er Zähne in seinem kräftigen Gebiss. Damit lässt sich die Haut des Kadavers hervorragend aufreißen. Die Folge: Auch der Rabe bekommt eine Extra-Ration Aas am Open-Air-Buffet zu fressen.

Kommende Woche klettern wir in "Wilde Rhön" mit Ihnen auf die Rhöner Buchen und werfen einen Blick auf demente Förster und wie sie trotzdem dem Wald nutzen.