Es ist immer noch nicht leicht, darüber zu sprechen, Emotionen kochen hoch, Tränen laufen. Gerettete und Lebensretter sitzen an einem Tisch. Es war der 7. November, an dem sich die Wege von Manuel Perez und Birgit Metz kreuzten. Ein Tag, der sie schicksalhaft zusammenführte. Am Steuer ihres Wagens auf der B286 am Ortsausgang von Garitz erlitt Metz plötzlich einen Herzstillstand, hervorgerufen durch Hinterwandflimmern. Während andere einfach weiter fuhren oder am Straßenrand standen, ohne zu helfen, reanimierte Perez sie ohne zu zögern - und rettete ihr damit das Leben.
Birgit Metz kann sich an nichts mehr erinnern. Sie weiß nur noch, dass sie auf dem Weg zum Kinderarzt war. Ihr sechsjähriger Sohn sollte geimpft werden. Zuhause in Burkardroth zögerte sie noch, ob sie den Termin nicht lieber absagen sollte - ihr Sohn hatte Husten. Sie entschied sich, zu fahren - kam aber nicht an. "Wenn ich daheim geblieben wäre, hätte es für mich keine Rettung mehr gegeben."

Fassungslos und wütend


Perez war zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie zuhause. Beim Blick aus seinem Küchenfenster sah er ein Auto mitten auf der gegenüberliegenden Straße stehen. Die Autos dahinter stauten sich, erste Schaulustige sammelten sich um das Geschehen. Perez' Sohn Manuel-Liano, 21 Jahre, fragte die Passanten, ob er helfen könne. "Nee, die ist nur bewusstlos", ist alles, was er zu hören bekam. Noch heute sind Perez und Metz fassungslos darüber - und wütend. Wie konnten diese Menschen teilnahmslos da stehen, ohne zu handeln und erste Hilfe zu leisten?
Manuel-Liano aber reagierte schnell, rief nach seinem Vater. Als der wie ein Blitz zu Metz' Auto rannte, war das Kind auf dem Rücksitz das erste, was er sah. Unter Schock sagte es: "Mama hat gesabbert, dann ist sie eingeschlafen." Fürsorglich nahm Manuel Perez den Jungen an die Hand und gab ihn in die Obhut seiner Söhne Manuel-Liano und Marcos, 17 Jahre. Dann richtete sich sein Blick auf Birgit Metz. Sie war ohne Bewusstsein, hatte es vorher aber glücklicherweise noch geschafft, das Auto unfallfrei zum Stehen zu bringen. Vorsichtig zog er sie aus dem Auto, legte sie auf die Straße und begann - ohne nur eine Sekunde Zeit zu verlieren - mit der Reanimation. "Ihr Puls war sehr schwach und sie war schon ganz blau im Gesicht. Diese Bilder vergesse ich niemals", erinnert sich Perez.
Herzmassage und Beatmung, immer wieder, abwechselnd, ohne Pause - Perez hatte kurz zuvor einen Erste Hilfe-Kurs besucht. Als Altenpfleger beim Pflegedienst Manuela in Garitz macht er das jährlich. Sanft redete Perez auf Metz ein: "Komm, atme!" Die Zeit, bis der Krankenwagen eintraf, war für ihn eine "gefühlte Ewigkeit". Den rief ein Autofahrer aus Reiterswiesen, der zufällig mit dem Auto vorbeifuhr und half, den Verkehr zu regeln. Die Sanitäter intubierten Metz und schlossen sie an Ort und Stelle an einen Defibrillator an. "Ich war schon mehr tot als lebendig", sagt Metz heute. Ohne Perez' Hilfe hätte es für sie wohl keine Rettung mehr gegeben, das sagte ihr später ein Notarzt.
Acht Wochen lag sie im Krankenhaus, zuerst in Bad Kissingen, dann in Bad Neustadt. Um ihren Sohn kümmerte sich in dieser Zeit ihr älterer Bruder. "In Gedanken war ich nur bei ihm", erzählt Metz und kämpft mit den Tränen. An Weihnachten durfte sie nach Hause, heute ist sie gesundheitlich stabil. Im St. Elisabeth-Krankenhaus wurde ihr ein Defibrillator implantiert. Durch gezielte Stromstöße kann das Gerät Herzrhythmusstörungen beenden.
"Einen solchen Retter kann man sich nur wünschen. Es müsste mehr solche Menschen geben", betont Metz ausdrücklich. Immer mehr Leute würden weg- und nicht mehr hinschauen, sich nur noch um sich und nicht mehr um andere kümmern. Das bekam die 47-Jährige selbst bitter zu spüren. Die Konsequenz? "Ich erwarte heute nicht mehr so viel von den Menschen, weil ich durch mein eigenes Schicksal gekränkt bin."
Auf Schaulustige trifft auch Thomas Menz, Bereitschaftsleiter beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Bad Kissingen, immer wieder. "Das ist normale menschliche Neugierde. Viele wissen nicht, wie sie reagieren sollen", glaubt er. Ein Notruf muss aber abgelassen werden - sonst macht man sich der unterlassenen Hilfeleistung strafbar.
"In der ersten Hilfe kann man nichts falsch machen, außer man macht nichts", verdeutlicht Menz. Wenn er und seine Kollegen an der Unfallstelle eintreffen, sind in den meisten Fällen Ersthelfer vor Ort. Er ist selbst noch oft über deren hervorragende Kenntnisse erstaunt - viele der Helfer hatten erst kurz zuvor einen Kurs besucht.

Bewegendes Wiedersehen


Dass Perez zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, ist für Metz ein "kleines Wunder": "Ich kann ihm gar nicht genug geben. Ich bin so dankbar und schließe ihn in meine Gebete ein." Vor ein paar Tagen trafen sich Gerettete und Lebensretter zum ersten Mal nach dem schicksalhaften 7. November. "Das war sehr bewegend", versuchen Metz und der 43-jährige Perez ihre Gefühle in Worte zu fassen. Lange lagen sich beide in den Armen. Metz und die Perez-Familie liegen auf einer Wellenlänge. Eine Freundschaft entsteht, das haben alle schnell gemerkt. Metz über ihren Retter: "Er hat meine Lippen und mein Herz berührt, mehr Nähe geht nicht." Bald ist ein großes Familienfest geplant, bei dem sich alle kennen lernen sollen.