"Eine Dorfgemeinschaft hält das Dorf lebendig." Eva Braksiek, Regionalmangerin der Allianz Oberes Werntal, warb in der Veranstaltung "Geist im Dorf oder Geisterdorf" für ein enges Miteinander im Dorfgeschehen. Vier Referenten aus unterschiedlichen Fachgebieten beleuchteten das Phänomen Dorf und zeigten Zukunftsszenarien auf.

"Das Dorf war über 100 Jahre das Erfolgsmodell in der europäischen Geschichte." Referent Karl-Heinz Hennig (Kreisheimatpfleger) hatte den Part des "Schwarzmalers" übernommen und den Niedergang der Dörfer skizziert. Ende der 60er Jahre, sagte der Kreisheimatpfleger, sei das Ende der Dörfer bereits eingeläutet worden. Es war das Ende der Dorfschulen. In diesen sei der "Geist des Dorfes" gepflegt worden, in den größeren und neuen Schulen, "wo man die Kinner hinkarren muss"(Hennig), gelang das nicht mehr. Der Kreisheimatpfleger sprach die Gebietsreform der Landkreise an, die neue, künstliche und eher bürokratische Grenzen setzte und die von oben herab beschlossene Gebietsreform für die Gemeinde im Jahr 1978. "Es machte sich ein Gefühl der Ohnmacht breit", erzählte Hennig.

Er selbst habe nicht verstanden, warum sein Heimatdorf Hambach in eine Großgemeinde integriert wurde, während wesentlich kleinere Dörfer eigenständig blieben. Zu den politischen gesellten sich die Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Der Priestermangel half, den Verfall des Dorfes als geistige Heimat zu beschleunigen, führte Hennig aus. Heute gebe es Dörfer ohne Einkaufsmöglichkeit, ohne Wirtshaus, ohne eigene Betriebe.

Zum Mitmachen motivieren

Manfred Stadler vom Amt für ländliche Entwicklung hatte einen Lösungsansatz für die Zukunft parat. Der Wettbewerb habe begonnen. Die Städte können dem Ansturm kaum Herr werden. Steigende Mieten, fehlende Plätze in den Kindergärten und in den Schulen seien die Folge. Den Vorteilen der Stadt müsse man im Dorf bürgerschaftliches Engagement entgegensetzen. "Eine breite Bürgerbeteiligung bei allem, was im Dorf geschieht - beispielsweise in der Dorferneuerung - ist von großer Bedeutung. Auf die Gemeinschaft der Menschen kommt es dabei an." Stadler bedauerte, dass Dorferneuerung immer mehr auf den baulichen Sektor reduziert werde. Eine geistige Dorferneuerung zähle für ihn und seine Kollegen mehr als Bauarbeiten. Er wünschte sich, dass man im Zuge der Dorferneuerung mehr Bürger zum Mitmachen motivieren könne. Die Schwierigkeit: Leerstände, baufällige Gebäude, die nicht nur den optischen Wert eines Dorfes nach unten ziehen, und schwierige gesetzliche Rahmenbedingungen.

Die evangelische Pfarrerin Tabea Richter zeigte, wie man in Obbach miteinander umgeht, welche Aufgaben die Kirche übernehmen kann und soll. Sie verwies auf die Kinderstunde und den Jugendtreff, auf gelebte Nachbarschaftshilfe über die Konfessionen hinweg.

Anita Kraus aus Schleerieth schwärmte von ihrem Dorf. Als sie selbst dort heranwuchs, sei "alles tote Hose" gewesen. Später habe sie mit Freunden Vereine zum Leben erweckt, Veranstaltungen konzipiert und neue Mitstreiter gefunden. Vieles schaffte die Dorfgemeinschaft ohne fremde Hilfe. In Schleerieth ist das Mostfest inzwischen fast überlaufen, der Gartenbauverein hat ein Grundstück, das von Kindern gepflegt wird, und die Nachbarn im Dorf freuen sich auf den nächsten Weihnachtsmarkt - im Jahr 2015.

Euphorie hoch gehalten

Die Initialzündung für den Gemeindeteil von Werneck sei das Bürgerfest 1988 gewesen, die mehrmalige Teilnahme am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" habe die Euphorie hoch gehalten. Anita Kraus lobte die Zusammenarbeit mit Behörden, die mit Rat und Fördermitteln zur Seite stünden. Herzstück der Schleeriether Erfolgsgeschichte sei ein funktionierender Vereinsring.