Ungewöhnliche Kunst braucht einen ungewöhnlichen Ausstellungsraum: Etwa ein Dutzend seiner "Phantasien aus Bäumen und Wurzeln" zeigt Holzbildhauer Norbert Klodwig (77) im Bad Kissinger Sozialcafé in der Maxstraße 40 "zum Sehen, Anfassen und Fühlen". Die Ausstellung ist montags bis freitags zu den üblichen Öffnungszeiten des Cafés kostenfrei zu besichtigen.

Größtes und zugleich Herzstück der Ausstellung ist ein riesiger, über zwei Meter langer hohler Baumstamm, dessen rindenloser massiger Körper glatt poliert ist. "Die tiefe Öffnung wirkt wie das Tor zur Hölle", erinnert sich Klodwig an seinen ersten Gedanken beim Auffinden des Stammes. Solche spontanen Eindrücke will der seit 1996 im Emsland pensionierte Realschullehrer für gestaltendes Werken auch im Betrachter seiner Werkstücke wecken.

Langwierige Arbeit

"Das Material meiner Objekte ist altes Totholz. Aber auch Totholz kann etwas erzählen." Der Ausstellungsbesucher soll seiner Phantasie freien Lauf lassen, dann werde er ungeahnte Dinge entdecken, verspricht der 77-Jährige. Durch seine Arbeit "wird das Holz nicht vergewaltigt", sondern der Künstler passt sich der Form, Struktur und Maserung des Holzstücks an. "Ich will seinem ursprünglichen Ausdruck gerecht werden." Ihm geht es bei seinem Kunsthandwerk immer darum, wie beim Menschen neben dem Äußerlichen "auch das Innere zu erkennen".

Egal, ob er eine kleine Wurzel oder einen riesigen Baumstamm in Kunst verwandelt: Zu über 80 Prozent ist es eine "langwierige, aber schöne Handarbeit". Sie beruhigt ihn, da er bei seiner Arbeit den eigenen Gedanken nachgehen und sich in sein Werkstück "hineinversetzen" kann. "Ich will mit meiner Kunst nichts darstellen, sondern dem Holz seine schöne, schmeichelhafte Seite abgewinnen."

Der Kontakt zur Wärmestube des Bad Kissinger Vereins für unterschwellige Hilfe (KIDRO) und dessen Sozialcafé entstand durch die direkte Nachbarschaft zum historischen Hausmeisterhaus des Theresienstifts gleich gegenüber, dessen altes Stallgebäude Klodwig seit drei Jahren als Werkstatt nutzt. Dort liegt der nächste dicke Baumstamm schon auf dem Arbeitstisch und wartet darauf, durch des Künstlers Hand "zum Sprechen gebracht" zu werden. Aus Platzgründen musste die Werkstatt von älteren Kunstwerken befreit und im Sozialcafé ausgestellt werden. "Der Verkauf steht bei meinen Ausstellungen nicht im Vordergrund, sondern die erhoffte Aufmerksamkeit für die Ausdrucksmöglichkeiten durch Kunst", erklärt der frühere Kunsterzieher im Pressegespräch. "Jedes Werkstück hat seine eigene Aussage, je nachdem was der Betrachter darin sieht." Die gewünschte Aufmerksamkeit fanden seine Kunstwerke im Sozialcafé bereits an den Tagen vor der Vernissage. Viele Besucher der Wärmestube hätten die Holzkunstwerke schon bestaunt und sich mit der Frage beschäftigt, was Kunst sei, berichtet deren Leiter Claus Poppe. "Endlich hatten unsere Gäste mal ein anderes Thema als die eigene tägliche Not." Poppe hofft nun, mit dieser Ausstellung auch andere Besucher als seine üblichen Kunden, dies sind vorwiegend sozial Benachteiligte oder einsame Rentner, als neue Gäste im Sozialcafé begrüßen zu können.

"Wie man ins Holz hineinschauen und Ungewöhnliches für sich entdecken kann, kann man durch Gespräche im Café auch besser in die Menschen hineinschauen und dabei mögliche Vorurteile abbauen." Ihm ist dieser Austausch innerhalb der Gesellschaft wichtig, weshalb Claus Poppe für den Besuch dieser ungewöhnlichen Ausstellung an ungewöhnlichem Ort wirbt.

Die Ausstellung "Altes Holz sehen, anfassen und fühlen" wird im Sozialcafé, Maxstraße 40, montags bis mittwochs 8.30 Uhr bis 14 Uhr, donnerstags bis 15 Uhr, freitags bis 13.30 Uhr; am Wochenende und Feiertagen geschlossen.