Die Schloss-Festspiele sind auch in diesem Jahr ein stimmiges Gesamterlebnis. Da wird die gemeinsame Fahrt mit dem Bus die Kehren hinauf zum Nervenkitzel, der Pfad unterm Blätterdach an den Schlossmauern entlang zur Bühne eine Abenteuerwanderung und der Blick hinunter ins Saaletal eine Entdeckung. Die lauschige Spielstätte von Schloss Saaleck mit den bemoosten Stufen, Blockterrassen und Treppen vor efeubewachsenen Mauern weckt Vorfreude. Gourmetteller, Wein von den Hängen des Schlossbergs, Espresso, serviert aus einem schicken Kaffeefahrrad, das gastronomische Angebot kann sich sehen lassen. Das Programmheft ist ein kleines Journal, darin zu blättern weckt Lust auf Theater. Der mitgebrachte Schirm kann zubleiben. Die Premiere 2018 steht unter einem guten Stern.


Herausforderung gemeistert

Spectaculum steht für eine etwas andere Theaterkultur. Regisseurin Claudia Albrecht beschreibt das Ensemble als literarische Laienspielgruppe. Gängige Boulevardstücke, Komödien aus dem Repertoire von Volksbühnen stehen nicht auf dem Programm. Ein bisschen Anspruch soll da schon sein und so nimmt man sich 2018 die satirisch-komödiantische Abrechnung mit dem Materialismus der Nachkriegszeit vor, bringt "Die Irre(n) von Chaillot" des Franzosen Hyppolite Giraudoux auf die Bühne, fügt '58 als Hinweis auf die Bearbeitung an, findet einen erklärenden Untertitel "Komödie mit Rock' n' Roll" und besetzt tatsächlich 15 herausfordernde Rollen. Kann das eine Laienbühne überhaupt schaffen?


Modernes Märchen

Giraudoux schrieb sein modernes Märchen 1943, hoffend auf ein baldiges Ende des zweiten Weltkrieges. Aurélie, die "Irre von Chaillot"(Elisabeth Lamprecht) gibt in dem ärmlichen Pariser Stadtteil, eine Art Schutzheilige der kleinen Leute von Paris. Im Café vor der Kulisse des Eiffelturms treffen sie und ihre schrulligen Freundinnen Birgit Schreiber, Stefania Eideloth, Sandra Eichelbrönner-Fickert und Liane Dietrich auf ein Panoptikum skurriler Figuren. Lumpensammler (Dr. Sebastian Fickert), Straßensängerin (Steffi Dietrich) , Schnürsenkelverkäuferin (Simone Knüttel), Blumenmädchen (Corinna Utermöhlen), Kellnerin (Anne Rauschmann), einen redenden Taubstummen (Wolfgang Rompf), Dieter Moschinsky, den philosophischen Kloakenreiniger, dem sympathischen Selbstmordkandidaten (Jan Wüscher) und Wolfgang Althoff als Polizisten, der auf der Seite der "Kleinen" steht. Sie hecken einen Plan aus, um die Stadt vor einer Delegation der Geldgier aus Spekulanten, und Aktienjongleuren (Torsten Korff, Markus Schneider) zu retten, die unter den Pflastern der Stadt Ölvorkommen ausbeuten wollen. Mit dem Tross von Exzentrikern formiert die irre Gräfin eine Résistance-Armee gegen die Renditejäger. Blind vor Gier nach Öl-Milliarden lässt sich die Geldmafia tatsächlich die 66 Stufen hinunter in die Kloake von Paris locken, aus der sie nie wieder auftauchen. Die Irren sind vernünftig, die Bösen werden abgestraft.


So viel Farbe war selten

Die Inszenierung zielt auf das Lebensgefühl der 60er Jahre, beschreibt sie mit knallroten Lippen und kecken Frisuren (Petra Richter und Team) mit fetzigen Rock'n' Roll Einlagen. Birgit Schreiber und Anne Rauschmann haben die Damen in eine schillernde Kostümvielfalt gesteckt, in der die "Hutfeder mit der Brennschere gekräuselt" ist, wie Aurélie stolz verkündet. Da fliegen die Röcke, wehen Schals, wippen Petticoats. Da wird auf den Stufen gerockt und das Publikum klatscht bei Chubby Checker's "Let's Twist again" mit. Und weil das Stück mit ziemlich viel Dialog und wenig Handlung doch ein wenig aus der Zeit gefallen scheint, lässt Claudia Albrecht schon mal ein Moped durch die Kulisse brettern, segeln Papierflieger von den hohen Treppe, erinnert eine Kissenschlacht unter den "Damen" an das Ferienlager der Mädchenschule. Weil das noch nicht genug ist, gibt Claudia Albrecht eine verschlankte, aber stilechte Trude Herr. Und die will keine Schokolade, die will lieber einen Mann. Angekommen in den 60ern. Die Herausforderung ist geschafft. Hammelburger, auf zu den Schloss-Festspielen.