Herzogin Elsa, Madame Verté, Dr. Minister Lucius, Gellert, Gute Graue oder Sommermuskateller - Namen, die bei den meisten Leuten gerade mal für Stirnrunzeln sorgen, bringen die beiden Hassenbacher Obstfreunde Stefan Henz und Sebastian Knüttel ins Schwärmen. "Die Gute Graue zum Beispiel, bei uns vielerorts als "Rußbirne" bekannt, ist zwar nur eine kleine Sommerbirne, hat aber einen unvergleichlich aromatischen, zimtigen Geschmack und findet sich noch häufig auf Altbäumen im Markt Oberthulba", weiß der gelernte Landschaftsgärtner Stefan Henz. Um solche Sorten zu erhalten, aber auch um völlig unbekannte Sorten für die Nachwelt zu sichern, sind die zwei seit etwa zwei Jahren in der Oberthulbaer Flur unterwegs, kartieren Bäume, nehmen Fruchtproben und lassen sie der Bestimmung zukommen. Jetzt wurden die ersten Bäume nachgepflanzt. Doch noch bleiben viele Fragen - und Hilfe erhofft man sich hier aus der Bevölkerung. Denn bei einem sind sie sich einig: das Wissen um die alten Sorten ist bei manch älterem Landkreisbewohner noch vorhanden.

Dass die Birne im Zentrum ihres Projekts steht, hat mehrere Gründe. "Heute steht die Birne vielmals im Schatten des Apfels. Gerade in Unterfranken aber spielte sie früher neben dem Apfel traditionell mindestens eine gleichberechtigte Rolle. Dies belegt unter anderem die Literatur über bayernweite Obstausstellungen im 19. Jahrhundert deutlich, wo aus Unterfranken prozentual stets die meisten Birnensorten eingesandt wurden, manchmal sogar mehr als Apfelsorten", berichtet Lehrer Sebastian Knüttel. Wegen veränderten Essgewohnheiten und einer geringeren Lagerfähigkeit der Birnen kam es allerdings zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust und somit zu nachlassenden Neuanpflanzungen der aromatischen Obstart. "Diesem Trend wollen wir mit unserem Projekt entgegenwirken und so einige alte Sorten vor dem Aussterben retten."

Dass es für einige der von Ihnen inzwischen neu veredelten Birnen tatsächlich "Rettung in letzter Sekunde" sein würde, hat sich erst im Laufe des Projekts herauskristallisiert. Die ursprüngliche Idee war es nämlich, Sorten auf Altbäumen in der Gemeinde zu bestimmen und diese bekannten Sorten schließlich neu anzupflanzen. Allerdings stellte sich bei den Bestimmungen durch Deutschlands bekanntesten Birnenforscher Jan Bade (Kassel) schnell heraus, dass der Sortenreichtum der Gemeinde Oberthulba die Erwartungen bei weitem übertraf und eine Vielzahl der eingeschickten Sorten den Experten sogar gänzlich unbekannt waren.

So fanden sich bis dato 33 verschiedene alte Birnensorten, von denen immerhin elf namentlich nicht mehr bestimmt werden konnten und meist nur auf einem einzigen, oft schon absterbenden Altbaum gefunden wurden. Unter den bekannten Sorten finden sich neben den oben genannten viele Klassiker, wie die Pastorenbirne (häufigste Sorte) und die Gute Luise, aber auch einige Raritäten wie Amanlis Butterbirne oder die Sommerblutbirne.

Eine erstaunliche Vielfalt fand sich auch bei den unbekannten Sorten, denen wegen der fehlenden Benennung zunächst Arbeitsnamen gegeben wurden. Die in Hassenbach aufgefundene "Taubenäckerbirne" ist eine kleine Sommertafelbirne, die mit ihrem frischen zitrusartigen Aroma zum direkten Verzehr geeignet ist und vom Pomologen Bade mit dem Prädikat "sehr erhaltenswert" versehen wurde. Durch ihr herrliches Muskataroma besticht die Thulbaer "Muskatbirne" und die von einem Besitzer als "Weiße Tollbirne" bezeichnete Sorte findet sich immerhin auf drei Altbäumen über das ganze Thulbatal verteilt.

Bei einer weiteren Sorte aus Wittershausen vermutet der Birnenexperte Bade womöglich sogar die Wiederentdeckung einer lange Zeit verschollenen Sorte, die letzmals 1881 beschrieben wurde. Von den meisten der unbekannten Sorten haben die beiden Hassenbacher in den letzten beiden Wintern Reiser genommen und diese teils von der Baumschule Schlereth auf Jungbäume veredeln lassen, teils selbst veredelt.

Offene Türen stießen sie mit ihrem Projekt bei der Gemeinde Oberthulba ein, die sowohl die Kosten für die Bäume übernahm als auch ein Grundstück zwischen Hassenbach und Oberthulba für die Neuanpflanzung zur Verfügung stellte.

Und noch ist das Projekt nicht abgeschlossen: Einige der bereits kartierten Bäume haben in den letzten beiden Jahren nicht getragen, die Sortenbestimmung steht hier noch aus. Außerdem hoffen die Obstliebhaber noch auf die Mithilfe von Baumbesitzern und Meldungen weiterer Altbäume aus der Gemeinde, um das Gesamtbild zu komplettieren. "Denn bis jetzt haben wir fast ausschließlich Bäume in Feld und Flur in unsere Liste aufgenommen und die ein oder andere interessante Sorte schlummert sicher noch versteckt in Hausgärten oder Höfen."

Auch eine Beschilderung der gepflanzten Bäume mit Herkunftsort, Reifezeit und Verwendung ist bereits in Planung und soll Interessierten vor Ort ausreichend Informationen liefern. Denkbar wären auch weitere Aktionen zur Verarbeitung der reifen Früchte. Doch das ist erstmal Zukunftsmusik - "In den nächsten Jahren ist nämlich noch nicht mit großen Erträgen zu rechnen", relativiert Stefan Henz.

Bei den Recherchen zu dem Projekt ist Sebastian Knüttel zudem aufgefallen, dass eine Vielzahl der in unserer Region früher verbreiteten Birnensorten den Experten heute nicht mehr bekannt ist und diese somit als verschollen gelten. "Jede Region besaß im 19. Jahrhundert ein eigenes Sortiment an Birnen, das besonders gut an die klimatischen und geografischen Besonderheiten angepasst war. Aus dieser Zeit sind uns auch heute noch für unsere Gegend Birnen namentlich bekannt." Allerdings fehlen zu diesen Namen mittlerweile die konkreten Bäume mit ihren Früchten. Möglicherweise existiert mancherorts noch Wissen über diese verschollenen Sorten.

Daher wenden sie sich nun auch an alle Landkreisbewohner: Kennt noch jemand die Igelsbirne (Waldfenster?), die Schatz- bzw. Scheitzbirne, die Pfeufers- bzw. Pfeifersbirne, die Schmeerbirne, die Schmiedsbirne oder die Zabelsbirne? Oder kann tatsächlich jemand noch einen Baum dieser oder einer anderen Lokalsorte nennen?" Über die Mithilfe aus der Bevölkerung wären die beiden sehr dankbar und würden sich über eine entsprechende Meldung freuen. Schließlich tragen die beiden mit ihrem Projekt nicht nur zum Sorten- und Generhalt der Birnen bei, sondern leisten auch ein großes Stück Kulturarbeit.

Wer Bäume melden möchte oder Informationen zu den gesuchten Sorten hat, kann sich gerne direkt bei Sebastian Knüttel melden: Tel. 09736/7525202 oder per E-Mail an: sebastian_knuettel@web.de