Als "furchtbar" und "entsetzlich" bezeichnet Kathrin K. (Name von der Redaktion geändert) den Beschluss des Stadtrats zur Schließung der stationären Pflege im Bürgerspital. Ihre Mutter ist über 80 Jahre alt, schwer dement und wohnt seit kurzem im Bürgerspital. Zuvor sei sie im Probstheim untergebracht gewesen. "Wir haben die Hölle durchgemacht", fasst sie die Zeit dort zusammen. "Ich war sehr überrascht, auch über die große Mehrheit für die Schließung", sagt der frühere Bürgermeister und Noch-Kreisrat Ernst Stross (SPD), in dessen Amtszeit die Sanierung des Bürgerspitals fiel. Auch bei Mitarbeitern stößt die Entscheidung auf großes Unverständnis.

"Warum hat die Stadt Geld für teures Pflaster in der Bahnhofstraße und ein neues Bürgerhaus, aber nicht für die Senioren?", fragt eine Mitarbeiterin des Bürgerspitals, die nicht namentlich genannt werden möchte. Die Schließung habe keinen mehr überrascht, schließlich habe Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) zwei Wochen zuvor bereits eine Entscheidung angekündigt. "Alle haben davon gesprochen", berichtet die Mitarbeiterin. Allerdings hätten viele noch gehofft, schließlich habe es vor fünf Jahren, als die erste Fristverlängerung auslief, auch eine Personalversammlung gegeben. Damals mit gutem Ausgang. Und: "Die Stadt musste ja beim Bürgerspital nie drauf zahlen."

Kritik an der nicht-öffentlichen Beratung

Als "Sauerei" bezeichnet die Mitarbeiterin, dass die Sitzung nicht-öffentlich war. Sie vermute eine "Verschleierungstaktik", und: "Ich hätte mir die Beratung gerne selbst angehört." Das Bürgerspital habe immer einen sehr guten Ruf als "kleines und familiäres Haus" gehabt. Sie selbst habe sich vor vielen Jahren genau deshalb für das Bürgerspital als Arbeitsplatz entschieden. Das Interesse an einem Wechsel ins Maria-Probst-Heim sei bisher noch gering. Die Mitarbeiterin schätzt, dass vorerst nur rund ein Viertel der 31 Mitarbeiter zur Heß'schen Stiftung wechseln wollen. "Der Rest hat sich noch nicht entschieden." Sie selbst wolle jedenfalls möglichst lang für die Bewohner im Bürgerspital da sein. Viele Kollegen möchten die Pflege möglichst lange gewährleisten. "Wir fragen uns sowieso, wie sie das alles verkraften." Aber schon jetzt schwingt an jedem Tag Wehmut mit: "Ich habe meine Zukunft hier im Bürgerspital gesehen", sagt die Mitarbeiterin, und: "Wir würden den Weg auch weiter mitgehen."

Der Personalrat und die Heimleitung wollten sich auf Nachfrage nicht zur aktuellen Lage und weiteren Verhandlungen äußern. Laut Bürgermeister Warmuth gibt es seit dem Beschluss des Stadtrates keine neuen Kündigungen. "Es ist unser erklärtes Ziel einen geordneten Ablauf bezüglich der Einstellung des Heimbetriebes im Bürgerspital zu erreichen", sagt Warmuth. Die Stadt habe auch eine auf Personalrecht spezialisierte Rechtsanwaltskanzlei hinzugezogen.

Bereits nach einem Heimplatz für seine Schwester umgehört hat sich Bewohner-Fürsprecher Gerd Schäfer. Er habe sie bei der Carl-von-Heß'schen Stiftung auf die Warteliste setzen lassen, denn: "Wir haben ja keine Alternative." Die kreiseigene Stiftung betreibe schließlich nicht nur das Probstheim, sondern auch die anderen Pflegeheime in der Nähe, also in Oberthulba und Euerdorf. "Es ist kein Platz sicher", fasst Gerd Schäfer die Rückmeldung der Heß'schen Stiftung zusammen. Mit Kritik hält er sich zurück: "Uns ging es ja zum Beispiel bei der Unterschriftenaktion 2019 nie um Aussagen gegen das Probstheim, sondern für das Bürgerspital", stellt Schäfer klar. Er hoffe, dass möglichst viele Bezugspersonen aus dem Personal mit ins Probstheim wechseln, auch wenn es viele Vorbehalte bei den Pflegekräften gebe.

Der Übergang treibt auch die vier Hammelburger Kreisräte um, die dem 15-köpfigen Stiftungsrat der Heß'schen Stiftung angehören: Neben Stross sitzen Patrick Bindrum (CSU), Christian Fenn (Grüne) und Dr. Reinhard Schaupp (CBB) in dem Gremium. "Ich bin sicher, dass da das letzte Wort noch nicht gesprochen ist", hofft Ex-Bürgermeister Stross, dass der Übergang auch im Stiftungsrat Thema sein wird. Auch wenn der Stadtrat das Ende des Bürgerspitals alleine beschlossen habe, sieht Stross die kreiseigene Heß'sche Stiftung in der Pflicht: "Das wirkt ja auch nach außen."

Schaupp fordert, dass ein Betriebsübergang für alle Mitarbeiter und Bewohner zumindest gut geprüft werde: "Gerade in Zeiten, wo viele Einrichtungen Schwierigkeiten haben, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden, sollte es auch im Interesse der Carl-von-Heß'schen Stiftung sein, den Pflegekräften des Bürgerspitals ein attraktives Angebot zu unterbreiten." Schaupp fordert einen "runden Tisch" unter anderem mit Stadtverwaltung, Heß'scher Stiftung, Heimleitung und Personalrat.

Bindrum und Fenn dagegen sehen keine Notwendigkeit für eine pauschale Regelung: "Es werden eh nicht alle hoch wollen", betont Stiftungsrat Fenn. Bei den Mitarbeitern mache er sich keine Sorgen, weil der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte sehr gut sei. Für ihn ist nachvollziehbar, dass der Stiftungsvorstand über jede Aufnahme einzeln entscheiden wolle. Bindrum sieht den Stiftungsrat außen vor: "Dafür ist der Vorstand da, das muss er nicht mit uns besprechen." Vorstand Marco Schäfer betont, dass seine Stiftung nicht an der Schließung des Bürgerspitals beteiligt gewesen sei, sondern lediglich "bestmögliche Hilfe" angeboten habe, um Bewohnern und Mitarbeitern einen Heim- oder Arbeitsplatz anbieten zu können. Aber: "Verträge, Übernahmen oder sonstige rechtliche Verpflichtungen gibt es nicht."

Im Zusammenhang mit der Diskussion übers Bürgerspital haben sich mehrere Angehörige bei der Redaktion gemeldet, die erhebliche Vorwürfe und Vorbehalte gegen das Probstheim äußerten: Kathrin K. etwa berichtet, dass die Pflegekräfte dort ihre schwer demente Mutter mehrfach im Bad alleine gelassen hätten. An den Folgen eines Sturzes leide ihre Mutter bis heute. Zudem habe sie immer wieder Verletzungen und Beleidigungen über sich ergehen lassen müssen. Mit einigen Pflegekräften sei wegen Sprachproblemen gar kein Austausch möglich gewesen.

Für Kathrin K., deren Mutter jetzt im Bürgerspital wohnt, steht deshalb fest: "Eine Rückkehr ins Probstheim kommt für uns nicht in Frage." Der Wechsel ins Bürgerspital sei für sie ein Glücksfall gewesen: "Wir hatten hier endlich Frieden gefunden." Im Bürgerspital herrsche ein respektvollerer Umgang der Mitarbeiter mit Bewohnern und Angehörigen, ihre Mutter habe seit dem Umzug keine Verletzungen mehr, alles werde transparent behandelt, und: "Sie bekommt jetzt endlich genug Essen und Trinken." Das Bürgerspital stehe für eine würdevolle Pflege.

Bis heute nicht fassen kann Kathrin K. auch, wie mit ihren Beschwerden im Probstheim umgegangen worden sei: Unter anderem kritisiert sie, dass die Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA) des Landkreises Bad Kissingen für die Aufsicht der kreiseigenen Carl-von-Heß'schen Stiftung zuständig ist. "Die Dokumente werden besser gepflegt als die Bewohner", kritisiert sie einen bürokratischen und unmenschlichen Umgang mit den Menschen. Nach Beschwerden bei der FQA oder auch beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) sei ihr immer nur nahe gelegt worden, das Pflegeheim zu wechseln.

Eine andere Angehörige, deren Mutter noch immer im Probstheim wohnt, spricht von einer Stimmung der Angst unter den Angehörigen, wenn Kritik geäußert werde: "Durch den Pflege-Notstand hat man ja keine Chance, irgendwo anders einen Platz zu bekommen."

"Es wurde alles widerlegt"

Marco Schäfer, Vorstand der Heß'schen Stiftung, spricht auf Nachfrage von "Anfeindungen" und "Lügen": "Wir sind allen Beschwerden nachgegangen, es wurde alles widerlegt." Schäfer legte der Redaktion dazu auch ein Schreiben des MDK vor: Die Beschwerden seien demnach "nicht nachvollziehbar" oder "nicht abschließend beurteilbar" gewesen. Die Stiftung habe in diesem Zusammenhang einen Pflegevertrag gekündigt, auch die Rückkehr der Bewohnerin schließt Schäfer aus.

Auf Nachfrage bestätigt jedoch auch Schäfer, dass es bei einer Prüfung durch den MDK Mitte 2019 "Qualitätsprobleme" gab. "Das ging auch nicht mit unserem Verständnis von Pflege zusammen", sagt Schäfer, der insgesamt sieben Pflege-Einrichtungen im Landkreis betreut. Deshalb seien im Hammelburger Probstheim Gegen-Maßnahmen getroffen worden. Die wichtigsten: Die kreiseigene Stiftung besetzte die Stellen der Heim- und Pflegedienstleitung neu, stellte zwei neue Mitarbeiter im Bereich des Qualitätsmanagement ein und nahm vorerst keine neuen Bewohner mehr auf. Allerdings beugt Schäfer Gerüchten vor: "Es war keine Schließung im Raum gestanden, und den Aufnahmestopp haben wir freiwillig selbst verhängt."

2020 fand laut Schäfer eine Begehung des MDK statt, in den vergangenen vier Wochen habe es zudem zwei unangemeldete Begehungen der Heimaufsicht und des Gesundheitsamtes gegeben. "Alle drei Begehungen waren sehr positiv und bescheinigten uns, im Bereich der Qualität den richtigen Weg eingeschlagen zu haben", so Schäfer.

Weniger Prüfungen durch Corona

Laut Dr. Marianna Hanke-Ebersoll, Leiterin des Bereichs Pflege beim MDK Bayern, erhielt das Probstheim bei der Prüfung 2019 die Gesamtnote 1,7 (bayerischer Durchschnitt 1,3), im Bereich Pflege lag der Wert bei 2,2. Das Bürgerspital hatte die Note 1,2. 2020 seien Regelprüfungen wegen Corona ausgesetzt worden, im November habe es aber eine anlassbezogene Prüfung gegeben. Wegen der jüngsten Prüfungen verweist der MDK auf die örtliche FQA, aus dem Landratsamt gab es gestern auf Nachfrage aber keine aktuelle Auskunft mehr.