Um draußen baden zu können, braucht man nicht auf schönes Wetter zu warten und, Wasser benötigt man erst recht nicht, es reicht der Wald vor der Tür. Waldbaden ist angesagt. Wer jetzt fragend die Augenbraue in die Höhe rückt oder sonstige Zeichen des Unwissens von sich gibt, dem kann geholfen werden. Wie der Name sagt, badet man im Wald, indem man mit allen Sinnen quasi in das grüne Paradies eintaucht.
Der Wald wird zum wilden Wasser, ruhigen Bach oder stillen See. Und, wer hat es erfunden? Die Japaner! "Shinrin Yoku" heißt der Schwimmspaziergang zwischen Birke, Buche, Fichte, Eiche und Kiefer oder wahlweise Buschwindröschen, Schneeglöckchen und Löwenzahn. Spazieren gehen oder wandern war gestern, heute heißt es "Baden in Waldluft".


Bewusst gehen

Natürlich geht man nicht einfach los und spricht über dies oder das oder jenes, wenn man mit Freunden unterwegs ist. Man ist sich bewusst, dass man im Wald geht. In größeren Städten gibt es schon Therapeuten, die ihre Teilnehmer auf dem Weg begleiten und mit ihnen in die Tiefen des Waldbadens eintauchen. Im Gespräch war diese besondere Form der Therapie auch für die Wälder rund um Bad Bocklet, eingebettet als Angebot im Nationalpark Rhön, wenn er denn kommen würde.
Spazieren gehen oder den Hund ausführen, Mountainbiking oder ganz normal radeln, Joggen oder einfach laufen, weil am Ende des Weges ein Wirtshaus wartet - das alles setzt ein Ziel voraus. Baden in Waldluft dient nur einem Zweck: Sich treiben lassen.
Langsam gehen und eintauchen in die sanften Wellen des Waldbodens, den Blick geheftet an das Blättermeer der Bäume oder an die Blüten, die rechts und links zu Füßen ihre Schönheit ausbreiten. Dem Wald wird schon lange nachgesagt, dass er die Gesundheit fördert. "Es sind die Terpene, die heilend auf das Gesamtsystem einwirken", sagt Otmar Diez von der Naturschule Diez in Sulzthal. Terpene, sekundäre Inhaltsstoffe in Organismen, kommen als Bestandteile der ätherischen Öle in der Natur häufig vor. Sie werden über die Atmung und über die Haut vom Menschen aufgenommen.


Intensiver Geruch

Man denke nur an den intensiven Geruch nach einem Regenguss im Wald! Ein einziges Mal tief Ein- und Ausatmen reicht, um es nie wieder zu vergessen, das gute Gefühl, das sich über die Nase in die Lungen und schließlich im gesamten Körper
ausbreitet. 15 Minuten im Wald, das ist durch Forschungen nachgewiesen, lassen den Blutdruck sinken, den Herzschlag auf ein normales Maß gehen, besser Durchatmen und das alles führt zu mehr innerer Ruhe.
Waldspaziergänge, lautet die These, sollen das Immunsystem stärken und sogar als Vorsorge gegen Krebs helfen.


Die Sinne werden angesprochen

Keineswegs gilt das für Menschen, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen und beim Weg ins Büro einen Umweg in Kauf nehmen und jetzt durch den Wald hetzen. Es geht beim Waldbaden darum, sich ganz auf diese Tätigkeit einzulassen, Hören, Sehen, Fühlen, Riechen - die Sinne sollen angesprochen werden.
Wer sich gut auskennt, darf natürlich auch schmecken, der Wald bietet so manche Beeren, Kräuter und Pilze. "In Japan ist Waldbaden sogar eine bezahlte Therapieform, die Menschen halten sich Stunden oder Tage im Wald auf", sagt Diez. 1982 hatte die japanische Waldbehörde vorgeschlagen "Shinrin-yoku" öffentlich zu bewerben und auch staatlich zu fördern. Im Wald tief ein- und auszuatmen gilt - zumindest in Japan - als Medizin: Seit 2012 gibt es einen Forschungszweig "Forest Medicine" (Waldmedizin).
Das Bad im Wald soll Krankheiten vorbeugen und weitere Behandlungen unterstützen. An Universitäten und Kliniken in Japan werden bereits Studien zum Thema durchgeführt, um die Wirksamkeit des Waldbadens zu untermauern. Wem das
Ganze ein bisschen spanisch (oder japanisch) vorkommt, nein, das ist kein vorgezogener Aprilscherz. Menschen in Großstädten oder an stark befahrenen Straßen auch hier in der Region leiden durchaus unter der Feinstaubbelastung und auch unter Lärm. Beides wirkt sich nicht wirklich positiv auf das Gesamtbefinden aus.
Hier, in der Rhön ist die Welt großflächig und lufttechnisch gesehen zwar noch weitgehend in Ordnung, trotzdem schadet es ja nicht, seine Komfortzone zu verlassen, sich in den nächsten Wald zu begeben und Baum und Blume mit anderen Augen zu sehen. Tief Ein- und Ausatmen inklusive.