Ihren "Mercedes" lässt sie oft in der Ecke stehen. "Den brauche ich eigentlich gar nicht", winkt Gertrud Brunner ab. "Mercedes" nennt sie ihren Rollator. Und tatsächlich läuft die 99-Jährige auch ohne Gehhilfe wieselflink durch die Gänge der Malteser Klinik von Weckbecker.
"Zum 45. Mal bin ich jetzt hier", sagt die Heidelbergerin aus dem Ortsteil Neuenheim. Dort haben schon ihre Eltern gelebt, und sie ist stolz darauf, gerade aus diesem Ortsteil zu stammen. Gertrud Brunner ist Hobby-Historikerin und kennt sich nicht nur in der pfälzischen Geschichte bestens aus. Selbst war sie 1923/24 zum ersten Mal mit den Wechselfällen der "großen" Geschichte konfrontiert, als ihre Eltern im Verlauf der Hyperinflation einen großen Teil ihrer Grundstücke verloren. "Drei blieben aber noch übrig", sagt Gertrud Brunner, "und da habe ich dann später ein Haus drauf gebaut."
"Frau Brunner hat immer gesund gelebt", weiß Katharina Gaida, Marketing-Fachfrau an der Weckbecker-Klinik. "Seit vielen Jahren fastet sie einen Tag pro Woche." Früher hat sie zeitweise sogar "streng gefastet", später hat sie sich mehrfach eine Milch-Kur gegönnt.
Die schlanke und bewegliche 99-Jährige hält sich mit gesunder Nahrung fit: "Daheim habe ich einen großen Garten, da ernte ich immer noch Äpfel", sagt sie, "außerdem ernte ich da noch Gemüse, am liebsten mag ich Zucchini." Gegessen hat sie zeitlebens gerne, "am liebsten Lachs", sagt sie, "den kenne ich gut von meinen vielen Urlauben und Wanderungen in Skandinavien."
Naturwissenschaften hat sie nach dem Gymnasium - Abi- Jahrgang 1930 - studiert. In Heidelberg. Dort hat sie 1936 auch ihr pädagogisches Examen gemacht, als eine von ganz wenigen Frauen.
Auf die Frage, ob sie jemals geraucht hat, platzt es wie aus der Pistole geschossen aus ihr heraus: "Aber natürlich!" Allerdings ist ihre Raucherphase schon länger her: "Als Studentin habe ich am Tag so fünf bis sechs Zigaretten gepafft, aber dann habe ich mich mal bei der Arbeit im Chemielabor im Spiegel gesehen, mit Zigarette im Mundwinkel - dann habe ich schnell aufgehört."
"Frau Brunner geht jeden Tag zweimal länger spazieren", sagt Katharina Gaida, "morgens eine hale bis dreiviertel Stunde und mittags sogar eine ganze Stunde. Gertrud Brunner nickt beifällig: "Bis vor ein paar Jahren habe ich ja noch Hochgebirgs-Touren unternommen, aber jetzt geht das nicht mehr." Bewegung war ihr immer wichtig: "Als junge Frau wollte ich sogar Tänzerin werden, aber es ist dann doch auf ein Studium hinausgelaufen."
Gertrud Brunner war Lehrerin am Heidelberger Hölderlin-Gymnasium, dort ist sie nach verschiedenen Einsätzen andernorts nach dem Krieg "hängengeblieben". Geheiratet hat sie nie, die Schule und die Schüler waren ihr Leben. "In den letzten Berufsjahren bis 1974 habe ich immer das Abi abgenommen."
Die begeisterte Tänzerin liebt neben der Geschichte die Musik: "Am liebsten höre ich Mozart und Haydn." In der Weckbecker-Klinik weiß man das. Und daher wird es am heutigen Freitag sogar ein öffentliches Konzert für die treue Klinikbesucherin geben: von 17 bis 18 Uhr.
Das Feiern hat Gertrud Brunner heute so gerne wie früher. Beim Alkohol hat sie sich allerdings schon immer beschränkt. "Bier mag ich zum Beispiel gar nicht", sagt sie. Allerdings liebt sie den roten Spätburgunder: "An meinem nächsten Geburtstag kriege ich davon bestimmt wieder mehr als eine Flasche", sagt sie. Lange warten muss sie nicht mehr. Ihr 100. Geburstag ist am 26. März. Joachim Rübel