"Abschlussveranstaltung zum Gemeindeentwicklungskonzept Stadt Bad Kissingen" - eigentlich ein spannendes Thema, zu dem Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) die Bürgerinnen und Bürger vornehmlich aus den acht Stadtteilen im Tattersall begrüßte. Aber die hatten sich wohl bei dem schönen Wetter nicht locken lassen, und so konnte er sich kurz fassen. Denn man war unter sich.
Die Stadt habe unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in den zurückliegenden beiden Jahren ein Gemeindeentwicklungskonzept erarbeitet, das mit seinen Maßnahmen zur Attraktivität der Stadt und ihrer Stadtteile als Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum beitragen soll. Und um diese Maßnahmen ging es jetzt.


Auftaktveranstaltung 2016

Wie sah diese Erarbeitung aus? Vor knapp, zwei Jahren, am 28. Juni 2016, gab es im Tattersall die Auftaktveranstaltung, in der die Bürger sozusagen ihre Wunschzettel abgeben konnten, die von zwei Fachbüros, dem Büro für Städtebau und Bauleitplanung Bamberg und Planwerk Nürnberg, einer Arbeitsgemeinschaft, eingesammelt und ausgewertet wurden. Im Juli 2016 folgten dann Stadtteilspaziergänge mit den Bürgern - nur Arnshausen musste wegen des miserablen Wetters ins nächste Jahr verschoben werden - bei denen die Probleme mit den Bürgern vor Ort diskutiert werden konnten. Dann kam die Stille der Erfassung und Auswertung mit zwei Expertenrunden im Mai und November 2017. Bis zum 2. März: Da traf sich der Stadtrat mit den Fachleuten zu einer zweitägigen Klausurtagung im Kloster Langheim, um über die Ergebnisse und ihre Konsequenzen zu diskutieren.
Er sei beeindruckt gewesen von der Einmütigkeit, mit der alle Teilnehmer bei der Festlegung von Prioritäten vorgegangen seien, meinte Joachim Mair vom Amt für ländliche Entwicklung.
Gunter Schramm (Planwerk) und Leonhard Valier (Büro für Städtebau) nannten zunächst die untersuchten Handlungsfelder wie "Lebensqualität erhalten", "Erfolgreiches Wirtschaften", "Aktive Eigentümerbetreuung", "Tourismus, Naherholung und Kultur", "Kultur- und Naturlandschaft" und einiges mehr. Und sie nannten Basiszahlen, die nicht unbedingt neu, aber entscheidungsrelevant sind: dass die Bevölkerungszahlen in den Stadtteilen langsam, aber kontinuierlich sinken im Gegensatz um steigenden Altersdurchschnitt, dass 53,6 Prozent der Menschen in Bad Kissingen sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse im Dienstleistungssektor haben, also in hohem Maße vom Gesundheitstourismus abhängen.
Eine Zahl war allerdings noch nie in solcher Deutlichkeit zu erfahren gewesen - auch wenn man sie sich selbst zusammenaddieren musste: Alleine in den acht Stadtteilen gibt es zurzeit 416 unbebaute Baugrundstücke sowie 120 leerstehende Wohngebäude und Gewerbeflächen. Die Verkaufsbereitschaft bei den Bauplätzen schwankt zwischen 35,6 Prozent (Albertshausen) und 8,8 Prozent (Garitz).


Prioritätenlisten entstanden

Entstanden war im Verlauf des Prozesses Prioritätenlisten für jeden Stadtteil, die im Kloster Langheim untereinander abgeglichen wurden. Dabei gibt es mehrere Stufen von Dringlichkeit: feuerrot unterlegt die Projekte von höchster Dringlichkeit, die zum Teil allerdings schon in der Realisierung oder per Beschlusslage kurz davor stehen wie die Dorferneuerung in Arnshausen, Gestaltung Seeplatz und Aufwertung Fußgänger- und Radweg am Marbach in Garitz, Dorferneuerung Dorfplatz Hausen, Lückenschluss Fahrradwege in Poppenroth und Aufwertung Vereinsheim Krone. In der nächsten Stufe ist in allen Stadtteilen das Problem Aktivierung unbebauter Grundstücke bzw. Leerstand, dazu das Problem der drei Schulstandorte der Henneberg-Grundschule oder Sanierung und Ausbau des Kindergartens Poppenroth oder die Aufwertung des Spielplatzes in Arnshausen. Alle anderen Themen wie Straßenausbau, Bushaltestellen, Friedhofsauswertung, ÖPNV-Verbesserungen, also vergleichsweise kosmetische Themen, sind in die hinteren Dringlichkeitsstufen gewandert. So etwas wie einen zeitlich verbindlichen Handlungsrahmen gibt es nicht. "Bei den langfristigen Maßnahmen rechnen wir mit einem Zeitraum von 20 Jahren", sagte OB Blankenburg. Was machte das Ganze dann für einen Sinn? "Natürlich haben wir da nicht nur für uns Neues erfahren", sagte Stadtplanerin Christine Schwind auf Anfrage. Denn abgesehen davon, dass es kein Nachteil ist, den Stadtrat für die Probleme der Stadtteile zu sensibilisieren und alle auf gleichen Wissensstand zu bringen, "haben wir jetzt eine abgestimmte Prioritätenliste als Basis für das weitere Vorgehen" - auch wenn es die eine oder andere Umschichtung noch geben wird. Der wichtigste Grund sei aber der finanzielle: "Das Amt für Ländliche Entwicklung kann neuerdings auch Dorferneuerungsmaßnahmen in Stadtteilen mit weniger als 2000 Einwohnern fördern." Und da ist die Fördervoraussetzung eine gutachterlich gestützte Antragstellung.


Kommentar von Thomas Ahnert

Ist es eigentlich erstaunlich, dass wir (älteren) Kissinger skeptisch reagieren, wenn wir von Stadtentwicklungskonzepten und Strategiezielen und Umsetzungsmaßnahmen hören? Wen hatten wir nicht schon alles dagehabt, vor allem in den 90er Jahren, die uns unsere strahlende Zukunft erklären wollten: einen Herrn Holz... irgendwie (Name vergessen), einen Herrn Kleiber-Wurm (den Namen konnte man sich ja merken), einen mittlerweile wieder namenlosen Marketingfuzzi aus Bad Reichenhall, der mit dem Klapprad durch die Stadt strampelte und ernst in ein paar Ecken schaute, eine Überdachung der Fußgängerzone vorschlug und weiterradelte, und noch einen und noch einen... - Konzepte, die schneller verdampft waren als die Kondensstreifen der weiterziehenden Sachverständigen. Immerhin geblieben ist die "Kissinger Runde" (Was bitte?). Allerdings. Es gibt auch Konzepte, die funktionieren, etwa die "Soziale Stadt".
Und jetzt also ein neues Entwicklungskonzept. Wenn man einmal davon absieht, dass jedes Mitglied des Stadtrats jeden Stadtteil gleich gerecht behandeln sollte und schon längst (fast) alles über ihn wissen sollte; und abgesehen davon, dass man immer noch nicht begriffen hat, warum Zuschussanträge unbedingt gutachterlich begleitet sein müssen (nichts gegen die beiden Büros, das sind hoch seriöse Unternehmen), regten sich sofort wieder Zweifel. Denn es wurden im Tattersall zwar Strategieziele vorgestellt aber nicht, wie angekündigt auch Maßnahmen. Das weckt Bedenken, weil wegen fehlender Terminierungen und Finanzierungshinweise der ganze Katalog dehnbar ist wie eine Ziehharmonika, und wenn die betroffenen Stadtteile in diese Zeitröhre schauen, winkt am Ende der heilige Nimmerlein. Das Hauptproblem ist aber, dass bei dieser ganzen Diskussion der "Haupt-Eurosauger" Kernstadt gar nicht mit im Boot war. So lange da dringende Projekte wie "Neue Fußgängerzone" oder "Berliner Platz" ein ums andere Mal aus finanziellen Gründen nach hinten geschoben werden, werden sich - vermutlich - die Stadtteile auch immer wieder hinten anstellen müssen. So konnte man die Einmütigkeit der klösterlichen Priorisierungen durchaus als Reaktion einer Notgemeinschaft verstehen, die ihre Wünsche für Träume hält. Wie es mit deren Realisierung aussieht, wissen wir alle.
Übrigens: Es gibt ein Strategieziel, das vor Jahren ohne jeden Einsatz von Planungsbüros und Wirtschaftsweisen formuliert und umgesetzt wurde und das bis heute funktioniert: die Bad Kissinger Gesundheitstage. Sie waren das Kind der "Denkwerkstatt" der Saale-Zeitung.