Melanie Höfler, die Pfarrsekretärin der katholischen Kirchengemeinde Nüdlingen ließ die Anspannung erst fallen, als sie in der Kirchenbank Platz genommen hatte und "er" wenige Meter vor ihr zum Pult schritt und die ersten Worte sprach. Er, das war Pater Anselm Grün, der sehr geschätzte Prediger, Philosoph und Psychologe, der Zuhörer und Begleiter in selbst schwierigen Lebenslagen. In erster Linie sieht er sich als Diener Gottes, ein bescheidener Mensch im Gewand der Benediktiner. Lange hatte die Pfarrsekretärin auf diesem Moment hingearbeitet.
Einige Zeit bevor Anselm Grün von den unbeschreiblich vielen Möglichkeiten auf dem Wanderweg von den "Gipfeln bis hin in die Täler des Lebens und wieder hinauf" spricht, sieht und fühlt er etwas abseits des Altars das Hereinkommen der großen Zuhörerschar in die Kirche "St. Kilian und Gefährten" in Nüdlingen. Äußerlich gibt er sich unbeeindruckt. Kaum jemand nähert sich ihm, einen offensichtlichen Freund umarmt er, ein Buch wird signiert und selbst zu einem Selfie lässt er sich einmal aus seiner meditativen Ruhe bringen.
Nach einer kurzen Begrüßung durch Pfarrer Dominik Kesina wirkt Pater Anselm schon alleine durch seine Präsenz. Bis in den letzten Winkel der vollen Kirche kehrt gespannte Ruhe ein, die dann über 60 Minuten anhält und dabei so manchem Zuhörer eine ungewohnte Anforderung abverlangt. Die Anstrengung, die beseelte Auseinandersetzung mit Höhen und Tiefen im Alltag der Menschen hörend zu begleiten, lohnt sich aber. Pater Anselm Grün hebt oder senkt kaum die Stimme, er spricht frei und erst nach der Hälfte der Zeit, nimmt er sich einige Sekunden, um sich auf seinem Wanderweg durch die Sinngebung des Glaubensbekenntnisses neu zu sammeln.
Der Universalgelehrte aus dem Kloster Münsterschwarzach verbreitet Optimismus und verzahnt es mit Glücksgefühlen. Er findet die Bezüge zu seinen Themen natürlich vor allem in der Bibel und drückt dabei Empfindungen aus, die jeder spürt, jedoch oft nicht selbst begründen kann. "Ich muss mich für etwas entscheiden - Nachtrauern bringt nichts!" Oder mit anderen Worten Haltung zum eigenen Tun, um die Balance zwischen Gipfel und Tal zu halten.
Auf der Wanderung zu den Quellen des Lebens, zeigt der Benediktiner sehr anschaulich die Möglichkeiten zur Reinigung auf. Er spricht von der "Quelle, aus der wir schöpfen" können. Wir sollten uns aber auch mit Grenzerfahrungen auseinandersetzen. Grenzen laden ein, Inne zu halten, sich selbst zu besinnen, bevor der Weg weiter geht. Von der Quelle hinauf auf den Gipfel findet Pater Anselm "die Schönheit, die von Schauen kommt, aber auch Schonen bedeutet". Die Begründungen, die er seinem Publikum dazu anbietet, sind allesamt nachvollziehbar und können Balsam auf der Seele sein.
Der Lebenszyklus ist ein permanentes Auf und Ab. Pater Anselm bringt eindringlich zum Ausdruck, dass Talerfahrungen zu einem sinnerfüllten Leben gehören. Die Wiesen und die Äcker, übersät mit Mühsal, gilt es zu durchstreifen. Das gibt wieder die Kraft, die am Ende eine weitere Gipfelerkundung möglich machen. Es gibt genügend Beispiele biblischer Geschichten, die als Wegbegleiter hilfreich sind. Unzählige Abzweigungen nach Oben und nach Unten können verwirren. Echte Gipfelerfahrung bedingt auch den Genuss. Die Bibel sagt dazu, dass "...das Werk erst vollendet ist, wenn wir uns ausruhen". Pater Anselms Appell, Ruhe in sich zu finden, endete mit einem intensiven Gebet in der Stille eines bemerkenswerten Montags in Nüdlingen.