Selbst Goethe reckt da die Faust zur Brofist geballt aus dem Grab heraus, so gut ist dieser Abend. Wenn an den Eingangstüren des Regentenbaus nach Mutti-Zetteln verlangt wird und sich die Teenies sehnsüchtig auf der Grünfläche scharen, ist das nicht mehr Kissinger Sommer, sondern Deutsch-Rap vom Feinsten.

Normalerweise steht Alligatoah in Berlin, Hamburg oder Wien auf der Bühne. Doch Bad Kissingen kommt ein besonderes Schmankerl zugute: Mit seinem Kollegen Sebel beglückt er im Rahmen der "Akkordarbeit"-Tour auch kleinere Städte abseits des gängigen Metropolen-Hoppings mit musikalischen "Überstunden". Deshalb zieht sich durch den Max-Littmann-Saal neuerdings der Querschnitt einer Kanalisation - natürlich nur als geruchsfreies Bühnenbild. Dazu Rap im Klassik-Tempel und Bouncen im Sitzen - wie soll das alles funktionieren?


Ein Kompliment nach Alligatoah-Art

"Bad Kissingen? Ist ne Kurstadt, oder?", fragt Alligatoah alias Lukas Strobel seinen Kollegen Sebel zur Begrüßung. "Ihr habt auf jeden Fall die schönste Kanalisation, die wir je gesehen haben!" Das Publikum weiß: Das sagt er doch über jede Stadt. Aber es liebt ihn trotzdem. Und Alligatoah legt noch einen drauf, der alte Schmeichler: "Sehr hochwertigen Stuhl habt ihr hier, teilweise sogar mit Blattgold überzogen."



Durch viel Fäkalhumor werde das Publikum an diesem Abend mit ihm waten müssen, sehr viel. Doch hinter Alligatoahs Musik steckt mehr als adoleszente Nörgel-Tiraden und Schimpfwort-Aneinanderreihungen, viel mehr. Von Wegwerfgesellschaft, Selbstfindungs-Tourismus über Drogenkonsum bis hin zu intriganten Machenschaften im Musikgeschäft reichen die Themen des 28-Jährigen, verpackt in Ohrwurm-Melodien, dazwischen Zitate von Goethe oder Grillparzer und kredenzt mit einer ganz gehörigen Portion Sarkasmus.

Wer für das Konzert kein Fan-Shirt parat hat, greift eben zum Lacoste-Polohemd. Denn wer kennt schon wirklich den Unterschied zwischen Alligatoren und Krokodilen? Feines Stöffchen oben und Adidas-Trainingshose untenrum: Sänger Tristan Brusch hatte das Publikum im Voraus schon ordentlich wachgerüttelt. Alligatoah selbst turnt passend zur Kanal-Szenerie in blauer Latzhose und gelben Gummistiefeln auf dem Bühnenbild herum, während Sebel eine Etage tiefer die Finger beherzt in die Orgeltasten haut.


Alligatoah als bester Kumpel

Märchenerzähler, Verkleidungskünstler, Witzekanone: Wenn Alligatoah auf der Kulisse sitzend die Beine baumeln lässt und ihm das Publikum bei den ersten Zeilen seines "Trauerfeierlieds" aushelfen muss, fühlt es sich beinahe an, als würde man mit einem guten Kumpel abhängen. Als "Akustik-Spektakel" wurde das Konzert angekündigt, dabei steckt ordentlich Lautstärke dahinter. So viel, dass es schwer fällt, auf den Sitzen zu bleiben. Das ist auch die größte Sorge der Platzanweiser: Dreckige Schuhe auf hellem Mobiliar. Und wenn schon nicht getanzt werden kann, dann eben mitgeklatscht. "Ja, ja, wenn die Kurstadt zum Bierzelt wird", kann sich Alligatoah da nicht verkneifen.

Nach minutenlangen Standing Ovations und hartnäckig eingeforderten Zugaben löst sich die Fangemeinde nur widerwillig vor dem Regentenbau auf. An jedem Hintereingang des Gebäudes sammeln sich kleine Grüppchen, die Ludwigsbrücke ist voll besetzt. Keiner will nach Hause. Ein Autogramm, ein Selfie, ein kurzes "Hi! War toll!" - dafür bleibt man gerne noch eine Stunde länger.


Was Sebel über Alligatoah ausplaudert

In der Einfahrt gegenüber der Vinothek hat sich eine zehnköpfige Anzugträger-Mauer formiert, Sebel alias Sebastian Niehoff nippt dahinter gelassen an seinem Bier. Als im Rosengarten die abendliche Lichtshow beginnt, schlüpft er an den breiten Schultern der Security-Männer vorbei und gesellt sich zum harten Konzert-Kern ans Brückengeländer. Warum eigentlich Bad Kissingen? Hat sich das Team bei der Tourplanung vertan? "Nein, das nicht", sagt Sebel lachend. Die Kulisse des Regentenbaus sei einfach toll für das Konzert gewesen, gerade wegen der Sitzplätze. "Wir führen ja eine Art Theaterstück auf. Das irritiert die Zuhörer vielleicht zunächst", erklärt er das Akkordarbeit-Konzept. "Die Leute sollen ganz genau zuhören und auf die Texte achten."

Genau hinhören, das ist bei Alligatoah unerlässlich. Zu leicht könnte man sonst einen genialen Neologismus und Sprachverdreher verpassen. Wie viele Worte kann ein "normaler" Mensch eigentlich in einer Minute sprechen? Für Alligatoah gelten diese Gesetze nicht. Die drei jungen Frauen, die mit eleganten Abendroben und hochgesteckten Haaren aus der Masse herausstechen, können trotzdem jede Zeile unbeirrt mitrappen. Ein ganz introvertierter Typ sei der Lukas eigentlich, erzählt Sebel und blickt dabei zu den wartenden Fans hinüber. Nur auf der Bühne gehe er richtig aus sich heraus, sonst sei er eher scheu. Dem Rap-Gott sei Dank, dass es nicht andersherum ist.