Bad Kissingen — Im Rahmen des Thementages "Diabetes bewegt uns!" der Bad Kissinger Gesundheitstage sprachen am Samstag vier Mediziner über die weit verbreitete Zuckerkrankheit und ihre gefährlichen Folgen. Angesichts der hohen Erkrankungszahlen in Deutschland und anderen Wohlstandsländern seien Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung dringend notwendig, waren sich die Experten einig.
Deshalb führt auch das Baye ri sche Gesundheitsministerium zusammen mit der Deutschen Diabetes-Stiftung im Rahmen der Gesundheitsinitiative "Gesund.Leben.Bayern." eine bayernweite Diabetes-Präventionsaktion durch. Ziel dieser Aktion, auf die in der Veranstaltung hingewiesen wurde, ist es, in der Bevölkerung das Bewusstsein für die Krankheit Diabetes und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken zu stärken.
So warnten auch die vier Experten in der Wandelhalle mit aussagekräftigen Statistiken, drastischen Bildern von Operationen und deutlichen Worten vor dem gefährlichen Anstieg der Diabetes-Erkrankungen. Bis zu acht Millionen Patienten gebe es heute in Deutschland, also zehn Prozent der Bevölkerung, eröffnete Dietmar Brückl, Diabetologe an der Brückenauer Franz von Prümmer Klinik, als Moderator die einstündige Diskussion. "Tatsächlich ist die Zahl wohl um drei Millionen höher, denn viele Menschen wissen gar nichts von ihrer Erkrankung." Diabetes verursacht keine Schmerzen und lässt sich nur durch frühzeitige Untersuchung beim Arzt feststellen. Ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung und Fettleibigkeit sind die Ursachen.

30 000 Amputationen pro Jahr

"Diabetes ist inzwischen die häufigste chronische Erkrankung in Deutschland", machte der Kissinger Diabetologe Gerhard Schmeisl deutlich. Jedes Jahr kämen 6000 Erblindungsfälle und fast 9000 zusätzliche Dialyse-Patienten hinzu, ergänzte der Chefarzt der Deegenbergklinik. 30 000 Amputationen würden jährlich vorgenommen, ebenso viele Herzinfarkte und 45 000 Schlaganfälle seien die Folge von Diabetes. "Hauptursache ist unser Wohlstand."
Diabetes sei eine sehr folgenschwere Erkrankung, ergänzte Jörg Hoffmann, Facharzt für Herzchirurgie an der Universitätsklinik Würzburg. "80 Prozent der Erkrankten sterben an Herzinfarkt oder Schlaganfall." Früherkennung sei deshalb wichtig. Bis zu 30 Prozent der Bypass-Operierten an seiner Klinik seien Diabetiker.

Problem Fettleibigkeit

Sein Klinikkollege Florian Seyfried hat es als Viszeralchirurg in seiner täglichen Praxis mit Fettleibigen zu tun, deren Zahl in Deutschland bis 2030 um 30 Prozent zunehmen werde. Ein "morbides Übergewicht" von 50 oder mehr Kilo könne kein Patient abhungern. "Am Ende bleibt nur die Operation." An Bildern zeigte er zwei heutige Operationstechniken: Mit einem Magenbypass wird ein Großteil der Nahrung am Magen vorbeigeschleust. Durch Schaffung eines Magenschlauchs bei teilweiser Entfernung des Magens wird der Nahrungsfluss beschleunigt. Beides verhindert unnötigen Fettansatz. "Lassen Sie es gar nicht erst so weit kommen", warnte Schmeisl und verdeutlichte die schleichende Gefahr: "Unser Körper speichert immer noch für Notfälle, aber wir haben heute keine Not mehr."

Bewegung wichtiger als Diät

Deshalb müsse sich der Mensch bis ins hohe Alter bewegen. Sogar Diabetiker könnten alles essen, räumte Schmeisl mit einer veralteten Ansicht auf. "Aber wenn Sie Torte essen wollen, laufen Sie ins Café!"
Wer lange leben und sich bis ins hohe Alter selbst versorgen will, muss frühzeitig gegensteuern, waren sich die vier Experten einig. Anderenfalls sei man langfristig auf Medikamente angewiesen. "Und am Ende wartet die Chirurgie", mahnte Florian Seyfried. Viele gute Medikamente seien schon entwickelt. "Aber die guten sind teuer", gab Schmeisl zu bedenken. "Ist das alles noch bezahlbar?" Die Gefahren der Diabetes seien bekannt, "aber der Mensch macht Fehler". Er glaube deshalb nicht an Besserung: "Wir Menschen sind so, wie wir sind." ksvd