Vor 51 Jahren erkrankte Volker Jung an Diabetes. Der ehemalige Diabetologe der Klinik Saale hat Diabetes Typ 1, eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper die Insulin-produzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zerstören. Die Folge: Die Bauchspeicheldrüse produziert nicht mehr genügend oder gar kein Insulin. Dass er als Arzt die gleiche Krankheit hat wie seine Patienten, wurde von seinen Patienten oft sehr positiv aufgenommen. Jemand, der sie versteht, der weiß, wovon er spricht.

Düsseldorfer Arzt kommt in die Rhön

Dr. Volker Jung stammt ursprünglich aus Düsseldorf und kam nach verschiedenen beruflichen Stationen in Breitengüßbach und Cottbus 1988 nach Bad Kissingen. Hier arbeitete er für die Bundesmodellklinik Diabetes-Zentrum "Fürstenhof" und wechselte später zur Klinik Saale. Die Augenheilkunde entwickelte sich zu seinem "Steckenpferd".

Seit er 13 Jahre ist, muss der heute 64-Jährige seinen Tagesverlauf genau planen. Er überlegt, was er isst, wie viel er sich bewegt, wann er Auto fährt und ob, stressige Situationen anstehen. "Für Typ 1 Diabetiker ist jede Minute bedenkenswert", sagt Jung.

Wenig Wandel trotz des medizinischen Fortschritts

Das sei seit seiner Jugend so. Das habe sich trotz des medizinischen Fortschritts nicht verändert. "Das wird sich nicht ändern." Da dürfe man sich als Diabetiker mit Typ 1 keinen Illusionen hingeben.

Als Jugendlicher musste sich Jung noch zwei Mal am Tag spritzen. Die Handhabung der Spritzen war aufwendig. "Sie mussten regelmäßig ausgekocht werden." Schulungen für Diabetiker habe es kaum gegeben. Wie er das Insulin dosiert, musste er besonders bei Prüfungen genau überlegen. Durch den Stress bei einer Abiturprüfung oder der Verteidigung der Doktorarbeit reagiert der Körper anders als im Alltag.

"Es wäre schlecht, dann in eine Unterzuckerung zu geraten." Das kann passieren, wenn der Blutzuckerspiegel niedrig ist und zu viel Insulin im Körper wirksam wird. In schlimmen Fällen werden Menschen bewusstlos. Unbehandelt kann eine sogenannte Hypoglykämie zum Tod führen.

"Deshalb sollte immer jemand dabei sein, der weiß, was zu tun ist." Bei Volker Jung ist das meist seine Frau. Im Notfall bei einer schweren Unterzuckerung könnte sie ihm eine Glukagon-Spritze geben. "Es gibt mittlerweile aber auch ein Glukagon-haltiges Nasenspray", sagt Jung.

Gefahr, zu wenig Insulin im Blut zu haben

Statt zu viel Insulin im Blut kann aber auch zu wenig Insulin eine Gefahr darstellen. Das kann etwa dann problematisch werden, wenn der Teflonkatheder verrutscht, den Jung am oberen Bein trägt. "Es kann immer mal sein, dass der nicht richtig fixiert ist und rausrutscht." Bei Reitern sei es etwa schon vorgekommen, dass Pferde, die auf der Suche nach Zucker seien, den Katheder durchgebissen hätten.

Oder ein anderer Fall: Ein junger Patient habe ihm erzählt, dass dessen Insulinpumpe von gleichaltrigen Jungen ohne dessen Wissen manipulierten worden sei. Wenn im Körper zu wenig Insulin vorhanden sei, könne es zu einer Übersäuerung des Blutes, einer diabetischen Ketoazidose kommen. Bei Kindern könne dieser Zustand bereits sehr schnell, nach vier oder fünf Stunden eintreten. Ein vermeintlich dummer Jungenstreich wird dann zu schwerer Körperverletzung.

Aufwachsen mit Diabetes: Eine echte Herausforderung

Oftmals werde Diabetes Typ 1 bei Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 15 Jahren entdeckt. So war es auch bei Volker Jung. Das sei die Regel, aber es gebe auch Ausnahmen: Das Kind einer Kollegin habe bereits seit dem zweiten Lebensjahr eine Insulinpumpe. Mit Diabetes aufzuwachsen, sei für Kinder eine echte Herausforderung. Bei sehr jungen Patienten werden die Eltern stark eingebunden. "Man hat dann zwei Patienten", sagt Jung. Die viele Planung, das erfordere viel Disziplin. Jung sagt, er kenne Fälle, bei denen Kinder eine Unterzuckerung vorspielten, um an Süßigkeiten zu kommen.

Seit fast 40 Jahren ist Jung nun Insulin-Pumpenträger. Die Entwicklung der Geräte hat er am eigenen Leib miterlebt, viele ausprobiert, manche teils mitentwickelt und vor allem Schulungen zu den Geräten gehalten. Eine neue Entwicklung für Diabetiker, die aber für Patienten noch nicht zugelassen sei, heißt "Closed-Loop-System". Es besteht aus einem Sensor, der kontinuierlich den Gewebezucker misst, und einer Recheneinheit, die eine Insulinpumpe entsprechend der gemessenen Werte steuert. Das Ziel: Der Blutzucker von Diabetikern soll damit automatisch reguliert werden.

Bewusstsein über die Krankheit schaffen

Jung will auf eine Sonderform der Diabetes Typ 1 aufmerksam machen, der sogenannte LADA-Diabetes. Dieser trete meist ab 45 Jahren auf. Dies werde von Hausärzten oft nicht erkannt und stattdessen für Diabetes Typ 2 gehalten. Das seien beispielsweise Patienten, die teilweise etwas übergewichtig seien, vom Hausarzt mit Tabletten behandelt würden und dann plötzlich stark abnehmen.

"Die Öffentlichkeit weiß relativ wenig über Diabetes", sagt Jung. Meist sei es das nahe Umfeld oder Mitglieder der Familie, die die Krankheit näher kennen. Aber selbst da sei es nicht selbstverständlich. Er höre manchmal Aussagen wie "meine Oma hat auch Diabetes - aber sie kann noch Kuchen essen." Da lache ein Typ 1 Diabetiker drüber. Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2 hätten kaum miteinander zu tun.

Diabetes Forum

Diabetes Typ 1 ist deutlich seltener als Diabetes Typ 2, aber beide Diabetestypen nehmen weltweit zu. In Deutschland leben laut jüngsten Zahlen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) etwa 340 000 Erwachsene und 32 500 Kinder und Jugendliche mit Diabetes Typ 1. Etwa acht Millionen Menschen haben Diabetes Typ 2.

Treffpunkt Der Verein "Diabetes Forum" will Menschen mit Diabetes informieren und Schulung anbieten. Dr. Gerhard Schmeisl und Dr. Volker Jung sind Erster und Zweiter Vorsitzender. Das Forum ist als Ergänzung zu Selbsthilfegruppen gedacht. Es dient der Wissensvermittlung und dem Austausch. Das sei gerade für Diabetiker Typ 1 interessant, sagt Jung. "Die stehen nicht an jeder Ecke." Die Mitglieder organisieren Fachveranstaltungen, die eine lange Tradition haben. Meist gibt es im Frühjahr ein Insulinpumpentreffen und im Herbst den Diabetestag. Eigentlich würden dieses Jahr im Frühjahr das 23. Bad Kissinger Insulinpumpentreffen und der 25. Diabetestag stattfinden. Zu den Tagungen kamen zwischen 200 und 300 Besucher. Die Infoveranstaltungen finden oft im Rahmen der Bad Kissinger Gesundheitstage oder in der Deegenbergklinik statt. 2020 fand aufgrund von Corona keine Tagungen statt. Auch für 2021 ist bisher nichts geplant.