Zwischen verstaubten Balken klettert es sich mehr schlecht als recht, aber wer hoch hinaus will, darf die Mühe nicht scheuen. 36 Sprossen auf insgesamt drei Leitern sind es vom Glockenstuhl der Sankt Bartholomäus-Kirche bis in die so genannte "Zwiebel". Was von außen klein und beschaulich wirkt, stellt sich aus der Innenperspektive als durchaus geräumig heraus. Eine komplizierte, aber solide Holzkonstruktion hält die Zwiebel zusammen. Nur die wackelige Leiter, die bis zur Spitze des Turmes führt, weckt nicht gerade Vertrauen. Also: Unten bleiben.

Vier Glocken hängen im Turm. Es ist kurz vor elf und vorsorglich hält sich Jürgen Müller, Hausmeister und Mesner in Sankt Bartholomäus , die Ohren zu. Erst donnern vier Schläge durch den Turm, dann noch einmal elf. Der Schall erfasst den Körper, der wie von innen vibriert, so stark ist die Wucht der Glocken. Früher wurden sie noch von Hand geläutet. Heute läuft alles elektrisch - und per Funk. Müller weist auf einen Schaltkasten in der Ecke. "Da wird alles gesteuert", sagt er. "Und in der Sakristei hängt noch einmal so ein Gerät. Da programmiere ich die genauen Zeiten ein, wann die Glocken läuten sollen."

Konzert erinnert an alte Tradition


Hölzerne Schallrippen verdecken fast völlig die Sicht aus den Fenstern im Glockenstuhl. Hier dringt der Schall nach draußen - und gelegentlich auch andere Töne. Lukas Breitenbach, 27 Jahre alt und seit 21 Jahren bei den Georgibläsern - Respekt. Der Student setzt seine Trompete an die Lippen und spielt "The last rose of summer", ein Stück, das die letzte Rose des Sommers besingt. Leise wandert die traurige Melodie durch den Turm. Sie erinnert an eine Tradition von früher. Lukas hat sie selbst gar nicht mehr erlebt, aber er hat sich von Erwin Miller alles genau berichten lassen.

"Immer zu Weihnachten oder Neujahr sind ein paar Georgis rauf auf den Turm und haben gespielt", erzählt Lukas. Erwin Miller sei damals dabei gewesen, genauso wie Gregor Liebelt. Beide sind noch heute bei den Georgibläsern aktiv. Auf jeden Fall muss das noch zu Pfarrer Hilperts Zeiten gewesen sein, vermutet Lukas. "Vielleicht in den 1980er Jahren." Das Frankenlied oder "Gruß an Würzburg" tönte damals über den Kirchplatz. "Aber die Leute beschwerten sich, dass sie unten vor der Kirche gar nichts hörten" und die Tradition verlief im Sande. Die meisten jungen Georgis kennen sie gar nicht mehr. "So wie es eingeschlafen ist, könnte es ja auch wieder aufwachen. Es ist ja eine schöne Tradition", meint Lukas und beendet sein kleines Konzert.

Auf dem Weg nach unten zeigt Müller auf zwei Löcher im Fußboden."Da liefen die Seile durch, mit denen die Glocken geläutet wurden." Die Balken knarren unter seinen Tritten. Aber sie halten, und auch sonst sieht alles ganz stabil aus. "In der Schicksalsnacht vom 13. auf den 14. August 1876 brannte die Kirche völlig aus.Daher ist das Holz relativ neu. Es musste ja alles wieder aufgebaut werden", erzählt der gebürtige Brückenauer. Von 1974 bis 2010 arbeitete Müller als Berufsoffizier fern der Heimat. Erst für den Ruhestand kehrte er zurück.

Birne wechseln ist nicht so leicht


"Wenn im Kirchenschiff mal eine Birne kaputt geht, dann muss ich hier rein", sagt Müller und öffnet eine Tür. Ein Dachboden so groß wie die Kirche - logischerweise - rückt in den Blick. Wer geheime Truhen und uralte Antiquitäten erwartet, wird enttäuscht. Auf dem Dachboden von Sankt Bartholomäus herrscht vor allem eines: Leere, sprich Ordnung. Nur in einem großen Schrank am Eingang lagern Utensilien wie Häuser aus Pappmaschee und Plastikpalmen. "Die holen wir Weihnachten wieder heraus", kommt Müller der Frage zuvor. Dann betritt er die Leere und geht zielsicher auf einen Stützbalken zu. Ein weißes Kabel hängt aufgewickelt an dem Balken. Das Kabel ist lang, und das ist auch gut so, denn "damit lasse ich die Lampen im Kirchenschiff einfach herunter." Zum Putzen etwa oder wenn die Birnen gewechselt werden müssen.

Der Blick aus den Dachluken ist gigantisch, sogar die Talbrücke in Römershag ist erkennbar. An zwei Fensteröffnungen hängen Sirenen der Stadt. Viel mehr gibt es nicht zu sehen, außer die Lüftungsschächte, durch die der Weihrauch abzieht und deren Schächte die Gläubigen von ihren Plätzen sehen können, wenn sie den Blick himmelwärts richten. Selbstverständlich wird auch hier nichts dem Zufall überlassen: Die Belüftung funktioniert sowohl automatisch als auch manuell. Je nachdem, wie Müller es haben will.

In der Sakristei liegt es dann, das schwarze kleine Ding, mit dem Müller die Glocken zu jeder Tages- und Nachtzeit läuten kann. "Früher ist der Totengräber noch zur Friedhofskapelle gerannt, um zu läuten", erzählt Müller. Heute sorgt er mit einem Knopfdruck für den feierlichen Ausklang des irdischen Lebens. "Die Fernbedienung funktioniert aus jedem Winkel der Stadt", sagt Müller. Und ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit.