Vor zwei Jahren fiel zum ersten Mal aufgrund der Pandemie die Schule aus. Seit September gibt es wieder (fast) normalen Unterricht - zum Glück. Bloß wie wird bei den Leistungsanforderungen Rücksicht darauf genommen, dass Schülerinnen und Schüler in den letzten zwei Jahren zeitweise in Homeschooling waren und eingeschränkten Schulunterricht hatten?

"Heute ist schon wieder einer von der Schule gegangen!" erzählt die Zehntklässlerin resigniert, als sie von der Schule nach Hause kommt. Dabei waren es letzte Woche schon zwei Mitschüler, die mitten im Schuljahr vom Gymnasium auf eine andere Schule gewechselt sind. Wer Teenager fragt, ob sie das Gefühl haben, dass im Unterricht auf die Pandemie Rücksicht genommen wird, hört vor allem ein lapidares "Nö, das ging im neuen Schuljahr weiter wie bisher."

Hat die Corona-Pandemie Schuld daran, dass jetzt mehr Kinder und Jugendliche schlechte Noten schreiben, sitzen bleiben oder einen anderen Schulweg einschlagen müssen? Und ist es wirklich ein "Weiter wie bisher"? Wir haben vier Schulen in Bad Kissingen und das bayerische Kultusministerium dazu befragt.

Ohne Rücksicht geht es nicht

"Es geht gar nicht anders", ist Bernd Czelusteks klare Antwort auf die Frage, ob Rücksicht genommen wird. "Aber man muss differenzieren", erklärt der Schulleiter der Henneberg-Grundschule in Garitz, "für manche Fächer oder Themen gelten die gleichen Anforderungen wie bisher, wenn aber die Grundlagen noch nicht gefestigt sind, wird natürlich Rücksicht genommen - das liegt in der Verantwortung der Lehrkräfte. Dabei knüpfen sie an den Unterrichtsstoff des vergangenen Schuljahres an, und die Kinder werden da abgeholt, wo sie stehen." Das sei bisher gut gelungen, glaubt Czelustek, "die Übertrittsquote ist so wie immer, und auch die freiwilligen Wiederholungen der Klasse sind nicht größer als früher, denn Corona hat ja alle Kinder gleich getroffen".

Zusatzstunden und Kurse

Zur Unterstützung hat die Henneberg-Grundschule Zusatzstunden mit externen Kräften für intensivere Betreuung angeboten sowie einwöchige Kurse in den Sommerferien über das Förderprogramm "gemeinsam.Brücken.bauen" der Bayerischen Staatsregierung.

Auch der Schulleiter der Anton-Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen, Hans-Jürgen Hanna, ist der Meinung, dass man differenzieren muss, inwiefern bei den Leistungsanforderungen Rücksicht auf die Pandemie genommen wird: "Während des Distanzunterrichts wurde der Lehrplan ja sowieso reduziert, und Ende des Jahres wurde geschaut, wo die Kinder stehen", erklärt er, "auch jetzt, wo Kinder oder Lehrkräfte immer wieder in Quarantäne sind, wird nicht der Standard verlangt, sondern werden Proben abgeschwächt, über einen kürzeren Zeitraum geschrieben oder durch Referate ersetzt." Dadurch gab es keine Pflichtwiederholer sondern nur freiwillige Klassenwiederholungen, bei denen die Eltern das so wollten.

Soziale Kompetenz hat gelitten

Und auch Hanna sagt: "Alle Kinder müssen abgeholt werden." Die soziale Kompetenz habe unter Homeschooling und Lockdown definitiv gelitten, so Hanna, "die Teamarbeit war schwierig, deswegen haben wir Ausflüge ins Schwimmbad oder Picknick im Park gemacht, um die Klassengemeinschaft wieder zu stärken."

In der Realschule Bad Kissingen wurde laut Direktor Torsten Stein dieses Schuljahr der Förderunterricht mit 18 Stunden pro Woche in allen Jahrgangsstufen ausgeweitet, insbesondere in den Kernfächern Mathematik und Deutsch. "Die Lehrkräfte haben - nicht erst seit Corona - bei der Unterrichtsplanung und Leistungsfeststellung selbstverständlich immer die individuelle Lernstandssituation der jeweiligen Klasse im Fokus", sagt Realschuldirektor Stein.

Vorrücken auf Probe

Im Gymnasium wurden die Schulaufgaben nach dem Distanzunterricht nicht deutlich leichter, "aber was ein Schüler können kann, ist individuell unterschiedlich", so Schulleiter Markus Arneth. "Vielleicht gab es individuell mehr Schwierigkeiten wegen Corona, aber die Notendurchschnitte sind nicht deutlich schlechter - man kann nicht alles auf Corona schieben."

Beim Vorrücken oder Wiederholen einer Klasse wurde Rücksicht darauf genommen, ob die schlechte Note pandemiebedingte Gründe hat, und es wurde eher Vorrücken auf Probe gewährt: "Doch oft kann man nicht beurteilen, ob Corona oder die Pubertät der Grund für die Fünf ist", sagt Arneth. Auch der Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler, die das Gymnasium verlassen, sei nicht signifikant höher, als in anderen Jahren.

Bayernweit sind laut Kultusministerium die Auswirkungen und Belastungen der Corona-Pandemie verschieden ausgefallen. Die Leistungsergebnisse werden daher neben der Bewertung, auch als Lernstandserhebung und zur individuellen Förderung genutzt. In den Lehrplänen gibt es seit letztem Schuljahr verbindliche Schwerpunkte, damit die Lehrkräfte bedarfsgerecht und flexibel auf den Lernstand des Einzelnen reagieren können.

Auch das Übertrittsverfahren von der Grundschule auf eine weiterführende Schule wurde angepasst, indem zum Beispiel die Anzahl der Proben reduziert, die Vorbereitungszeit verlängert und der Probeunterricht angepasst wurde. Das Kultusministerium verspricht, auch im laufenden Schuljahr die Entwicklung an den Schulen sorgfältig zu beobachten und rechtzeitig neue Anpassungen vorzunehmen: "Denn faire Bedingungen für alle Schülerinnen und Schüler sind uns ein zentrales Anliegen."

Förderprogramm

Pfingsten letzten Jahres startete die Bayerische Staatsregierung das Förderprogramm "gemeinsam.Brücken.bauen" um Lücken, die durch den Distanzunterricht entstanden sind, zu schließen. Wie konnten Schulen vor Ort das Programm nutzen?

Das Programm, für das der Freistaat insgesamt 210 Millionen Euro zur Verfügung stellt, besteht zu gleichen Teilen aus Lernförderung und Förderung der Sozialkompetenz. Das Lernen soll zum Beispiel durch individuelle Förderung im Unterricht, einem Tutorenprogramm "Schüler helfen Schüler" und durch Kurse in den Sommerferien leichter werden. Die Sozialkompetenz der Kinder und Jugendlichen soll bei außerunterrichtlichen Aktivitäten, wie Sport, Musik und Ausflügen wieder gestärkt werden. Soweit so gut, aber haben die Schulen überhaupt die Zeit und das Personal, um solch ein zusätzliches Programm umzusetzen?

Den Bad Kissinger Schulen - Henneberg-Grundschule Garitz, Anton-Kliegl-Mittelschule, Realschule und Gymnasium - war das Förderprogramm grundsätzlich von Nutzen. Vor allem wegen fehlendem Personal konnte es aber nicht so ausgeschöpft werden, wie gewollt. Die Henneberg-Grundschule ist über zwei externe Kräfte dankbar, die sie akquirieren konnte, "aber mehr wären besser", sagt Schuldirektor Bernd Czelustek.

Dasselbe Problem hat Hans-Jürgen Hanna, Leiter der Anton-Kliegl-Mittelschule. Er fragt sich, woher er das zusätzliche Personal für das Förderprogramm nehmen solle, "wenn nichts auf dem Markt ist." Zwar hat hierfür das Kultusministerium den Schulen Handreichungen gegeben, indem Studenten, Quereinsteiger und pensionierte Lehrkräfte durch eine Werbekampagne und eine Vermittlungsbörse angesprochen wurden. Doch "hierzulande braucht man sich nicht umschauen", wie Schulleiter Markus Arneth vom Gymnasium bestätigt: "In einer Großstadt ist eine Aushilfe oder ein Student, die parallel zum Unterricht unterstützen können, schnell da. Aber Bad Kissingen liegt nicht so zentral, da konnten wir nur während der Semesterferien Studenten für die Sommerkurse finden." Und sogar Pensionisten seien schwer zu bekommen, da sie den Verdienst von der Pension abgezogen bekämen, erklärt Hans-Jürgen Hanna. So sind die zusätzlichen Förderstunden meist Sache der eigenen Leute.

Schwierige Umsetzung

Die Lehrkräfte der Realschule stemmten während der Sommerferien fast hundert zusätzliche Unterrichtsstunden in Abschlussprüfungsfächern, an denen die Schüler freiwillig teilnehmen konnten, wie Realschuldirektor Torsten Stein berichtet.

Die Förderangebote in den Ferien wurden an der Mittelschule nur wenig genutzt: "Die Kinder waren einfach platt nach dem langen Distanzunterricht", sagt Hanna. "Die Förderung muss parallel zum Unterricht laufen und nicht zusätzlich am Nachmittag oder in den Ferien - das ist zu viel", berichtet der Schulleiter von seinen Erfahrungen. Deswegen versucht seine Schule mit Schwerpunkten im Lehrplan, Kürzungen im Stundenplan und Aktivitäten außerhalb des Unterrichts die Folgen der Pandemie abzuschwächen.

"Die Idee ist gut, die Umsetzung schwierig", lautet Hannas bisherige Bilanz zum Förderprogramm. Trotzdem sind die Schulen froh, dass das Förderprogramm, das ursprünglich bis Februar 2022 geplant war, in diesem und nächsten Schuljahr fortgesetzt wird. Was sich allerdings alle Schulleiter für die Zukunft wünschen ist, einfach normaler Schulunterricht.