Dieser Protest wurde im Keim erstickt: Eine Melange aus besorgten Menschen, Covid- und/oder Pandemieleugnern und wirtschaftlichen Corona-Opfern wollte die A7 lahmlegen. Bundesweit mit dem Prinzip: Wir fahren einfach nur Tempo 80, dann verstopft der Verkehrsfluss von alleine. Und zwar von Füssen bis hoch nach Hamburg. Zumindest für den unterfränkischen Abschnitt quer durch den Landkreis Bad Kissingen kann man behaupten: Die Oberhand behalten hat die Polizei.

Seit einigen Tagen ist für jedermann, der sich auf dem Internet-Kanal "telegram" angemeldet hat, mitlesbar, was sich da zusammenbraute: konspirative Treffpunkte, Andeutungen, die so geheim waren wie die Überraschungsgeburtstagsfeier für Kleinkinder. Denn der Unterschied zu Whatsapp ist: Bei telegram kann jeder mitlesen. Auch die Polizei. Geplant war die Autobahn-Lahmlegung als "Deutschland-Wette". Sie wetten mit der Kanzlerin, "dass sie es nicht schaffen, UNS - oder besser gesagt Ihr pandemiegeplagtes Volk (...) so aufzuhalten, dass wir nicht die komplette A7 mit unseren LKW, Bussen PKW oder sonstigen autobahnzugelassenen Fahrzeugen befahren werden."

So wussten die Beamten längst, wo sie am Freitag um spätestens 15 Uhr sein mussten: mit Zivilfahrzeugen auf der A7, mit Einsatzbussen an allen ihren Ab- und Zufahrten, auf den Brücken, auf allen Park- und Rastplätzen.

So auch auf dem Pendlerparkplatz der Autobahnmeisterei Oberthulba. Kurz vor 15 Uhr fuhr die erste Frau auf den Parkplatz ein, auf der Innenseite der Autoscheiben klebten diverse Plakate. "Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt" oder "Corona-Ausschuss.de"

Sie fuhr vier Einsatzbussen der Polizei quasi in die Arme. Warum beteiligt sie sich an dieser Autobahn-Demonstration? "Wer sagt denn, dass ich demonstriere? Ich fahre nur Auto!"

So oder so ähnlich pochten an diesem Tag alle Teilnehmer der "Ausfahrt" darauf, dass es keine Demonstration sei. Was sie denn damit bezwecken möchte? Was soll erreicht werden, wenn man mit 80 auf der A7 unterwegs ist? "Es geht mir um Meinungsfreiheit. Man darf ja gar nicht sagen, was man denkt." Das Angebot, sie Wort für Wort zu zitieren, glaubt sie nicht. "Es wird doch alles verdreht."

Sie sagt, sie zweifle natürlich nicht an, dass es Covid gibt; dass die Krankheit gefährlich ist. Aber: "Diese Maßnahmen gefährden Existenzen, das geht einfach nicht. Ich befürchte viele Selbstmorde." Sie selbst arbeite in einem Restaurantbetrieb, erzählt sie zwei Polizisten. Die fragen mitfühlend nach: "Kriegen Sie Kurzarbeitergeld?" - "Ja."

Doch Mitgefühl hat dann seine Grenzen, wenn es um die Gefährdung anderer geht. Die Polizisten klären die Frau auf: Sie darf auf die Autobahn fahren, dort in angemessenem Tempo unterwegs sein - aber nur, wenn sie die Plakate, die andere Autofahrer ablenken würden, abnehme. Nach einigen Diskussionen willigt sie ein.

Die Beamten bieten ihr an, hier und jetzt, auf dem Parkplatz, ihrer Meinungsfreiheit nachzugehen, sie würden ihren Protest als "nicht angemeldete Demonstration" werten und sie demonstrieren lassen. Das genügt der Frau nicht. "Meinungsfreiheit gibt es nicht mehr"; so viele Demos seien bereits verboten worden.

Das Nummernschild der Frau deutet auf den Wohnort Bad Kissingen hin. Dass hier regelmäßig, manchmal mehrmals die Woche, mitten auf dem Rathausplatz gegen die Covid-Maßnahmen demonstriert werden darf, unbehelligt - das weiß sie. Aber es gefällt ihr offenbar nicht. Sie winkt ab und fährt.

Ein Paar aus Schweinfurt streitet ab, zur "Demo" zu wollen. Die Beamten greifen in die Register. Ob sie denn dann einen triftigen Grund hätten, ihr Zuhause zu verlassen? Klar, sie sind spazieren gefahren. Hier würde in einer Fernsehshow der Buzzer einsetzen - falsche Antwort. Der Beamte erklärt das neue Infektionsschutzgesetz und schickt sie nach Hause. Von den Verordnungen wollen die beiden noch nie etwas gehört habe.

Der Beamte verweist auf die Medien. Die Antwort: Beide lesen aus Prinzip keine Zeitungen mehr. Für sie sind Zeitungen oder Radio offenbar "Systemmedien" und von der Politik gelenkt.

An der Auffahrt zur A7 haben Beamte zwei Fahrzeuge angehalten. Als dezent kann man die Hinweise auf die "Demo" bei einem Kleinwagen nicht mehr betiteln: Rund ums Auto wurde in schreiendem Pink der Aufruf nach Menschenwürde gesprüht.

Der nächstgelegene Parkplatz Richtung Kassel ist gesperrt, ein Polizeibus steht quer mit Blaulicht. Der Platz ist proppenvoll. Es hatte auch nichts genutzt, dass die Clevereren laminierte Plakate unterm Sitz versteckt hatten und während der Fahrt auf der Autobahn an die Scheiben klebten - die Zivilpolizisten hatten Augen im Kopf. Kelle, rausfahren, Kontrolle.

Drei Autos mit Haßfurter Kennzeichen haben es bis zur Raststätte Rhön-Ost geschafft. Dann hat die Polizei sie ausgeleitet. Einer der Fahrer erzählt, dass er von der A70 kommend am Kreuz Werneck auf die A7 aufgefahren sei. Bis zur Raststätte blieb er unbehelligt, gleichwohl er ein Zivilfahrzeug der Polizei hinter sich bemerkte.

Auf dem Parkplatz belehrt der Einsatzleiter sie über die Lage und dass er ihre Anwesenheit dort als Demonstration sieht. Die drei Fahrer verneinen das. Die Diskussion geht hin und her. Der Aufforderung, Masken aufzusetzen, kommen die Drei nicht nach. Sie verweisen darauf, dass sie Abstand halten. Der Einsatzleiter fährt davon; die drei Haßbergler bleiben vorerst zurück und zwar alleine. "Was machen wir jetzt?", fragt eine der Frauen. Achselzucken bei den anderen. "Okay", sagt sie. "Dann geh ich halt mal auf die Toilette."

Zwei Autos mit mehreren Frauen aus Karlstadt hat die Polizei erst an der Abfahrt Volkers, kurz vor der hessischen Landesgrenze, abgefangen. Ihre gut sichtbaren Transparente mit Aufschriften wie "Impffreiheit", "Denke selbst" und "Wacht auf" mussten sie entfernen. "Die Begründung war, das sei politisch. Auf der Autobahn seien solche Statements verboten", sagt die eine.

Statement auf der A7 kein triftiger Grund

Sie und die Anderen seien immer mit 80 gefahren, hätten niemanden blockiert. Dennoch haben sie nun ein Ordnungswidrigkeitsverfahren an der Backe - weil sie gegen das Infektionsschutzgesetz verstoßen haben sollen. So fernab der Wohnung zu sein, sei kein triftiger Grund, hätten die beamten ihnen gesagt. "Wir wollten ein Statement abgeben. Das ist für mich ein sehr triftiger Grund."

Die Frau fühlt sich als ganz normale Mutter von drei Kindern, Oma von vier Enkeln. Politisch aktiv sei sie nie gewesen. Doch jetzt müsse man etwas sagen. "Wir werden gegängelt in Deutschland. Das hätte ich nie für möglich gehalten." Nach der Polizeikontrolle dürfen sie wieder heimfahren. Ohne die Transparente wieder angebracht zu haben.