Ruhiger Donnerstagabend im Kurviertel, kein Mensch unterwegs, gute Möglichkeit, noch etwas am Schreibtisch zu erledigen. Kurz nach Mitternacht klirrten am 22. März Scheiben: "Es hat sich angehört, als ob ein Altglas-Container runterfällt", erzählt ein Anwohner der Kurhausstraße, der nicht namentlich genannt werden möchte. Er schaut aus dem Fenster und sieht zwei Einbrecher, die gerade die Tür zu einem kleinen Laden gegenüber eingeschlagen haben. Wenige Minuten später klicken die Handschellen.
Seit mehr als 25 Jahren betreibt Margot Hartmann aus Burkardroth den kleinen Laden in der Kurhausstraße. Hinten steht Duschgel für den Reha-Patienten, der noch eine Woche länger als geplant bleiben muss, links liegen die Gazetten mit Prinzen und Prinzessinnen auf der Titelseite, gegenüber gibt es frische Brötchen und Eier. Die 61-Jährige nimmt den Lotto-Schein ebenso selbstverständlich an wie Post und Kleider für die Reinigung. "Ich habe ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft", erzählt Margot Hartmann.
Doch die heile Welt hat einen Haken: Der Laden im Erdgeschoss eines denkmalgeschützten Gebäudes ist ein beliebtes Ziel für Einbrecher. "Schon mindestens zehn Mal" sei bei ihr eingebrochen worden. Meistens seien die Täter gefasst worden - "aber noch nie so schnell wie dieses Mal". Und das liegt am aufmerksamen Nachbarn.
"Zuerst bin ich auf den Balkon und habe runtergerufen", erzählt der Zeuge. Aber: "Die haben gar nicht reagiert." Die Begründung ergab sich später: Die beiden Täter, 32 und 35 Jahre alt, gehörten der örtlichen Rauschgiftszene an. "Auf der Kameraaufnahme sieht man, wie der eine schwankend im Laden steht", berichtet auch Margot Hartmann.
Also rief der Zeuge die 110 an. "Das Gespräch verlief ganz ruhig, nebenbei funkte ein anderer Mitarbeiter der Leitstelle die Streifen an", berichtet der Anwohner. Als er auflegte, sei bereits die erste Streife eingetroffen. Zu dem Zeitpunkt wollten die Täter gerade flüchten. Abgesehen hatten sie es vor allem auf Zigaretten. "Bargeld habe ich eh keines im Laden, aber Zigaretten sind für die ja fast wie Bargeld", sagt Margot Hartmann. Rund 1000 Euro sei die Beute wert gewesen. Weil es schwierig ist, einen Laden, in den immer wieder eingebrochen wird, zu versichern, wäre sie auf dem Schaden auch sitzen geblieben. "Zum Glück hat die Polizei die Ware gleich wieder gebracht."
Die Täter waren zunächst in Richtung Lindesmühlpromenade geflüchtet. Der 32-Jährige wurde festgenommen, nachdem er eine Tüte mit Diebesgut über eine Mauer geworfen hatte. Sein 35-jähriger Komplize rannte in Richtung Schlossstraße davon und ließ dabei einen Karton mit Zigaretten fallen, er wurde wenig später in der Kurhausstraße gefasst.
Die aus Bad Kissingen stammenden Männer gestanden die Tat noch in der Nacht. Für Margot Hartmann war die Tat damit aber noch nicht abgehakt: "Bis die Spurensicherung fertig war, war's 4 Uhr früh", erzählt sie. Also blieb die Burkardrötherin gleich in Bad Kissingen.
"Für die Aufklärung von Straftaten ist es immens wichtig, dass sich Bürger couragiert und richtig verhalten", kommentiert Stefan Haschke, Leiter der Bad Kissinger Polizei, den Fall in der Kurhausstraße. Das Wichtigste sei, dass sich Zeugen nie selbst gefährden. "Die Polizei muss schnell verständigt werden", lautet sein Tipp. Am besten die Einsatzzentrale über die Notruf-Nummer 110, denn dort könne parallel zum Telefonat der Einsatz gesteuert werden. "Da passiert ganz viel im Hintergrund", sagt Haschke. Deshalb müsse sich auch kein Anrufer wundern, dass der Notruf lange dauert. "Wichtig ist, dass man erst auflegt, wenn alle Fragen geklärt sind."
Gerade bei Einbrüchen setze die Einsatzzentrale dann Streifen aus mehreren Dienststellen ein. "Professionelle Täter räumen ein Objekt in wenigen Minuten aus", berichtet Haschke. Danach würden sie schnell fliehen. Umso wichtiger sei die Verkehrskontrolle an den Ausfallstraßen. Der Zeuge aus der Kurhausstraße habe ruhig und vorbildlich gehandelt: "Wir hatten sehr gute Personen-Beschreibungen, der eine Täter ist der Streife eigentlich direkt in die Hände gelaufen."