"Der Nächste!", ertönt es bestimmt im Flur der alten Schule in Volkers. Wie im Taubenschlag kommen und gehen die Züchter mit der Frage, ob mit ihren Schützlingen alles in Ordnung ist. Dr. Heidi Kny aus dem thüringischen Leinefelde ist der Einladung des Taubenvereins "Heimatliebe" zu dessen Ausstellung gefolgt.
Die 78-Jährige ist eine von wenigen Fachärzten in Deutschland, wenn es um die Gesundheit von Tauben geht. Nach dem Veterinärmedizinstudium absolvierte sie ein Zusatzstudium über Geflügelkrankheiten. Nach Abschluss der Ausbildung betreute sie Großgeflügelbestände, bis 1982 eine Krankheitswelle Deutschlands Tauben ereilte. Durch die Behandlung der Tiere und Mund-zu-Mund-Propaganda kam Kny immer mehr in das Extrem-Spezialgebiet hinein, in dem sie sehr gefragt ist.

Zuerst löchert sie mit einer Reihe von Fragen den Züchter. Alle Infos führen zur richtigen Diagnose. Am aussagekräftigsten über den Zustand des Tieres ist das Abschneiden bei Wettflügen. Ist der Züchter mit der Reiseleistung unzufrieden, geht es der Taube nicht gut. Während der erfahrene Züchter mit Futter und Pflege gegensteuern kann, bleibt dem Neuling das Ausprobieren, manchmal mit gegenteiligem Erfolg. Umso erfreuter sind die Züchter, wenn die Fachärztin vor Ort ist.

Trotz vieler Fragen und Antworten über den Reise- oder Zuchterfolg, eventuelle Infektionen oder Auffälligkeiten bei der Kotprobe wartet die Ärztin die Laborergebnisse ab. Die "leistungsmindernden Bedingungen", möchte Kny finden, wie die der Trichomonaden-Infektion, was sich meist durch Erbrechen äußert.

Besonders in Augenschein nimmt Kny die Ornithose. Um diese meldepflichtige Tierseuche zu finden, nimmt sie Abstriche von allen erreichbaren Schleimhäuten, das heißt, aus den Augen, dem Schnabel und der Kloakenschleimhaut. Sie interessiert sich außerdem dafür, ob die Züchter die Tiere regelmäßig impfen. Obwohl nur die Impfung gegen die Paramyxovirose, einer Gruppe der Geflügelpesterreger, gesetzlich vorgeschrieben ist, seien Impfungen gegen Salmonellen und Pocken auch wünschenswert.

Bei einer Taube gibt es den Verdacht auf Salmonellen und Mycoplasmose, einem chronischen Schnupfen bei Tauben. Absolut ruhig lassen die Tiere sowohl die Abstriche, als auch die Taube mit dem einfachen Namen "600" die Blutentnahme über sich entgehen. "Die sind es gewohnt, so angefasst zu werden", erklärt Heidi Kny den typischen Handgriff der Züchter.

Vor allem möchte Heidi Kny dem Züchter helfen: "Die Ergebnisse der Untersuchungen sind für einen guten Bestand wichtig." Es interessiert weniger das einzelne Tier, als mehr der Gesamtbestand. Auch wenn keine Besorgnis erregende Diagnose vorliegt, gibt die Tierärztin auf Grund der Laborwerte Vorschläge, um die Flugleistung zu verbessern.

Alles richtig gemacht

Keinen Grund zur Sorge hat Fritz Bremkes, 2. Vorsitzender des Taubenvereins "Heimatliebe". Bereits am Vortag hatte er eine von seinen 70 Tauben untersuchen lassen. "Ein gesunder Schlag ist das A und O, wenn Erfolge erreicht werden wollen," so Bremkes. Weder Geld noch Pokal winken dem Gewinner: "Es geht um die Ehre und die Anerkennung." Ein Sieg zeige sowohl dem Züchter als auch anderen, dass "er es richtig macht". Fritz Bremkes und seine Partnerin Cornelia Sterner machten es offensichtlich richtig, denn aus ihrem Schlag haben es gleich drei Tauben auf das Siegertreppchen geschafft.

Trotzdem nahm Fritz Bremkes von Dr. Knys Vortrag auch etwas Neues mit. Milben, die man nicht sehen könne, weil sie zu tief unter dem Gefieder hocken, könne man dennoch auf die Schliche kommen. Nachts solle sich der Züchter zum Taubenschlag begeben und hören, ob die Tiere sich bewegen. Die Milben störten die Tiere, die somit unruhiger schliefen.

Aber noch mehr Tipps hatte die Ärztin parat. "Die Tauben sind zu fett", sagte sie und drückte einem Züchter gleich einen Ernährungsplan in die Hand. Der andere darf sich gleich Impfstoffe mitnehmen

Salmonellen und Pocken

Vorher hatte Dr. Kny einen Vortrag über Salmonellen und Pocken gehalten. Bei einem Salmonellen-Befall seien die Anzeichen Durchfall, Abmagerung und Leistungsminderung. Pocken erkenne der Züchter an eitrigen Bläschen und dass die Taube nichts mehr fresse. Während die Behandlung gegen Pocken nach zwei Wochen abgeschlossen sei und die Taube bei Wettflügen wieder eingesetzt werden könne, sei dies nach einer Salmonellen-Infektion nicht der Fall. Für die von Salmonellen befallene Taube sei die Saison "gelaufen", so Sedat Ipek, selbst Taubenzüchter und rechte Hand von Dr. Kny während der Untersuchungen. Sie versuche bei jedem Vortrag, Überzeugungsarbeit zu leisten. Obwohl die Impfstoffe billig seien, impfe schätzungsweise nur jeder zweite Züchter. "Das ist zu wenig." betont Kny. Eine Impfung sei nicht Pflicht. "Für den Wettkampferfolg sollte jeder Züchter aber impfen", rät auch Ipek.