Von Aschermittwoch bis Karsamstag gedenken die Christen beider Konfessionen an die Leidenszeit Jesu in der Wüste. Dabei geht es heute aber längst nicht mehr um den reinen Nahrungsentzug oder eine angesagte Diät, im Mittelpunkt stehen der bewusste Verzicht in diversen Bereichen des Lebens und die intensive Besinnung. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich hier ganz individuelle Ansätze entwickelt, die mittlerweile nicht nur von gläubigen Menschen praktiziert werden.

Blick ins "C.G. Jung Lesebuch"

"Fasten macht dünnhäutig", weiß beispielsweise der evangelische Pfarrer von Bad Brückenau, Gerd Kirchner, der nach eigener Aussage 40 Tage lang keinen Alkohol anrühren wird. Das sei aber nur ein Aspekt. "Wenn man für eine gewisse Zeit Gewohnheiten abstellt, die sonst das Korsett des Lebens bilden, dann kommen unerwünscht etliche andere Dinge hoch." Bei ihm laufe das hauptsächlich über Träume ab, in denen er sich seiner Ohnmacht bewusst werde. Aber gerade wenn man sich mit dieser Ohnmacht anfreunde, ermögliche das die Entwicklung eines tieferen Bewusstseins und die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Seele. Dabei helfe ihm immer wieder der Blick in das "C.G. Jung Lesebuch". Der 1961 gestorbene Schweizer Psychiater gilt als Begründer der analytischen Psychologie. Fasten versteht der Rhöner Geistliche in erster Linie als Hilfe zur Selbstwahrnehmung. Durch Verzicht könne durchaus ein größerer Gewinn für das weitere Leben erlangt werden.

"7 Wochen Ohne"

In seiner Gemeinde, so Kirchners Erfahrung nach über 20 Dienstjahren vor Ort, werde das Fasten von den Gläubigen hauptsächlich ganz individuell in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen praktiziert. "Spezielle Gruppen wie anderswo existieren in dieser Richtung bei uns nicht". Trotzdem müssten die Menschen in der Zeit einer gewissen Entbehrung auf Hilfestellung nicht verzichten. So gibt es in der evangelischen Kirche Deutschlands bereits seit 1983 die Aktion "7 Wochen Ohne", die jedes Jahr ein anderes Motto hat. Heuer geht es um das Thema Üben. Dazu stehen unter anderem auf der Homepage der Aktion 7 Wochen Ohne umfangreiches Begleitmaterial wie spezielle Kalender und informative Handreichungen bereit.

Aber zurück nach Bad Brückenau, wo das traditionelle Mysterienspiel viele Jahre auch optisch das Ende der Fastenzeit einläutete. Wegen Corona muss die regelmäßig vielbeachtete und publikumswirksame Aufführung in der Friedenskirche nun schon zum dritten Male hintereinander ausfallen, was der Pfarrer sehr bedauert. Für viele Christen sei gerade diese Präsentation in der Osternacht eine Art Anker gewesen. "Aus den Darbietungen haben viele Menschen regelmäßig Mut, Geduld, Vertrauen und Hoffnung für die kommende Zeit geschöpft."

Fasten hat festen Platz in unserer Gesellschaft

Apropos Corona: Kirchner zeigt Verständnis für jene Menschen, die in diesem Jahr die bevorstehende Fastenzeit noch nicht so richtig verinnerlicht haben und die Meinung vertreten, dass sie durch das Virus mit all seinen Begleiterscheinungen in der jüngsten Vergangenheit ohnehin schon eine Menge an Entbehrungen und den Verlust liebgewonnener Gewohnheiten in Kauf genommen hätten. "Corona war auch eine Art des Fastens, das gebe ich unumwunden zu", so der Seelsorger.

Das Fasten hat längst weit über den kirchlichen Bereich hinaus seinen festen Platz in unserer Gesellschaft, zieht sich inzwischen praktisch durch alle Lebensbereiche und ist nicht unbedingt an die Zeit zwischen Aschermittwoch und Karsamstag gebunden. Schlagworte wie Smartphone-Fasten, Suchtmittel-Fasten, Plastik-Fasten oder Konsum-Fasten haben schon seit geraumer Zeit Einzug in unseren Wortschatz gehalten.

Fasten für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit

Ganz aktuell gestaltet sich in diesem Zusammenhang die Aktion "Fasten für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit", die zwischen dem 2. März und dem 17. April für jede Woche einen anderen Schwerpunkt setzt. Zu den Zielen zählen unter anderem weniger Verschwendung von Lebensmitteln, Reduzierung von Verpackungsmüll, Entdeckung des Geschmacks der Region sowie das Augenmerk auf den Energieverbrauch in der Küche. Federführend bei dieser ökumenischen Initiative sind die Hilfswerke "Brot für die Welt", Misereor und 17 evangelische Landeskirchen und katholische Bistümer.