Der von Russland gegen die Ukraine geführte Krieg ist permanent präsent, sei es in den Medien oder in privaten Gesprächen. Auch an den Kindern geht die aktuelle Lage nicht vorbei. Doch wie können Eltern mit ihren Kindern über den Krieg sprechen? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Erziehungsberechtigte. Zu einem Webinar der Jugendbildungsstätte und des Lernwerks Volkersberg, das sich dem Thema widmete, hatten sich daher knapp 200 Interessierte angemeldet.

"Wir sind überwältigt von der großen Nachfrage", sagte Bildungsreferentin Annekatrin Vogler zu Beginn des Online-Seminars. Gemeinsam mit Förderschullehrerin Pia Hausdörfer hatte sie vorab Tipps zusammengetragen. Diese gaben die beiden Expertinnen nun an die Eltern, die sich zugeschaltet hatten weiter, unter ihnen auch viele mit pädagogischem Beruf.

Wie man mit Kindern über den Krieg sprechen kann: Sieben Tipps

Die Kernbotschaft von Vogler und Hausdörfer: "Kinder brauchen Begleitung, gerade jetzt, und Antworten auf ihre Fragen." Die einzelnen Tipps der Expertinnen hat die Redaktion zusammengetragen:

1. Die Kinder ernst nehmen

Wichtig ist es, wie die Expertinnen erklären, die Kinder in ihren Ängsten, Sorgen und in ihrer Verwirrung ernstzunehmen. "Sie haben in den letzten beiden Jahren schon eine ganze Menge an zusätzlicher Belastung aushalten müssen", sagt Vogler mit Blick auf Corona. Sie nennt außerdem auch die Flutkatastrophe im Ahrtal. "Und jetzt kommt der Krieg so nah zu uns." Eltern sollten ihren Kindern daher noch mehr Aufmerksamkeit schenken, als sie es ohnehin schon täten.

2. Ehrlich sprechen und zuhören

Es gelte, sich zu fragen: "Mit welchem Verhalten kommen die Kinder auf uns zu?" Eltern sollten ihre Antennen schärfer und feinspuriger stellen als sonst, erklärt Hausdörfer hierzu. Gleichzeitig sollten Eltern keine Spekulationen über den weiteren Kriegsverlauf anstellen und nur gesicherte Informationen wiedergeben. Wichtig sei es, keine zusätzlichen Ängste zu schüren. "Du, das weiß ich nicht, aber du kannst dir sicher sein, dass du bei mir zuhause aufgehoben bist", könne eine mögliche Antwort gegenüber dem Kind lauten.

Gleichzeitig sollten Eltern ihr Kind nicht drängen, über den Krieg zu sprechen, wie Vogler ergänzt. Die Erziehungsberechtigten sollten die Signale im Blick haben, zum Beispiel, ob das Verhalten des Kindes anders ist als sonst, etwa beim Spielen oder beim Malen. "Sie als Eltern spüren am besten, ob bei ihrem Kind etwas in Bewegung ist." Wenn das Kind von sich aus reden möchte, sollte man sich die Zeit nehmen und aufmerksam zuhören sowie sachlich, offen und ehrlich mit dem Kind kommunizieren. Die Informationen sollten dabei dosiert werden.

Weiter erklären die Expertinnen, dass man etwa ab einem Alter von zehn Jahren mit einem Kind ähnlich wie mit einem Erwachsenen sprechen könne. "Man sollte den Krieg nicht herunterspielen, Kinder spüren das. Zudem haben sie meist selbst schon erkannt, dass die Situation bedrohlich ist", führt Vogler aus. Kinder unter drei Jahren solle man "soweit wie möglich" von dem Thema Krieg fernhalten.

3. Das Sicherheitsgefühl der Kinder stärken

Eltern sind der Fixstern, der dem Kind Halt gibt, wie Vogler beschreibt. "Nehmen Sie sich Zeit für ihr Kind. Zeit für liebevolle Zuwendung", rät sie. Als Beispiel nennt Vogler das Vorlesen am Abend. Auch Ausflüge seien hilfreich. "Ablenkung ist gewünscht und auch in Ordnung", ergänzt sie.

4. Auf positive Aspekte fokussieren

Es helfe, die Aufmerksamkeit des Kindes auf positive Aspekte zu lenken, erklären die Expertinnen. Man könne mit dem Kind zum Beispiel besprechen, was international unternommen werde, oder sich gemeinsam mit Spendensammlungen und Friedensdemonstrationen beschäftigen. Je nach Alter des Kindes bestehe auch die Möglichkeit, gemeinsam eine Demo zu besuchen. "Das gibt dem Kind die Gelegenheit, die eigene Solidarität zu zeigen", erklärt Vogler. Darüber hinaus könnten Eltern mit ihrem Kind auch überlegen, was man selbst tun könne.

5. Kindgerechte Medienberichte auswählen und dosieren

Eltern sollten kindgerechte Nachrichtenformate auswählen, wie Hausdörfer erklärt, und das Kind die Nachrichten möglichst nicht alleine konsumieren lassen. Kleine Kinder sollten auf keinen Fall Nachrichtenformate wie die Tagesschau mitansehen. Denn Bilder haben eine starke Macht, wie die Expertinnen erläutern, davor müsse man die Kinder schützen, da diese in bestimmten Altersgruppen noch nicht damit umgehen könnten. Insgesamt sollte der Nachrichtenkonsum dosiert werden. "Es ist auch erlaubt, Nachrichtenpausen einzulegen", sagt Hausdörfer.

Als kindgerechte Informationsangebote nennt sie zum Beispiel die Logo-Nachrichten des ZDF, den Kinderkanal KiKa und den KiRaKa, den Kinderradio-Kanal des WDR. Als Suchmaschinen für Kinder empfiehlt sie "Frag Finn!", "Helles Köpfchen" und "Blinde Kuh". Das Klexikon schließlich sei ein Wikipedia für Kinder.

6. Aktivität ermöglichen, Ablenkung ist erlaubt

Die Expertinnen haben verschiedene Vorschläge parat, wie man kindgerecht aktiv werden kann. Dazu zählt etwa: Ein Bild malen, etwas basteln oder formen, zum Beispiel könne hierbei die ukrainische Flagge mit einer Friedenstaube als Motiv dienen. "Malen ist Ausdruck von Dingen, die nicht gesagt werden können", erklärt Vogler. Auch wenn das Kind Kriegsbilder male, sei das zunächst völlig normal. Man könne dann fragen: "Was hast du denn da gemalt? Was soll denn das bedeuten?"

Eine weitere Aktivität: Vorlesen oder ein Buch anschauen. "Vorlesen gibt Kindern ganz viel Geborgenheit", erklärt sie. Auch spazieren gehen, im Freien spielen oder Sport machen sei hilfreich. Natürlich bestehe auch die Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden und zu beten. Eltern sollten außerdem feste Rituale und angenehme Gewohnheiten schaffen und pflegen, denn: "Struktur gibt Sicherheit." Dazu zähle beispielsweise die Gute-Nacht-Geschichte am Abend, erklärt Hausdörfer. Man könne sich auch mit dem Kind überlegen: "Wofür bin ich dankbar?" Und so das Kind "mit schönen und positiven Gedanken ins Traumland entlassen".

Gemeinsam könne man auch Hilfspakete packen oder das Kind einen Brief schreiben lassen, zum Beispiel dazu, was es einem Kind in der Ukraine gerne sagen möchte. Helfen könne dem Kind auch, sich mit anderen Kindern zu treffen. Nicht zuletzt, sollten Eltern das Kind selbst Vorschläge machen lassen, was es tun möchte. "Das ist in der Regel die beste Sache."

7. Eigene Betroffenheit verständlich machen

Eltern dürften auch eingestehen, wenn sie auf eine Frage keine Antwort haben, erklären die Expertinnen. Stattdessen könne man sich gemeinsam mit dem Kind auf den Weg machen und eine Antwort suchen. "Mit wem kann man direkt sprechen? Gibt es im Umfeld Menschen, die selbst einen Krieg erlebt haben?", nennen sie mögliche Wege.

"Es ist auch erlaubt, die Kinder an die Lehrkräfte zu verweisen", sagt Hausdörfer. Eltern sollten die Last auf mehrere Schultern verteilen und nicht alles mit sich alleine ausmachen. Man dürfe zudem nicht den Anspruch haben, Generalantworten liefern zu können. "Kinder spüren, ob man ihnen etwas vormacht oder ob man sich seiner Sache sicher ist", berichtet Hausdörfer. "Wir sind alle aufgrund dieser Situation ein Stück weit aus dem eigenen Leben gerissen", fügt Vogler an.

Eltern sollten darauf achten, dass ihre Gefühle mit ihnen möglichst nicht vor dem Kind durchgehen. Gleichzeitig müsse man seine Gefühle aber auch nicht gänzlich verstecken. Man sollte dem Kind jedoch deutlich machen, dass das nichts mit ihm zu tun hat, wie Vogler erklärt. "Jüngere beziehen die Gefühle ihrer Eltern auf sich selbst und fühlen sich dann schuldig." Man könne zum Beispiel sagen: "Alles in Ordnung, ich denke nur über den Krieg nach."

In der Online-Runde kam zudem die Frage auf, wie sich ein Kind verhalten solle, wenn etwa ein anderes Kind ihm gegenüber eine pro-russische Ansicht vertritt. Hier erklärten die Expertinnen, dass man das Kind ermutigen solle, seine eigene Meinung zu vertreten und mit dem anderen Kind im Gespräch zu bleiben.

Neuer Termin: Lernwerk und Jugendbildungsstätte Volkersberg laden am Mittwoch, 16. März, von 19.30 bis 20.30 Uhr erneut zu dem kostenfreien Onlineangebot "Wie spreche ich mit meinen Kindern über den Krieg? Wie verarbeiten Kinder den Krieg?" ein. Die Teilnahme ist mit PC, Laptop, Tablet oder Smartphone möglich. Anmeldung: bis Mittwoch, 12 Uhr, per E-Mail an lernwerk@volkersberg.de oder telefonisch unter Tel.: 09741/913232.