In seiner Erinnerung bleiben die Kriegsgeschehen, als ob sie sich gestern ereignet hätten. Heute sieht man von alldem, was vor über 75 Jahren Europa erschütterte, nichts mehr, doch die Erinnerungen von Karl Kraus und auch die Aufzeichnungen der Lehrer, die zu der Zeit in Kothen unterrichteten, zeichnen auch heute noch ein lebhaftes Bild des Krieges.

"1. September 1939: Krieg mit Polen. Der Unterricht fällt aus." So beginnt die Chronik des Zweiten Weltkrieges aus Sicht von Lehrer Max Troll. Während bis 1942 nur Stichpunkte bezüglich des Schullebens überliefert sind, finden sich ab dem Kriegsjahr 1943 ausführliche Aufzeichnungen. Sammlungen sollen die Soldaten an der Front unterstützen. "Milch und Vieh" musste auch die Mutter von Karl Kraus abgeben. "Getreide nicht, wir hatten keine große Ernte", weiß der 87-Jährige noch. Mangel an Nahrung hatte die Familie nicht zu leiden: "Zum Leben hat es gereicht". Inmitten der unsicheren Lage war man bemüht, ein gewisses Maß an Normalität weiterleben zu lassen. "Wir hatten kaum Hausaufgaben, dafür Hilfe auf dem Hof zu machen, dann ein oder zwei Stunden zum Spielen."

Für die Kinder gab es weiterhin Nikolausfeiern: "Äpfel und Socken - mehr hat es nicht gegeben", so Karl Kraus. Auch bei seiner Erstkommunion "wurde kein großer Aufwand gemacht: Ein Kuchen, ein Braten und die Tante aus Frankfurt kam zu Besuch". Es bedrückte, dass der Vater nicht da war.

Normalität war auch nötig. Als Selbstversorger mussten die Kothener Landwirte wie jedes Jahr sähen und ernten, wenn auch bisweilen unter gefährlichen Umständen. Karl Kraus berichtet: "Es wurden gerade die Kartoffel gesetzt, da kamen amerikanische Tiefflieger und schikanierten die Bauern auf dem Feld." Die Flugzeuge flogen so tief, dass die Kinder sich unter einem Kirschbaum verstecken mussten. Eine ganze Woche lang statteten die Amerikaner den Kothenern so ihre "Besuche" ab.

Man half sich selbst und anderen, wo es ging. Schwarz-Schlachtungen und auch Schwarzbrennerei gab es auf jedem Hof. "Sonst wäre man dumm gewesen", so Karl Kraus über die damalige Selbsthilfe. Auch Lehrer Troll wusste: "In diesem Krieg wurde der Schnaps ein Tauschmittel erster Güte". Nachbarschaftshilfe war noch größer geschrieben, als sonst. Die Männer waren eingezogen, die Frauen mussten Haus und Hof alleine unterhalten. Man "organisierte sich", man "half aus, verpfiffen wurde niemand". Allerdings gab es auch "Spitzel in jedem Dorf. Die waren namentlich bekannt", weiß Karl Kraus.

Das Meiste der eigentlichen Kriegsereignisse spielte sich im Kothener Ortsteil Quackhof ab, Karl Kraus saß also mittendrin im Geschehen und hat mit seiner Mutter, den Großeltern und beiden Geschwistern im Keller oft die Zeit bis nach den Angriffen abgewartet. Sogar Phosphorbomben schlugen auf Kothener Feldern und Wiesen ein. Der weiße Rauch waberte über der Erde. Als die Sonne aufging, entzündeten ihre Strahlen den Phosphor. Glücklicherweise brannte nicht viel, es war noch nichts angebaut gewesen, sagt Karl Kraus.

Gegen Ende des Krieges wurde die Lage für die deutschen Soldaten immer desolater. Nicht nur mangelte es ihnen an Verpflegung, auch Munition fehlte. "Einem 70-jährigen Kothener setzte ein deutscher Soldat die Pistole auf die Brust. Er sollte einen Handwagen mit Munition beladen und nach Wildflecken fahren", berichtet Karl Kraus von Verzweiflungstaten. Vom Förstermeister erhielt ein deutscher Panzer Benzin, damit er weiterfahren konnte.

Am Pfingstmontag 1944 sahen Kothener einen Bomber, lichterloh brennend, sich nähern. Über der Mottener Haube ging der Pilot mit Fallschirm nieder, das Flugzeug bei Büchenberg. "Das hat Schläge getan!" Dieser Satz fällt oft - als Karl Kraus erzählt, dass Doppeldecker Häuser beschossen, Dächer einstürzten, Zäune "abrasiert" wurden und auf dem Gelände des heutigen Truppenübungsplatzes, knapp hinter dem Pilsterfelsen, 15 Bomben abgeworfen wurden.

Die deutschen Soldaten erkannten die Ausweglosigkeit. In Kothen löste sich eine ganze Truppe auf und desertierte. Vorher warfen sie ihre Gewehre auf einen großen Haufen, direkt neben dem Kreuz am Quackhof. Die Amerikaner kamen und bezogen im Forsthaus ihr Hauptquartier. "Der ganze Garten stand voller Panzer und Haubitzen", erinnert sich Karl Kraus über seine damaligen neuen Nachbarn. Vergessen waren die Schikanen während des Krieges, 1945 wurden die Amerikaner als Befreier gesehen: "Sie waren in Ordnung, freundlich. Sie haben die Leute gut behandelt, uns Kindern Kaugummi und Schokolade geschenkt".

Auch Lehrer Troll schrieb am Donnerstag nach Ostern 1945: "Um 12 Uhr zogen die Sanitäter, die manches herschenkten, oder absichtlich auf die Seite sahen, wieder ab und besonders die Frauen trösteten sich damit, dass der Ami besser sei als sein Ruf. Aber es sollte ganz anders kommen." Das Schulgebäude wurde von amerikanischen Soldaten besetzt, sie plünderten und zerstörten. Erst "um 8 Uhr früh war der Spuk verflogen."

Dass der Krieg vorbei war, fiel im Dorf zunächst gar nicht auf. Es gab keine Zeitungen, nur einzelne Bewohner hatten einen Volksempfänger. Irgendwann machte die Nachricht die Runde. "Man war froh, dass Hitler weg und das Dorf verschont war. Trotzdem ging man zur Tagesordnung über". Für die Landwirte war die alltägliche Arbeit nun wichtiger denn je. Heute noch denkt Karl Kraus mitleidsvoll an die Flüchtlinge und Stadtbewohner, die auch laut Lehreraufzeichnungen mit "Trostlosigkeit in den bleichen, hungrigen Gesichtern" die Straße entlang kamen: "Sie hatten nichts".

0464/ 0466: Direkt neben dem Kreuz am Quackhof hatten deutsche Deserteure ihre Gewehre hingeworfen. Karl Kraus zeig an, wie hoch der Stapel war.

0469: Karl Kraus erinnert sich daran, wie er als Kind den Zweiten Weltkrieg in Kothen erlebt hat. Im Hintergrund sein Elternhaus, in dessen Keller er viele Angriffe abgewartet hat.