Da gab es auch zum ersten Mal: Ein Extrakonzert zum Abschluss der Kissinger LiederWerkstatt - zwar nicht mit einer Uraufführung, aber mit einer deutschen Erstaufführung: "Kinsman to Danger" ("Nachbar der Gefahr") des indisch-britischen Komponisten Param Vir, der Gedichte des indischen Mystikers Sri Aurobindo. LiederWerkstatt-Chef Axel Bauni, der selbst am Klavier saß, hatte die Brüsseler Sopranistin Sheva Tehoval und den walisischen Bariton Jeremy Huw Williams eingeladen.

Das Programm war frei zusammengestellt, es stand nicht mehr, wie die beiden Konzerte am Samstag und Sonntag, unter dem Thema "Tanz". Und so eröffnete Jeremy Huw Williams den Abend mit drei Liedern aus dem Spätwerk von Claude Debussy: den Drei Balladen nach François Villon - drei interessante Vertonungen, weil Debussy hier zu einem ziemlich nüchternen lakonischen Stil gefunden hatte, der nur das Nötigste beisteuerte und das typisch französische üppige Legatospiel hinter sich gelassen tat. Und weil Axel Bauni alles an Klanggestischem unterließ, was dieses Lakonische hätte verwässern können, sondern immer höchst ausdrucksstark am Text entlang spielte.


Doppelbödige Ironie

Der hatte es freilich in sich. Und da nicht nur, weil Debussy Villons Mittelfranzösisch übernommen hatte und Williams mit seiner außerordentlich deutlichen Artikulation die Unterschiede zum modernen Französisch sehr gut hörbar machte. Sondern weil sie so doppelbödig sind und Williams Villons Distanz der feinen Ironie mit sachlicher stimmlicher Klarheit gut rüberbrachte, weil auch er keine Show nötig hatte.

Etwa in in "Ballade de Villon à s'amye" ("Ballade des Villon an seine Geliebte"), in der er sich bitter beklagt, von ihr verstoßen worden zu sein, und plötzlich die Möglichkeiten des Mitleids auslotet. Oder in der Ballade, "geschrieben im Auftrag seiner Mutter als Gebet an die Muttergottes", einer Ergebenheitsadresse hohen Grades, die man weder Villon noch Williams wirklich glaubt, weil beide klar machen, dass das nicht ihre Position ist. Oder in der "Ballade des femmes de Paris", die Williams zu einer köstlichen sprachakrobatischen Geschwätzigkeitsstudie machte und zu dem Ergebnis kam: "Il n'est bon bec que de Paris", was so viel heißt wie: "Niemand tratscht so wie die Pariserinnen", und das mit augenzwinkerndem Pathos verkündete.


Ausflug ins 19. Jahrhundert

Einen kleinen Streifzug durch das Kunstlied des 19. Jahrhunderts eröffneten Sheva Tehoval und Jeremy Huw Williams mit Schuberts "Mignon und der Harfner", und zwar in der Urfassung als Duett, Mignon melancholisch im Vordergrund, der Harfner, leicht versetzt und wie im Schatten und aus einer fernen Zeit, im Hintergrund. Auch Robert Schumanns "Ich denke dein" gewann durch die erweiterte Perspektive des Duetts erheblich an Intensität und Innigkeit. In den sechs Liedern, auch von Mendelssohn und Cornelius, hatten Tehoval,Williams und Bauni eine wunderbare Synthese des nach innen gewendeten romantischen Geistes gefunden.

Und dann die Erstaufführung. Die Verpflichtung von Jeremy Huw Williams war schon deshalb ein Glücksfall gewesen, weil der im vergangenen Jahr in London auch schon die Uraufführung gesungen hatte. Param Vir hatte bereits beim Kissinger Sommer 2017 mit der Uraufführung von "Drum of the Deathless" für Percussion-Duo für zustimmende Aufmerksamkeit gesorgt. Und das gelang ihm auch jetzt wieder. Von einem Mystiker wie Sri Aurobindo hätte man ja etwas zutiefst Mystisches erwartet. Aber die vier Texte über die Natur und die Naturgewalten im Wechselspiel mit dem menschlichen Bewusstsein sind bei aller Bildhaftigkeit doch recht konkret. Das Fazit des Herrschers über Sturm und Berg ist deutlich: "Stark muss der sein und ein Verwandter der Gefahr (daher der Titel),/Der mein Königreich mit mir teilt und an meiner Seite wandelt."


Zerstörerische Kraft des Lichts

Es sind Jeremy Huw Williams und Axel Bauni gemeinsam, die deutlich machen, dass Licht nicht nur eine helle, sondern auch eine katastrophale, zerstörerische Seite hat, dass bei "The Sea at Night" der Impressionismus auch bei Param Vir seine Spuren hinterlassen hat. "Relevation" ("Enthüllung") ist von seiner Struktur her spannend, weil nach einer flüchtigen Begegnung sich das Klavier zurückzieht und die Stimme alleine lässt. Einen erstaunlichen Kontrast bietet "Invitaion" ("Einladung"): Der Herr über Sturm und Berg lädt ein, ihn in die feindliche Natur zu begleiten, und die begleitende Klavierstimme klingt plötzlich wie ein aufgebrochener Shanty-Chor.

Zum Abschluss sang Sheva Tehovel die berühmten sechs "Brentano-Lieder" von Richard Strauss. Der hatte zuvor 16 Jahre keine Lieder komponiert, und so hatten sich enorme technische Gemeinheiten für Stimme und Klavier angestaut. Die junge Sopranistin stellte sich souverän den Problemen, obwohl, aber vielleicht auch weil Axel Bauni die Lieder als Duette für Stimme und Klavier betrachtete und keine Gefälligkeiten verteilte.

Großartig war gleich zu Beginn "An die Nacht", das zu einem verzückt-hysterischen, überdrehten "An die Hochzeitsnacht" wurde. Aber auch das emotional aufgewühlte "Säusle, liebe Myrthe", das so harmlos beginnt, aber auch das technisch ungemein schwierige "Amor", der Feuer gefangen hat.


Von der Hoffnung getrieben

Ein anrührender Abschluss war das "Lied der Frauen, die zuhause auf ihre Männer warten: einen Seemann, einen Bergmann und einen Soldaten, die zwischen Angst und Wiedersehenshoffnung hin und her getrieben werden. Das war außerordentlich stimmungsvoll gesungen - und trotzdem: Dieses Lied hätte man sich mit einer älteren, abgeklärteren Stimme noch besser vorstellen können. Man denke nur an Jessye Norman.

Zwei Zugaben hatten die Künstler vorbereitet: Sheva Tehoval sang noch Robert Schumanns "Widmung" und Jeremy Huw Williams - ohne Klavierbegleitung - ein walisisches Volkslied mit rollendem "r". Ob's ein Liebeslied oder Trinklied war, war schwer zu entscheiden - vermutlich beides.