Das Rotkehlchen ist ein echter Sympathieträger, der Frühlingsbote schlechthin und nun auch Vogel des Jahres 2021. Sobald wir Wintergeplagten sein Gezwitscher hören, kommen Frühlingsgefühle auf. Je eher, desto besser - denken wir. Aus Sicht des Ornitologen kann der Vorteil einer frühen Rückkehr von Zugvögeln aus dem Winterquartier nur teilweise bestätigt werden.

Dr. Thomas Rödl vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) äußert sich hier auch vorsichtig. Einerseits "können sie im Frühjahr zeitig in die Brutsaison starten", wenn die Vögel früher wieder vom Mittelmeer zurückgekommen sind oder sogar im Winter hiergeblieben sind. Frührückkehrer können sich den besten Nistplatz aussuchen. Wer später kommt, muss sehen, was übrig bleibt. Fällt in das Frühjahr allerdings eine Extremwetterphase, drohen sie die Jungen zu verlieren. Auch ein harter Winter sorgt bei den Rotkehlchen "für eine höhere Mortalität", so Rödl.

Oft fehlt die passende Nahrung

Es kann aber auch ganz anders kommen. Kehren Vögel wie zum Beispiel der Trauerschnäpper früher aus dem Winterquartier zurück, sind die von ihrer Brut benötigten Insekten schon viel zu weit entwickelt. Gerade zur Hauptfütterungszeit der geschlüpften Jungen fehlt es daher oft an passender Nahrung. Unter diesem "Miss-Match" leiden auch die Rauchschwalben, berichtet Rödl. "Ihre Rückkehr aus dem Winterquartier hat sich in den letzten 15 Jahren um eine Woche nach vorne verschoben", so dass in diesem Fall die Insekten für die Vogeljungen noch nicht verzehrfertig vorhanden sind. Eine Woche hört sich wenig an, war aber doch für einen deutlichen Rückgang im Bruterfolg verantwortlich. Sprich: die wenigen Vogeljungen sind schwächer, sofern sie überhaupt überleben. Nicht nur hat die Rauchschwalbe bei der Aufzucht ihrer Jungen Probleme, sie befindet sich auf ihrer Zugroute zwischen Afrika und Europa selbst in Gefahr. Der Langstreckenzieher bewältigt diese Strecke in mehreren kürzeren Etappen und benötigt Rastpunkte mit Nahrungsangebot. Fehlt es hier zunehmend an Lebensräumen wie Feuchtgebieten, könnten sie verhungern.

Der Klimawandel ist auch hier der Hauptverantwortliche. Die Welt wird wärmer und trockener, viele Lebensräume gehen verloren. Artensterben ist bei immer mehr Vogelarten in Sichtweite. Kälteliebende Arten wie das Alpenschneehuhn müssen in höhere Bergregionen umziehen, circa sieben Meter pro Jahr. Zusammen mit Bergpieper und Schneesperling teilen sie sich Nahrung und ein immer kleiner werdendes Areal. Zwar verschiebt sich der Lebensraum von wärmeliebenden Arten nur gen Norden, etwa 760 Meter pro Jahr, doch: "Es ist schwierig zu sagen, wer langfristig profitiert", sagt Dr. Thomas Rödl.

Seit den 60er Jahren wird in Bayern immer öfter der Bienenfresser gesichtet, der ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet ist. Ob er hier langfristig sesshaft wird, entscheiden nicht nur die wärmeren Temperaturen, so Rödl. Ein Gesamtpaket an Nahrungsangebot, Wohnraum und Geschlechtspartner ist für jede Population nötig.

Genau dieses Gesamtpaket macht Rödl Sorgen: "Veränderungen gab es über tausende von Jahren auch schon. Anpassungen waren möglich. Nun verändert sich die Welt in Jahrzehnten. Da können viele Arten nicht Schritt halten." Ganze Lebensgemeinschaften für Pflanzen und Tiere geraten aus den Fugen. "Es ist ausgeschlossen, dass sich ein ganzes Ökosystem anpasst." Nur einzelne Arten, so flexibel wie Stare oder Bachstelzen, die doch glatt wieder über die Alpen in den Süden fliegen, wenn es hier doch noch zu kalt sein sollte, hätten eine Chance. Einige Kuckucksarten könnte es an den Kragen gehen. Der Langstreckenzieher folgt einem inneren Kompass, wenn er sich in Afrika auf den Weg in unsere Gefilde macht. Dies ist genetisch fixiert, ebenso wie die Wahl der Nester, in die er seine Eier legt. "Wirtsspezifisch" hat sich der Kuckuck auf die Größe und Farbe der artfremden Eier festgelegt, berichtet Thomas Rödl. Hat der Wirtsvogel, wie in zunehmendem Maß der Zaunkönig, mit der Brut schon begonnen, sind seine Eier womöglich schon ausgebrütet und die Jungen geschlüpft. Dass der Kuckuck hier dem Wirtsvogel noch seine Eier unterjubeln kann, ist ausgeschlossen. Der Kuckuck pflanzt sich in diesem Jahr daher nicht fort. Im schlimmsten Fall wird die Art aussterben.

Was kann man tun? "Mit Arten-, Klima- und Naturschutz wären drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen", sagt Dr. Thomas Rödl. "Das muss Hand in Hand gehen", betont er, denn neben dem Klimawandel sehen sich unsere Vögel auch intensiver industrieller Landwirtschaft konfrontiert.

Die Renaturierung der Moore, Förderung von natürlichen -Speichern, Bereitstellen von Grüngürteln, Blühwiesen und Hecken, Stehen-Lassen von alten Bäumen sind auch kleinregional umsetzbar, damit der Lebensraum für Vögel erhalten bleibt.