Die Vorfälle bei der Essener Tafel sind im Landkreis kein Thema: "Bei uns läuft's einwandfrei", berichtet etwa Hans-Jürgen Schelle, Vorsitzender der Tafel Bad Brückenau. "Die Leute müssen erst einmal die Spielregeln kennenlernen, aber das geht schnell", ergänzt Ursula Bürger von der Tafel Bad Kissingen. Alles prima also bei den drei Tafeln im Landkreis - außer der Suche nach einer neuen Vorsitzenden in Bad Kissingen. Aktuell leitet Marina Wiesend kommissarisch die Tafel Bad Kissingen. Vor zwei Jahren übernahm sie den Vorsitz von Iris Hönig. Weil sie in ihrem Hauptberuf mehr Stunden arbeite, könne sie den Verein mit 107 Mitgliedern nicht mehr leiten. "Eigentlich ist das ehrenamtlich gar nicht mehr zu schaffen", sagt sie.
Zur Entlastung könnte sich Marina Wiesend vorstellen, dass ein Geschäftsführer oder eine Sekretärin für einige Stunden pro Woche angestellt wird - "einfach jemand, der dem Vorsitzenden den Rücken frei hält". Bei der Jahreshauptversammlung Anfang April wurden außer dem Vorsitz alle Vorstandsposten besetzt. Nun ist für Mittwoch, 27. Juni, um 19 Uhr im Mehrgenerationenhaus ein neuer Termin angesetzt. "Dann werde ich endgültig zurücktreten", kündigt Marina Wiesend an, sonst bleibe sie ewig kommissarische Vorsitzende. Trotzdem wolle sie der Tafel treu bleiben: "Ich helfe weiter mit."


"Der Betrieb ist gesichert"

"Da hängt schon einiges dran", begründet die alte und neue 2. Vorsitzende Dagmar Ziegler, dass sie den Vorsitz nicht übernehmen will. Viel Verwaltungsarbeit macht Beisitzerin Ursula Bürger: "Ich bin jeden Tag da." Neben dem Sortieren von Essen müssten vom Gericht verhängte Sozialstunden dokumentiert sowie Geldstrafen und Spenden zu Gunsten der Tafel verbucht werden. Unabhängig vom Ausgang der Wahl steht für sie aber fest: "Der Betrieb ist gesichert."


10 000 Stunden jährlich

Rund 10 000 Helferstunden jährlich leisten die rund hundert Helfer der Tafel Bad Kissingen. Im Schnitt 25 000 Kilometer legen sie zum Abholen der Waren zurück. "Die Zusammenarbeit ist gut", loben sie die Einzelhändler, die von großen Supermarkt-Ketten bis zur kleinen Bäckerei Kemmer in Ramsthal reichen. Weil es vor Ort zu wenige Lebensmittel gibt, arbeitet die Tafel Bad Kissingen mit der in Schweinfurt zusammen.
"Wir sind ja auch Lebensmittelretter", verweist Martina Wiesend auf einen weiteren Aspekt der Tafeln. Klar sei aber auch: "Wir entsorgen nicht den Müll für die Märkte." Zu schlechte Ware werde stehen gelassen. Trotzdem nehme das Vorsortieren viel Zeit ein. Rund 105 Abholer kommen jeden Samstag zur Bad Kissinger Tafel, am Mittwoch seien es rund 65. Hinter einem Abholer stehen aktuell rund 2,7 Menschen, Tendenz sinken, im vergangenen Jahr waren es noch 2,9. Rund ein Drittel der Hilfsbedürftige seien in Bad Kissingen Zuwanderer, ein Drittel Rentner, der Rest verteile sich auf Rentner und Alleinerziehende. Damit es geordnet zugeht, gibt es bei der Bad Kissinger Tafel bereits in der Vorwoche eine Nummer, nach der die Lebensmittel ausgegeben werden.


Helfer wechseln sich ab

Auch in Bad Brückenau wird die Reihenfolge per Zufall festgelegt. "Das läuft alles sehr geordnet ab", fasst Vorsitzender Hans-Jürgen Schelle die Erfahrungen dort zusammen. Bis zu 70 Kunden kommen jeden Mittwoch ab 15.30 Uhr, 65 Helfer teilen sich die Arbeit: "Alle vier Wochen ist ein Team mit der Vorbereitung dran", berichtet Schelle, das laufe gut, trotzdem seien Freiwillige immer willkommen. Hans-Jürgen Schelle (70) will wieder als Vorsitzender antreten, in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 28. Juni müsse lediglich eine neue Kassiererin gewählt werden: Monika Wiesner will aufhören, aber es gibt eine potenzielle Nachfolgerin.
Im Schnitt 80 Abholer kommen für insgesamt 340 Berechtigte einmal in der Woche zur Tafel Hammelburg. Dort haben die Ausweise vier Farben, deren Reihenfolge reihum durchwechselt. "Dann weiß jeder, wann er dran ist", sagt Vorsitzender Dieter Roth, der die Arbeit seiner gut 40 Helfer in den höchsten Tönen lobt. Auch viele, die Sozialstunden vom Gericht aufgebrummt bekamen, würden ehrenamtlich dabei bleiben.
Keine Probleme gebe es mit Zuwanderern: "Da helfen sogar einige mit", berichtet Roth. Natürlich habe es 2016 ein Aufnahmestopp von einem halben Jahr gegeben. "Aber für alle, wir haben da keine Unterschiede gemacht wie in Essen." In Einzelfällen hätten die Helfer mal für Ordnung sorgen müssen, unter anderem wurde mehrfach klar gestellt, dass auch Frauen ganz selbstverständlich über die Essensausgabe entscheiden. "Aber das war schnell klar", sagt Roth, der ebenfalls weiter für den Vorsitz zur Verfügung steht - solange es die Gesundheit des 69-Jährigen zulässt.