Mal wieder rauskommen. Etwas vom Leben außerhalb des Altenheims mitbekommen und sehen, wie sich die Stadt verändert. Der wöchentliche Spaziergang ist für Hildegard Brand ein großer Höhepunkt. Es ist etwas, auf das sie die restlichen Tage über wartet. Jeden Montag wird sie von Rita Emmert für eine Weile aus dem Alltag des Heims entführt.

"Die Tage hier sind so lang. Und die Nächte noch länger", sagt Brand. Wenn die 93-Jährige nachts wie so oft wach liegt, ist sie allein mit der Dunkelheit um sich herum - und den Schmerzen in ihrem Gesicht, die von einer Tumor-Operation stammen.

Freude am Leben erhalten

Seit eineinhalb Jahren lebt Hildegard Brand im Caritas Altenheim St. Gertrudis. Die Seniorin kann ihr Bett nicht ohne Hilfe verlassen. Sie braucht jemanden, der ihr in den Rollstuhl hilft. Sie kann nicht mehr laufen, weil ihre Knochen nach einem langen Leben schwach geworden sind. Hüfte, Beine und Unterarme werden großteils von Metallstäben und Nägeln zusammengehalten. Auch wenn die Seniorin die letzten Jahre überwiegend in Krankenhäusern verbracht hat und weiß, dass das Gertrudis ihre letzte Station ist - an ihrer positiven Grundeinstellung zum Leben hat das nichts geändert.

"Ich bin noch jugendlich", sagt sie leise. Eigentlich fühlt sie sich hier wohl. Sie will den Schwestern nicht zur Last fallen und mit ihren Mitbewohnern gut auskommen. Sie lacht viel, wenn sie von Rita Emmert durch die Fußgängerzone und die Kuranlagen geschoben wird. Die Frauen erledigen kleine Besorgungen und schauen sich die Schaufenster in der Innenstadt an. Hildegard Brand erzählt dann von den Geschäften, die es hier früher gab.
Rita Emmert ist keine Angehörige von Hildegard, sie hat in Bad Kissingen keine Verwandten. Die Familie der Seniorin lebt in verteilt in ganz Deutschland. Die 55-jährige Hausfrau engagiert sich ehrenamtlich für die katholischen Pfarreiengemeinschaften. Seit einem Jahr ist Emmert jeden Montag im Getrudis. "Ich möchte Leuten helfen, die nicht viel rauskommen, wenn es mich nicht gäbe", sagt sie. Sie hat jahrelang ihren verstorbenen Vater nach dessen Schlaganfall gepflegt und kümmert sich heute um ihre behinderte Schwester. Als sie zuhause das Gefühl hatte, ihr falle die Decke auf den Kopf, hat sie sich entschieden, sich zu engagieren. "Ich mache das, damit ich einen Sinn in der Woche finde. Mein Sinn ist meine Zeit mit Frau Brand", sagt sie.

Fallbezogene Unterstützung

"Eine Stunde Zeit füreinander", heißt die Initiative, mit der die katholischen Pfarreien soziale Einrichtungen und Menschen aus der Nachbarschaft, die Hilfe brauchen, unterstützen. Laut Diakon Christoph Glaser engagieren sich momentan über 60 Ehrenamtliche für die Nachbarschaftshilfe, überwiegend Ruheständler. Helfen kann aber jeder, vom Schüler bis zum Rentner.

"Wichtig ist, dass sich jeder, wie er möchte, einbringt", erklärt der Diakon. Das kann als PC-Begleiter sein, man kann mit den Betroffenen Spazierengehen, oder ihnen bei Arztbesuchen und Behördengängen helfen. Oft reichen Kleinigkeiten und sozialer Kontakt aus. Glaser und zwei Koordinatoren bringen beide Seiten zusammen. "Mir ist wichtig, dass die passenden Leute aneinander vermittelt werden", sagt Glaser. Heidi Manger leitet das Altenheim St. Gertrudis und nimmt die Unterstützung gern an. Zehn freiwillige Helfer (Eine Stunde Zeit, Nachbarschaftshilfe, Malteser Hospizverein) kümmern sich um die Bewohner. "Sie sind fester Bestandteil des Hauses", sagt sie. Ihr Personal ist im zeitlich knapp bemessenen Arbeitsalltag nicht in der Lage, sich derart intensiv mit einzelnen Bewohnern zu beschäftigen. "Selbst Betreuungs assistenten können das nicht auffangen", klagt Manger.

Pflegereform notwendig

Ehrenamtliche Kräfte sind für soziale und Pflegeeinrichtungen wichtig. Das gilt insbesondere für junge Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) oder den Bundesfreiwilligendienst (BFD) absolvieren. Gerade der BFD sollte den Wegfall der Zivildienstleistenden nach Abschaffung der Wehrpflicht kompensieren. Das sei aber nur teilweise möglich, betont Annette Firsching vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Bayern.
"Der Bund fördert so viele Freiwillige wie nie. Aber weil BFD nicht verpflichtend ist, kann nicht alles komplett aufgefangen werden", sagt sie. 84 000 Zivis leisteten bundesweit 2011 ihren Dienst. Dem stehen etwa 35 000 BFD-ler gegenüber. "Eine deutliche Schrumpfung", urteilt Firsching.Das Problem ist ein anderes: FSJ-ler und BFD-ler sind Arbeitsmarkt neutral. "Sie dürften in den Einsatzstellen gar nicht gebraucht werden", kritisiert sie.
Sie werden es aber, denn den Einrichtungen fehlt Personal. Dass so viele Freiwillige benötigt werden, ist ein lauter Hilferuf nach einer Pflegereform.

Eine Stunde Zeit