Es ist verdammt schwierig: Was soll man schreiben, wenn man nicht schreiben darf, nichts schreiben will? Weil jeder Satz zuviel die Spannung zerstört? Denn spannend ist "Perfect Happiness" - im Original heißt es "Volmaakt Geluk" - der beiden Holländer Charles den Tex und Peter de Baan trotz des Titels in höchstem Maße. Womit man zunächst eigentlich nicht unbedingt rechnet, wenn man sich die Ausgangssituation betrachtet.

Da gibt es zwei Glücke, die sich auf Kollisionskurs begeben. Klar, sonst wär's ja auch kein Theater. Da ist das Glück von Tom, einem höchst erfolgreichen Unternehmer, und Ellen, einer ebenso erfolgreichen Juristin, beide schon über 40 - also in einem Alter, in dem unter anderem der Kinderwunsch anfängt aufzuhören. Aber so, wie die beiden zusammen leben, würde ein Kind auch nur stören. Sie haben sich eingerichtet - und auch etwas zurückgezogen - in ihrem durchgestylten Leben, das ihren Umgang miteinander berechenbar macht, das seine Rituale entwickelt hat.

Ein Kind, aber keinen Vater

Und da ist das Glück der - natürlich auch erfolgreichen - Bankerin Mara, einer Freundin der Familie, die die 40 noch vor sich hat und die die biologische Uhr immer lauter ticken hört. Denn sie hat einen dringenden Wunsch: ein Kind. Nur ist sie bekennender Single und möchte sich deshalb nicht einen Mann ans Bein binden. Sie ist also auf der Suche nach einem "One-Night-Vater". Und da sie ein schönes und kluges Kind haben will, kommt als Vater - man hat es ja schon geahnt - nur der langjährige Freund Tom in Frage. Das erklärt sie nicht nur Tom, sondern auch Ellen.

"Naja," denkt man sich, "schaun mer mal, was daraus wird." Und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn was als relativ konventionelle Boulevardkomödie beginnt, endet als brutaler, zynischer Thriller aber wiederum auch nicht so, wie man es eigentlich erwarten würde.

Messerscharfe Analyse

Ingo Pfeiffer hat "Perfect Happiness" mit Sandra Lava (Ellen), Marc Marchand (Tom) und Susanne Pfeiffer (Mara) auf die Bühne des Intimen Theaters gebracht. Und dabei mit größter Genauigkeit eine wirklich fesselnde Intensität entwickelt. Es sind die vielen Zwischentöne, die er herausholt und die das Trio gestaltet, die Formen des Argwohns, der Eifersucht, die sich wuchernd in den Beziehungen einnisten. Da wird messerscharf analysiert und ebenso gespielt. Es ist die Doppelbödigkeit, die absolut plausibel herausgespielt ist, das Auseinanderdriften der äußerlichen und der inneren Schicht, die immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Es sind die vielen abrupten Wendungen in der Entwicklung, die die Handlung in Richtung höchste Alarmstufe treiben, die nicht nur den Zuschauer überraschen, sondern in denen Pfeiffer von seinen drei Leuten genaueste, sich stetig wandelnde Profilierungen fordert. Er verlangt ihnen enorm viel ab, aber er bekommt es auch.

Schon der Beginn ist weniger harmlos, als er wirkt. Da ist das Ehepaar, das seine "perfect happiness" zelebriert. Aber man merkt, dass dieses Glück nur Design ist, gesellschaftliche Rollenerwartung, wie die viereckigen Teller, von denen sie ihre Häppchen essen. Es sind Menschen, die miteinander reden, um nichts sagen zu müssen, die sich in Floskeln ergehen und in Pseudodiksussionen. Man weiß nicht, ob Ellen Tom nicht eher verachtet, ob Tom den großen Frauenversteher nur mimt.

Emotionale Splitterbombe

Das ändert sich zunächst auch nicht, als Mara dazu kommt, die zwar so tut, als sei ihr Wunsch nichts Besonderes, aber die genau weiß, welche emotionale Splitterbombe sie da zündet. Natürlich muss Ellen die liberale Fassade wahren und das ganze selbstbeherrscht als Schnapsidee abtun. Und Tom muss beleidigt sein, dass er zum simplen Samenspender degradiert werden soll. Aber mal eine Nach mit Mara ... mit dem Segen von Ellen ...

Man muss gar nicht erst in das Programmheft schauen, um auf den ersten Blick zu wissen, dass Anita Rask Nielsen das Bühnenbild entwickelt hat: spartanisch in den Mitteln und Formen - es genügen ihr drei aufgehängte, verschiebbare Wandelemente, die schnelle Raum- und Perspektivenverwandlungen ermöglichen - und kühl in den Farben, die den kalten Atem des Designs weitertragen. Die Individualisierung kommt aus den Kostümen von Jutta Reinhard, die allerdings auch geschickt die Floskeln dieser durchgestylten Welt bedienen. Heimeligkeit und Gemütlichkeit sehen anders aus. Ein Thriller als Gesamtkunstwerk. Aber man darf ja nichts verraten.