Es gibt sie auch in Bad Kissingen, die großen musikalischen Ereignisse, zu denen sich die Bürger der Stadt treffen um die Ihren agieren zu sehen, zu erleben und zu feiern, was möglich ist in einer Kleinstadt mit engagierten Kulturschaffenden. Seit Jahren ist eines dieser Ereignisse das große gemeinsame Konzert des Münsterchores Herford und der Kantorei Bad Kissingen im Regentenbau, das seine Entstehung und sein Fortbestehen der Freundschaft zwischen dem ehemaligen Kantor der Erlöserkirche Bad Kissingen und jetzigen Kantor am Herforder Münster Stefan Kagl und dem Kantor an der Herz-Jesu-Kirche Bad Kissingen Burkhard Ascherl verdankt. Die beiden zusammen haben den Riesenchor, den sie brauchen, um die großen Chorwerke des 19. Jahrhunderts aufführen zu können, die man sonst auf dem flachen Land nicht zu hören bekommt.

Logistische Herausforderung

Natürlich gehören eine ganze Menge logistisches Geschick, Enthusiasmus und eine gewaltige Portion Begeisterungsfähigkeit bei den Organisatoren und Engagement bei den Sängern dazu, wenn man ein solches Großprojekt in zwei 300 km voneinander entfernten Orten durchführen will. Aber das Kissinger Publikum weiß, dass all das vorhanden ist und die Konzerte den Aufwand lohnen. Und so war der Große Saal unten und oben sehr gut gefüllt für eines der großartigsten Werke der Kirchenmusik, bei dem so manch einer Zweifel anmeldet, dass es dazu überhaupt gehört,

Giuseppe Verdis ‚Messa da Requiem‘, das der zum Tod Rossinis 1868 mit Beiträgen von neun anderen Komponisten geplant hatte und nach dem Scheitern des Gemeinschaftsprojekts dann zum Tod des Schriftstellers Manzoni 1873 alleine in Angriff nahm.

Verweigerung der Deutschen

Da war Verdi längst ein europäischer Superstar, seine "Aida" war 1871 zur Feier des Suezkanals in Kairo uraufgeführt worden. Damals hatte er noch strikt abgelehnt, den gesamten Text des Requiems zu verton en, da es doch schon so viele Requiem-Kompositionen gebe und es deshalb sinnlos sei, noch eine zu komponieren. Er tat's, wurde italien- und europaweit gefeiert.. Nur die Deutschen richteten sofort ein Vorurteil auf, das man hier noch heute zu hören bekommt: Das sei doch Opernmusik und einem Requiem nicht angemessen.

Die Bad Kissingen-Herforder Gemeinschaftsproduktion trat unter dem Dirigat von Burkhard Ascherl den Beweis dafür an, dass für uns heute Verdis Komposition weit mehr ist als ein Requiem-Versuch eines Tonsetzers, der nur Oper kann.

Mit den Mitteln des Realismus

Denn Verdi, der dem christlichen Glauben eher skeptisch gegenüberstand, schaffte es gerade mit den Mitteln des Realismus seiner Opern, den mittelalterlichen Text so unmittelbar sinnlich begreifbar zu machen, dass er gerade auf uns Menschen des 21. Jahrhunderts mit der ganzen Wucht der Todesangst und der ganzen tröstenden Innigkeit des Erlösungsversprechens wirkt. Oder - wenn man es auf unser Wahrnehmungsvermögen bezieht: Gerade diese an Kontrasten, unterschiedlichsten formalen Interpretationen, Besetzungswechseln, Zitaten und eher in die Moderne als zurück in Klassik und Barock verweisende Komposition scheint uns näher als viele ihrer so zahlreichen Vorgänger. Verdi hat sich den Text genau angesehen und hat in jedem der sechzehn Teile die ‚parola scenica‘ erkannt, die menschliche Geschichte, die hinter dem Text steht und durch die Musik gestaltet werden muss.

Diese Differenziertheit der Aussage in der Gestaltung eines Riesenapparats aus einem die Hinterbühne des großen Saals füllenden Chor, einem mittelgroßen Orchester und den vier Gesangssolisten zu erarbeiten, haben Ascherl (und Kagl in Herford) durch eine offenbar genau überlegte Interpretation auch der kleinsten Partikel und Übergänge geschafft und dabei ungewöhnliche, neue Zugänge zu einzelnen Stellen eröffnet.

Exzellente Vorbereitung

Burkhard Ascherl leitete mit viel Ruhe und konzentriert ein Ensemble, das in jeder Minute wusste, worauf es ankam. Die Thüringen Philharmonie Gotha zeigte sich exzellent vorbereitet, spielte präsent, präzise, konnte sich zu imposantem Forte aufbäumen wie beim "Dies irae", aber auch an Pianissimo-Stellen, etwa zu Beginn des "Lux aeterna", eine fast mystische Innigkeit erreichen.

Auch die vier Solisten überzeugten. Auch wenn Martin Kochs Stimme kaum die Freiheit und Klarheit eines italienischen Tenors erreichte, sang er zuverlässig seinen Part; Evert Sooster führte seinen sehr wendigen Bass sehr genau. Die beiden Sängerinnen haben im Requiem das Pech, dass Verdi ihre Parts seinen beiden Gesangsstars in "Aida" in die Kehle geschrieben hat und sich an deren Möglichkeiten orientiert hat. So konnte Nathalie de Montmollin nur manchmal wirklich in der hohen dramatischen Lage singen, die ihr wohl liegt, und Barbara Schmidt-Gaden, als Mezzosopran ausgewiesen, musste mit ihrer fulminanten Technik durch die Oktaven bis hinunter in Altlagen intonieren, was sie mit großer Souveränität tat.

Zwei Chöre als Einheit

Die beiden Chöre sangen ihren Part als absolute Einheit; Betrachter von Laienchören fragten sich, warum es in Herford offenbar doch noch so viele Männer gibt, die gerne und gut im Chor singen, denn entgegen allen Trends waren hier beinahe die Frauen im Hintertreffen. So exzellent war die Vorbereitung beider Chöre, dass auch heikle Piano-Stellen klar herüberkamen, dass die Chorfugen angenehm rasch und keineswegs laienchorhaft vorsichtig interpretiert werden konnten und der Refrain, der sich durch die gesamte Komposition zieht, Verdis die Grenzen wohllautender Harmonik überschreitendes und mit den Fortississimo-Schlägen der Basstrommel das Mark erschütterndes ‚Dies irae‘ bei jeder Wiederholung mit der gleichen Intensität über die Zuhörer hereinbrach.

Zum Schluss fehlten die Italiener

Das Publikum hörte dem, was da musikalisch derart eindrucksvoll verhandelt wurde, gebannt zu und feierte die Solisten und das gesamte Ensemble aus Herford, Gotha und Bad Kissingen mit langem und überaus herzlichem Beifall. Für die verdienten Bravos hätte man vielleicht ein paar Italiener im Zuschauerraum haben müssen.