"Krankheit der 1000 Gesichter" wird die Multiple Sklerose (MS) häufig genannt. Das liegt daran, dass die neurologische Erkrankung an allen Stellen des Körpers auftauchen kann. Das musste auch Karin Seufert aus Rottershausen schmerzhaft erfahren: "Los ging es bei mir vor 14 Jahren mit einer Sehnerv-Entzündung, ich bin damals auf einem Auge blind geworden", berichtet die 47-jährige Informatik-Kauffrau. Der nächste schwere Schub kam dann 2009, als die alleinerziehende Mutter plötzlich halbseitig gelähmt war.

Froh über guten Arbeitsplatz

Karin Seufert hat Multiple Sklerose, ins typische Klischee passt sie dennoch nicht: "Ich komme gut klar mit der MS", erzählt sie und lächelt. Und: "Ich bin froh, dass ich diesen Arbeitsplatz habe." Die 47-Jährige ist sehr dankbar, zumindest halbtags im Sekretariat der Bad Kissinger Berufsschule arbeiten zu können. Nach einer Umschulung schaffte sie den Sprung in den öffentlichen Dienst. Die Rentenversicherung stattete ihren Schreibtisch behindertengerecht aus: Ein spezieller Stuhl und ein höhenverstellbarer Tisch erleichtern Karin Seufert die Arbeit. Nur der Stock in der Ecke erinnert an die MS, aber selbst den braucht sie nicht immer.

Als sie mit 34 Jahren die MS-Diagnose bekam, war es zunächst ein Schock. Mit Kortison und Blutwäsche konnte zwar ein Teil der Sehstärke auf dem einen Auge wieder hergestellt werden, aber: "Ich habe immer einen grauen Schleier", beschreibt sie den heutigen Zustand. Ein halbes Jahr war sie damals in Behandlung, dnach steckte sie den Kopf in den Sand: "Ich habe die MS einfach verdrängt und wollte nichts damit zu tun haben."

Acht Wochen in der Klinik

In den Jahren danach hatte Karin Seufert immer wieder Taubheitsgefühle an verschiedenen Stellen des Körpers, der nächste große Schub kam dann 2009: Wie bereits beim ersten Schlag hatte die Informatik-Kauffrau Stress: Sie renovierte ihr altes Haus in Rottershausen, plötzlich stand sie auf dem Dach und die linke Körperhälfte streikte. "Damals war ich acht Wochen in der Klinik, die haben mich wieder aufgepäppelt", sagt sie heute. Und: "Ich kann wieder gut laufen." Die Kraft für die Bewältigung der Krankheit schöpft die 47-Jährige aus ihrem Glauben: "Jesus begleitet mich, ich kann nicht tiefer fallen als in seine Hände", sagt sie - und lächelt erneut.

Monatliche Treffen

Gleichzeitig trat sie damals der MS-Selbsthilfegruppe Bad Kissingen bei: "Wir treffen uns jeden zweiten Mittwoch im Monat von 14 bis 16 Uhr im katholischen Gemeindezentrum in Bad Brückenau", berichtet Gerda Peters, die die Gruppe vor 30 Jahren mitgegründet hat. Die 76-Jährige ist selbst nicht betroffen, sondern kam über ihre Freundin Heidi Stipannie auf die Idee, die Gruppe zu unterstützen. Zehn Betroffene trafen sich am 6. Juni 1984 zum ersten Mal, heute kommen 18 MS-Patienten regelmäßig zu den Treffen, tauschen sich aus, holen sich Referenten und machen Ausflüge.

"Früher bedeutete die Diagnose MS automatisch die Verrentung", sagt Oberarzt Stefan Schlesinger, Leiter der Abteilung Neuro-Immunologie und der Arbeitsgruppe Multiple Sklerose im Rahmen des MS-Kompetenzzentrums am Rhön-Klinikum Bad Neustadt. Heute sei es eines der wichtigsten Ziele, die Patienten möglichst lange im Berufsleben und in ihrem festen gesellschaftlichen Umfeld zu halten: "Wir wollen die Behinderung nicht nur verlangsamen, sondern ganz vermeiden", betont Schlesinger.

Ein Baustein sei bereits die frühe Diagnose: MS werde immer früher, aber leider auch immer häufiger entdeckt: "Grundsätzlich steigt die Häufigkeit aller Autoimmun-Erkrankungen", berichtet Schlesinger, das gelte für Allergien, aber eben auch für MS, die der Oberarzt kurz als "chronisch entzündliche Reaktion an den Kabeln in Kopf und Rückenmark" bezeichnet. Das heißt: Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden angegriffen - im schlimmsten Fall so sehr, dass sie ganz ausfallen und damit Lähmungen oder den Verlust von Sinneswahrnehmungen nach sich ziehen.

Das Bad Neustädter Kompetenzzentrum arbeitet seit vielen Jahren an Diagnose und Forschung, betreut Betroffene und Angehörige. Die Klinik mit ihrem MS-Nurse-Team ist von der DMSG zertifiziert und bildet sogar Mitarbeiter in anderen MS-Zentren aus. "Wir haben in unserer Datenbank über 2700 Patienten aus der Region, also aus Hessen, Bayern und Thüringen", berichtet Schlesinger.

Besonders wichtig sei, den Überblick bei der umfangreichen Forschung zu behalten: "Alle drei, vier Monate kommt ein neues Präparat heraus", berichtet der MS-Spezialist. "Man manipuliert dabei natürlich immer am Immunsystem", nennt Schlesinger als Herausforderung bei der Behandlung. Trotzdem begrüßt er natürlich, dass sein Team immer differenzierter auf die unterschiedlichen Ausprägung der "Krankheit der 1000 Gesichter" eingehen kann: "Von Heilung will ich nicht sprechen, aber wir haben die Krankheit heute gut unter Kontrolle."