Wenn Organisten in die Vollen gehen, dröhnt die Orgel. Dieses "Bad im Schall" genießen viele Kirchenmusiker zwar, aber es birgt auch etliche Gefahren. Beim Landeskonvent der hauptberuflichen Kirchenmusiker der bayerischen evangelischen Landeskirche in Rothenburg o.d. Tauber referierte der Bad Kissinger Kantor Jörg Wöltche über das "Risiko Orgelspiel". Wöltche ist Experte und Betroffener zugleich. Er wirbt für mehr Sensibilität beim Thema Schallbelastung für Musik-Arbeiter. Der Evangelische Pressedienst (epd) zeichnete folgendes Gespräch mit ihm auf.

Hallo Herr Wöltche, hören Sie mich?
Jörg Wöltche: Ja, ich höre Sie noch. Aber wenn ich meine Hörgeräte ausschalten würde, klängen Sie ziemlich dumpf.

Das klingt so, als würde Orgelspielen schleichend taub machen...
Es geht nicht nur ums Orgelspielen, sondern ums Musizieren an sich, als Dirigent, als Posaunenchorleiter, und so weiter. Aber natürlich auch um einige Orgelspieltische, an denen die Lärmbelastung besonders groß ist.

Wo genau liegen die Risiken?
Wenn ein Musiker zu lange einer höheren Schallbelastung als 85 Dezibel ausgesetzt ist und man nicht auf einen geeigneten Gehörschutz für Musiker achtet, kann man tatsächlich nach und nach ertauben.

Was kann der Musiker tun, um sich und sein Gehör zu schonen?
Seit Anfang der 1990er Jahre werden die Arbeitsplätze von Orchestermusikern auf die Schallbelastung vermessen. Vorreiter war die Schweiz, weil dort die Versicherungsprämien bei einer Berufsunfähigkeit besonders hoch sind. Deshalb hat eine Versicherung in diesem Bereich mal Grundlagenforschung betrieben.

Und was kann man konkret tun?
Es gibt die Möglichkeit, die Musikerräume so zu gestalten, dass die Schallbelastung reduziert wird. Wenn das - etwa im Orchestergraben - nicht möglich ist, kann man mit Plexiglaswänden arbeiten, die den Schall über die Musiker hinweg leiten.

Sind große Orgeln automatisch auch eine größere Belastung?
Die Größe sagt nichts aus, es geht um den Schalldruck am Spieltisch. Wenn der geschickt in die Orgel hineingebaut ist, sodass zum Beispiel die großen Pfeifen oben drüber sind, kann das unproblematisch sein - hingegen kann auch eine Dorforgel, bei der ein Organist vor der schreienden Mixtur sitzt, ein existenzielles Problem sein.

Orgelbauer müssten bei der Konstruktion also mehr Augenmerk auf eine geringere Schallbelastung für die Organisten legen?
Ja, schon, aber man muss erst eine Sensibilität dafür entwickeln. Nach den bisherigen Schallschutzverordnungen war das auch kein Problem, jetzt aber gelten neue Höchstwerte. Dass man als Musiker ein Recht auf deren Einhaltung hat, muss man ja auch erst einmal wissen.

Das Problem betrifft Ihren Schilderungen zufolge dann nicht nur Musiker, sondern auch Dirigenten.
Ja, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Bevor ich mein Hörgerät bekommen habe, habe ich den Geigen gesagt, sie müssen ein bisschen heller spielen, ein bisschen feiner, weil ich sie kaum noch gehört habe - dann stellt sich meine Konzertmeisterin vor mich hin und sagt, die Geigen sind so schrill, sie hört die Bratschen gar nicht mehr. Das ist für einen Musiker furchtbar, diese Situation.

Was, wenn die Instrumente baulich einfach zu laut sind?
Man kann ganz gut mit Plexiglas arbeiten, um die Schallbelastung zu reduzieren. Ich kenne eine Kirchengemeinde, die hat ihre "schreiende" Orgel komplett in Plexiglas eingebaut, weil sie zu laut und der Orgelbauer nicht bereit war, da grundlegend etwas daran zu ändern.

Auf welche Signale seines Körpers sollte man achten, um noch rechtzeitig reagieren zu können?
Wenn man beim Üben merkt, dass es nach fünf Minuten Tutti-Spielen in den Ohren klingelt und schreit, dann sollte man sich ein Schalldruckmessgerät besorgen. Wenn es dann messbar zu laut ist, sollte man schnell handeln - etwa mit einem einpassbaren Gehörschutz, der direkt in die Ohren gesetzt wird, der den Schalldruck vermindert. Wenn man schon eine Schwerhörigkeit hat, sollte man sich dringend ein Hörgerät besorgen.

Es heißt doch immer, Hörgeräte seien nichts für Musiker?
Das ist seit einiger Zeit falsch. Es gibt seit ungefähr zweieinhalb Jahren eine neue Technik, die genau die ausgefallenen Frequenzen, die man selbst nicht mehr gut hört, verstärkt, und alles andere natürlich belässt.

Es muss heute also niemand mehr wie einst Beethoven leiden?
Nein. Das Wichtigste dabei ist, dass man frühzeitig eingreift. Alles, was über die natürliche Alterung des Gehörs hinausgeht in der Hörkurve, ist ein Warnsignal. Man kriegt den schleichenden Verlust von einzelnen Frequenzen nicht mit, man merkt gar nicht, dass sich plötzlich alles dumpfer anhört - das erkennt man erst, wenn man es behoben hat. Ich höre in Mahlers Sechster wieder die Triangel - oder Vögel im Wald, das ist fantastisch!

Wer kommt denn bei Kirchenmusikern dafür auf, wenn die sich das Gehör ruiniert haben?
Bei Nebenamtlichen wird das Problem vermutlich gar nicht auftreten, weil die wöchentliche Gesamtbelastung zu niedrig ist. Es wird aber Nebenamtliche mit Tinnitus geben, da muss man mit Plexiglas oder Gehörschutz etwas machen. Ersteres müsste der Arbeitgeber bezahlen, und er muss auf die Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften achten. Bei Hauptamtlichen sieht das etwas anders aus, da geht es ja um den Erhalt der Berufsfähigkeit. Da muss man mit den Kostenträgern meistens ein bisschen kämpfen. Weder die Renten- noch die Krankenversicherung sind natürlich scharf darauf, ein teures Hörgerät zu bezahlen. Das ist aber allemal billiger als eine jahrzehntelange Berufsunfähigkeit.

Wir reden die ganze Zeit von den Ohren. Hat die Schallbelastung auch noch andere schädliche Auswirkungen auf den Körper?
Auf den Körper wohl nicht, aber psychosoziale Folgen hat sie. Wenn man sich immer die Hand ans Ohr halten muss, das ist nichts. Es ist wichtig, dass man bei beginnender Hörschwäche sofort reagiert, weil das Gehirn sonst schnell verlernt, gewisse Frequenzen auch mit einer guten Hörhilfe noch zu hören. epd


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