Rumms! Die Granate platzt mit einem Knall. Ein Übungsgerät, das nur qualmt. Aber das gepanzerte Fahrzeug kommt zum Stehen. Soldaten hetzen umher, Verwundete stöhnen, Frauen schreien. Wie sie in solchen Momenten kühlen Kopf bewahren, üben Soldaten auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken (Lkr. Bad Kissingen). Doch bei dieser Übung geht es um mehr. Um den Umgang mit Frauen in einem fremden Land. Und deren Rechte.
17 Monate hat Major Nils-Alexander Simon insgesamt in Afghanistan verbracht, verteilt auf vier Einsätze. Szenen wie die beschriebene blieben ihm erspart. Aber er hatte Kontakt zu Einheimischen; mit einem afghanischen Kommandeur unterhielt er sich mehrere Stunden. Der erzählte ihm über die afghanische Seele - und den Stellenwert von Frauen in dem Land.

Strenge Rollenbilder

Die Frau bedeutet in der von Stammesstrukturen und Ehrenregeln geprägten afghanischen Gesellschaft meist nicht viel - aber manchmal alles. Über Frauen spricht man(n) nicht; sie werden ignoriert. Erkundigt sich ein Europäer nach den Kindern eines Afghanen, wird der zum Beispiel sagen: "Ich habe drei Söhne." Bei der Frage nach den Töchtern wird er dasselbe antworten, berichtet Simon, selbst Vater dreier Kinder.
Ein Mann, der seine Frau in die Nähe eines Fremden lasse, zum Beispiel zum Essen reichen, beweise großes Vertrauen. Doch sie in irgendeiner Form zu berühren: Das sei tabu.
Was das alles mit der rasanten Übung in Wildflecken zu tun hat? Die afghanischen Rollenbilder sind strengstens zu beachten, selbst in von Blut und Tränen geprägten Situationen. Auch dann, wenn es um Leben und Tod geht. Eine schwierige Sache, müssen Verwundete doch so schnell wie möglich versorgt werden. Und die Soldaten stehen unter Stress. Können doch neben der explodierten Sprengfalle weitere versteckt liegen. Oder irgendwo Gotteskrieger lauern.
Das Problem: Männliche Bundeswehrangehörige dürfen verwundete islamische Frauen auf keinen Fall berühren. Nicht einmal, wenn es sehr schlecht um sie steht. Die Marschroute für die Soldaten auch in Extremsituationen: Wenn der eigenen Einheit eine Frau angehört, muss die sich um die Verletzte kümmern. Steht keine bereit, muss der männliche Begleiter der Frau angesprochen werden. Fehlt der, wird eine vielleicht anwesende Afghanin instruiert, die Verletzte zu versorgen. Aber nur hinter einem Sichtschutz.
"In Afghanistan bedeutet das Gastrecht viel. Als Gast ist man relativ geschützt", berichtet Simon, der nach seinem Einsatz wieder als Presseoffizier am Standort Hammelburg arbeitet. Doch wer gewisse Regeln breche, gar die Religion seines Gegenübers beleidige - für den werde es ungemütlich. Oft sogar lebensgefährlich. Deswegen üben Soldaten und Soldatinnen unter anderem die Bergung muslimischer Verletzter.
Eigentlich sollte das auch zum Wildfleckener Rollenspiel mit 26 Beteiligten gehören. Eine Mitarbeiterin der Vereinten Nationen (UN) wurde bei der Explosion getroffen. Und später sollte eine Burka tragende Afghanin bei einem Schusswechsel verwundet werden.
Doch der zweite Teil der Übung fiel aus. Die Soldaten waren zu sehr mit der Sicherung des Einsatzortes beschäftigt. Kein Raum für eine zusätzlich inszenierte Eskalation der Lage. So wurden die UN-Angehörige und weitere männliche Verletzte versorgt und in ein Haus gebracht, die Burkaträgerinnen weggeschickt. Den zehn bis 15 zivilen Beobachtern hinter einem Gartenzaun dürfte das kaum aufgefallen sein. Sie gehörten zur Interministeriellen Arbeitsgruppe zur UN-Resolution 13/25. Die besagt, dass Frauen verstärkt in die Verhinderung von Krisen, das Bewältigen von Konflikten und die Friedenssicherung einbezogen werden sollen. Außerdem sollen sie vor Gewalt, insbesondere sexueller Natur, geschützt werden. Die Rechte von Frauen und Mädchen gilt es zu achten - und zu verteidigen. Zehn Prozent der Armeeangehörigen sind weiblich. Ein Riesenvorteil für den Einsatz in Afghanistan, aber auch in künftigen kriselnden Einsatzgebieten, zum Beispiel in Afrika. Denn das Verhältnis Frau zu Frau sei meist unproblematisch, sagt Simon.