Novi schließt die Augen. Es sind ein paar Grad über Null. Seine Wohlfühltemperatur. Das schwarze Fell saugt die Sonnenstrahlen auf, die alle so sehnsüchtig erwartet hatten. Nur ein paar Wolken unterbrechen den Frühling in der Hochrhön an diesem Vormittag. Carmen Kronester versenkt ihre Finger in den dicken Haaren und krault Novi zwischen den Ohren. Der hält inne. Eine Tonne Kuschelgewicht bringt der Auerochsenbulle auf die Waage.

Zahm sind die Tiere eigentlich nicht. "Sie sollen ihr natürliches Herdenleben leben", sagt Carmen Kronester. Sie hat vor zwölf Jahren eine kleine Gruppe mit sechs Auerochsen in die Hochrhön nach Fladungen geholt. Inzwischen leben auf 22 Hektar 30 Tiere. Erst vor ein paar Tagen hat die Horde Zuwachs bekommen. Bei der Geburt auf 800 Höhenmetern ist alles gut gegangen. Die Mutter hält ihr Kalb versteckt. Carmen Kronester weiß, wo es ungefähr liegt. "Die Tiere regeln alles unter sich", sagt sie. Die 60-Jährige greift nicht ein. Fast nicht. Bei einer Fußverletzung hat sie einmal ein Kalb versorgt und ein anderes mit der Flasche unterstützt, als es nicht trinken wollte. Sie kontrolliert jeden Tag, ob noch alle da sind und ob ein Tier verletzt ist. Diese Arbeit ist im Winter einfacher als im Sommer - obwohl sie dafür mit ihrem Pick-up über eine vereiste Ruckelpiste holpern muss.

Tierische Naturschützer

Die Ochsen sind Landschaftspfleger auf vier Hufen. Sie halten die Weidengräser auf den Feldern der Hochrhön kurz, wo kein Landwirt mähen kann. Ein Mineralstein zum Lecken, Wasser aus dem Bach, und die sanften Riesen sind zufrieden. Im Winter füttert Carmen Kronester die Tiere mit Heu vom eigenen Feld. Nur dann trifft sie ihre Herde auf einem Haufen. Für die jährliche Blutprobe treiben zwei hessische Cowboys die Ochsen auf den weiten Weiden zusammen. Wanda wuchtet sich hoch. Die Tiere, die um sie herum gedöst oder gefressen haben, machen ihr Platz. Die 13-jährige Kuh hat das Sagen. Sie ist noch eine vom alten Schlag, eine der ersten Tiere, die Carmen Kronester in die Hochrhön umgesiedelt hat. Wanda genießt einige Vorrechte, hat aber auch Pflichten. "Wenn alle anderen liegen und ruhen, steht sie als einzige und beobachtet", sagt Carmen Kronester. Sie schützt, maßregelt und erzieht. Die Tiere sind sensibel.

Die unterschiedlichen Charaktere ihrer Auerochsen faszinieren die 60-Jährige, die Tierpsychologie und Tiernaturheilkunde studiert hat. Ihre Auerochsen hält sie aus Überzeugung. "Man muss nicht so viel Fleisch essen, dann können Tiere auch so gehalten werden." Ihr Anspruch lautet "gesundes Fleisch". Sie versucht, die Leute dazu zu bringen, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen. In ihrem zertifizierten Biobetrieb werden fünf bis sechs Tiere pro Jahr geschlachtet. Ein Jäger schießt die Tiere auf freiem Feld. Eine Sondergenehmigung macht´s möglich. Carmen Kronester will ihnen möglichst wenig Stress zumuten.

Besonderer Preis für Mittelmühle

Bei den bayerischen Öko-Erlebnistagen hat der Biohof Mittelmühle in Fladungen im vergangenen Jahr den Sonderpreis "Naturschutz und Ökolandbau" erhalten. Für Carmen Kronester die Bestätigung, dass die Arbeit ihrer Familie ankommt.

Ob Novi weiß, was er mit seinen spitzen Hörnern ausrichten könnte, zwischen denen Carmen Kronester ihn herzt? Egal. Der Bulle schlummert gemütlich in seinem Heu-Bett. Von hinten brüllt einer der jungen Auerochsen. Novi ruht in sich. Und das färbt ab.