Bürgerkriege, Katastrophen und Krisenszenarien in aller Welt beherrschen aktuell die Nachrichten. Wie nah der Gaza-Konflikt, die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer oder die Kämpfe im Irak sind, lässt sich an der Zahl der Asylbewerber in Unterfranken ablesen: 201 im Mai, 260 im Juni, 328 im Juli. Und: "Die Augustzahlen dürften die Julizahlen deutlich überschreiten", sagt Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken. Insgesamt rechnet die Regierung für das laufende Jahr mit 3200 Asylbewerbern, die im Bezirk untergebracht werden müssen: Fast doppelt so viele wie 2013, fast zehn Mal so viele wie 2009. Das wirkt sich auch im Landkreis Bad Kissingen aus.

Jede Woche sechs Flüchtlinge

"Die Menschen kommen, weil die Erstaufnahme-Einrichtung voll ist", berichtet der amtierende Landrat Emil Müller (CSU). Er wurde in seiner Vertretungszeit von der Nachricht aus Würzburg überrascht, dass dem Landkreis ab sofort jede Woche sechs Asylbewerber zugewiesen werden. Weil die vier Gemeinschaftsunterkünfte im Kreis voll sind (siehe Info-Kasten), müssen die Asylbewerber bereits ab heute dezentral untergebracht werden. "Andere Landkreise machen das schon lange, für uns ist das neu", sagt Müller.
"Wir haben jetzt Feuerwehr gespielt", verweist der stellvertretende Landrat darauf, dass die Unterbringung schnell organisiert werden musste. Deshalb sei auch nicht auf eine gleichmäßige Verteilung geachtet worden: Obwohl die Stadt Bad Brückenau in Volkers eine Unterkunft mit 100 Plätzen hat, fiel die Wahl nun auf den Stadtteil Wernarz. Bereits am Mittwoch kommt eine sechsköpfige Familie im Landgasthof "Weißes Ross" an.
"Wir sind heute schon ganz schön ins Schwitzen gekommen", sagte Jürgen Treichel vom Wernarzer Hotel am Dienstag über die Vorbereitungen. Geplant sei, den Hotel-Betrieb komplett auf Asylanten umzustellen. Das liege allerdings nicht etwa daran, dass das Haus sonst leer stehe, betont Treichel: "Wir haben eigentlich eine hervorragende Auslastung", verweist er auf eine Betten-Belegung von 65 Prozent und gute Bewertungen im Internet. Aber: "Mit Dauergästen haben wir natürlich einen geringeren Aufwand."

Bis zu 30 Plätze in Wernarz

Die Asylbewerber würden wie ganz normale Hotel-Gäste behandelt, inklusive Vollpension. Bis zu 30 Plätze stehen laut Treichel im "Weißen Ross" zur Verfügung. In der kommenden Woche sollen die nächsten sechs Asylanten kommen. "Mal schauen, wie das Umfeld das Ganze annimmt."
Eher verhalten ist die Reaktion von Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks. "Wir sind in Volkers mit derzeit 93 Asylbewerbern voll ausgelastet, damit haben wir als Stadt schon viel zu leisten", kommentiert sie die vor kurzem eingerichtete Gemeinschaftsunterkunft. Dankbar ist sie für die gute Unterstützung der Flüchtlinge durch viele ehrenamtliche Helfer. "Es geht ja um Menschen, es geht nicht um das Abstellen von Fahrrädern", betont Meyerdierks und spricht sich dafür aus, die Asylbewerber möglichst gleichmäßig im Landkreis zu verteilen. "Man sollte jetzt nicht die leeren Häuser in den kleinen Orten voll machen."
Das sieht auch Landrat Emil Müller so: "Jetzt ging es um eine Sofortmaßnahme, aber wir werden in Zukunft versuchen, das gleichmäßiger zu verteilen." Und ganz konkret: "Wenn wir in Bad Kissingen Plätze finden, kommt auch Bad Kissingen an die Reihe." Auf alle Fälle solle es jedoch "eine gewisse Bündelung geben", damit die Betreuung einfacher werde. Die Flüchtlingsfamilie wird heute in Wernarz von einem Mitarbeiter des Jugendamtes begrüßt, wie die Betreuung in Zukunft aussehe, etwa ob direkt vom Landkreis oder über die Caritas organisiert, sei aber noch offen. Der Ansturm an Asylbewerbern komme einfach zu schnell: "Da müssen wir noch Personal aufbauen und Strukturen schaffen", kündigt Müller an.

Verteilung Das Bundesamt für Migration hat heuer bis Ende Juli 2014 bereits 96 540 Asylbewerber gezählt, Tendenz steigend. Bis zum Jahresende werden 200 000 Flüchtlinge erwartet. Davon kommen 15 Prozent nach Bayern und davon wiederum 10,8 Prozent, also rund 3200 Personen, nach Unterfranken.

Entwicklung Aktuell kommen so viele Flüchtlinge wie in den frühen 1990er Jahren. Ende Juli wohnten in Unterfranken 3239 Asylbewerber und 63 so genannte Kontingentflüchtlinge, die während des Bürgerkrieges in Syrien auch ohne Asylantrag Schutz in Deutschland genießen. In den aktuell 18 Gemeinschaftsunterkünften im Bezirk wohnen 1985 Asylbewerber, weitere 1254 sind dezentral an insgesamt 76 Standorten untergebracht. Neue Gemeinschaftsunterkünfte sind derzeit in Ebern (Landkreis Haßberge, 75 Plätze), Fladungen (Rhön-Grabfeld, 50) und Kitzingen (100 Plätze) geplant.

Landkreis Im Landkreis Bad Kissingen wohnten Ende Juli 316 Asylbewerber: 102 in der Gemeinschaftsunterkunft Münnerstadt, 85 in Volkers (aktuell 93), 76 in Hammelburg sowie 53 in Ebenhausen.